"A Song for Tomorrow": Die ersten Kletterrouten im Qingfeng Valley | BERGSTEIGER Magazin
Mayan Smith-Gobat und Ben Rueck in China

"A Song for Tomorrow": Die ersten Kletterrouten im Qingfeng Valley

Im April schlossen sich Mayan Smith-Gobat und Ben Rueck mit den beiden chinesischen Kletterern Liu Yongbang und Xiao Ting für eine Expedition ins Qingfeng Valley, an der Grenze des Zhangjiajie, dem größten Nationalpark Chinas, zusammen. Erstmals wurde einem Kletterteam die Genehmigung zur Begehung der riesigen Sandsteintürme erteilt. Die anspruchsvollen Wände dieser freistehenden Riesen verlangten dem Team seine gesamten Fähigkeiten und eine Menge Mut ab, bis es mit erfolgreichen Erstbegehungen belohnt wurde.
 
Sportkletterin Xiao Ting lernt ihr Land neu kennen. © Adidas ourdoor/Frank Kretschmann
Sportkletterin Xiao Ting lernt ihr Land neu kennen.
Das Qingfeng Valley liegt im Gebiet des Zhangjiajie, dem ersten und größten Nationalpark Chinas im Herzen der Huan Province. Es ist eines der bekanntesten Naturschutzgebiete des Landes, mit einer langen und reichen Geschichte. Eine multikulturelle Region, in welcher ursprünglich Menschen aus mehr als dreißig ethnische Gruppen lebten und das Land um die Türme bewirtschafteten. Die größte Gruppe, die "Tujia", was so viel heißt wie "Menschen der Erde", hatten keine geschriebene Sprache. Stattdessen nutzten sie Musik um ihre Geschichten, ihre Sprache und ihre Kultur zu bewahren. Die Lieder wurden so einzigartig und zeitlos wie die gewaltigen Türme, welche sie vor der Außenwelt beschützten.

Erste Kletter-Genehmigung im Nationalpark

Abgesehen von der reichen Geschichte der Region, hatten Parkvorschriften Kletterer daran gehindert, die unzähligen orangen Sandsteintürme von einer Höhe zwischen zwei- bis dreihundert Metern zu begehen. Von den einzigartigen Herausforderungen angezogen, welche die Region versprach und davon überzeugt, den Einheimischen eine neue Möglichkeit zu bieten, diese beeindruckende Landschaft zu schätzen, kamen Mayan Smith-Gobat und Ben Rueck im April 2016 nach China. Mit der Hilfe von Jiujiuxiang (Jojo), einem unerschütterlichen Tujia, erhielt die Gruppe schließlich die Genehmigung, die ersten Kletterrouten im Qingfeng Valley zu erschließen.

Ben und Mayan luden die Kletterer Abond und Ting, sowie einige Einheimische dazu ein, sie zu begleiten. In der Hoffnung, ihnen neue Fähigkeiten beizubringen und sie dazu zu bewegen, das Erschließen von Kletterrouten in der Region fortzusetzten. Ziel war es, die Wände mit einem Minimum an fixierten Sicherungen zu versehen und die Natur so unberührt zu lassen, wie nur möglich. Die Routen an den freistehenden Türmen waren anspruchsvoll – sowohl körperlich als auch mental. Um die großen Herausforderungen zu meistern, die diese Expedition ihnen in den Weg stellte, mussten sie herausragende Fähigkeiten in vielen Facetten ihres Sports vorweisen.



Während Mayan eine ausgezeichnete Big-Wall-Kletterin ist und häufig beängstigende, lange Routen wählt, ist Ben für seinen harten, traditionellen Kletterstil und seine vielen Erstbegehungen bekannt. Mayan und Ben sind regelmäßige Kletterpartner und bilden ein eingespieltes, flexibles Team. Auch wenn die Sportkletterer Ting und Abond noch relativ wenig Erfahrung im traditionellen Klettern hatten, waren sie sehr bestrebt, das große Kletterpotential des Landes auszuschöpfen und neues zu lernen.

Riskante Zustiege

Nach ihrer Ankunft erkundete das Team das Tal und die bemerkenswerten Türme. Doch ohne Jiujiuxiang, der in der Region aufgewachsen und einen Großteil seiner Freizeit das Qingfeng Valley erkundet hatte, wären sie in dem Dschungel verloren gewesen. Sein Wissen stellte sich als unbezahlbar heraus, als sie sich den Weg durch das vertikale Labyrinth bahnten. Oft mussten sie sich an Kletterpflanzen festklammern, während sie sich schwer bepackt, steile Gefälle hochkämpften.

In den kommenden Monaten nutze das Team jeden möglichen Tag zum Klettern. Ben und Mayan waren sofort von einer roten Säule und deren dreihundert Meter hohen, glatten Wand angezogen. Sie stiegen auf, in Richtung des Turms, noch ohne eine genaue Vorstellung zu haben, was sie erwarten würde. Es gab keine durchgängigen Risse und der Fels war oft brüchig oder hohl. Die Route abzusichern erwies sich als schwierig und die beiden mussten immer wieder ihren ganzen Mut zusammennehmen, um weiter zu klettern.

Mit weniger Erfahrung an Big-Walls, setzte sich Abond einen kleineren, jedoch schwierigeren Turm zum Ziel. Eine ganz besondere Linie hatte seine Aufmerksamkeit gefesselt. Eine glatte sechzig-Meter-Wand, mit nur wenigen Griffen, bot eine eher körperliche als mentale Herausforderung. Nach einigen Tagen der Anstrengung und dem Verinnerlichen der einzelnen Bewegungen, gelang Abond die erste Begehung von "Kungfu Emperor" (5.13c). Ting nutzte die Möglichkeit, um Erfahrungen im traditionellen Klettern zu sammeln und wagte sich an ihre erste Risskletterei: die Erstbegehung von "Kyo Run" (5.11a). Die vielseitigen Rissformationen stellen das Team dabei immer wieder vor Herausforderungen. Sie reichten von winzig kleinen Spalten, die kaum Platz für ihre Finger boten, bis hin zu weiten Rinnen, in denen sie sich mit ihren ganzen Körpern verklemmen mussten.

Höhepunkt am "Dragons Nest"

Mit der Zeit wurde die Frühlingsluft heiß und schwül und das Tal erwachte zum Leben. Dies brachte nicht nur eine farbenfrohe und lebhafte Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch die Ankündigung der Regenzeit mit sich. Dem Team blieb nur noch wenig Zeit zum Klettern, doch sie standen noch vor einem letzten Projekt. Ein gewaltig überhängender Turm, der ihr Basecamp überragte, sollte ihre finale Herausforderung werden. Während ihrer letzten Woche in China suchten sie einen Weg durch steile Felswand. Die letzten Seillängen hatten die Form einer gigantischen, gefrorenen Welle, durch die nur ein einziger Riss lief, an dem es sich hochzuarbeiten galt. Am Ende standen alle Kletterer auf dem Gipfel des "Dragons Nest" (5.13a) und blickten auf alle Türme, die sie im vergangenen Monaten klettern konnten.

Jiujiuxiang genoss die Zeit mit den Kletterern. Er entdeckte in ihnen einen vertrauten Spirit. Wenn Kletterer unbekannte Gipfel erklimmen, nutzen sie ihr Wissen und ihre Kreativität. Sie drücken ihre Individualität aus und lassen kleine Stücke von sich zurück, für andere, die ihnen folgen. Nach ihrem Monat in China waren Mayan, Ben, Abong und Ting stolz, den ersten Schritt gemacht zu haben, um den Menschen im Qingfeng Valley eine neue Möglichkeit zu bieten, die Schönheit ihrer Umgeben zu genießen und dabei nichts mehr von sich zurück gelassen zu haben, als Information und Inspiration.
 
Mayan Smith-Gobat
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