Himmelspfade: 5 grandiose Grat-Wanderungen in den bayerischen Bergen

Himmelspfade: 5 grandiose Grat-Wanderungen in den bayerischen Bergen

Nicht ohne Grund gelten Grat- und Kammtouren als eine Königsdisziplin des Bergsteigens. Wir stellen Ihnen fünf der schönsten Ziele in Bayern vor.

 
Mannlgrat Hoher Göll © Michael Pröttel
Die 5 schönsten Grat-Wanderungen zwischen Berchtesgadener und Ammergauer Alpen

Traumhafte Gehpassagen mit grenzenlosen Panoramen, luftige Kletterstellen mit beeindruckenden Tiefblicken und einsame Gipfel: all das bieten Gratwanderungen. Vor allem in Bayern gibt es solche in Hülle und Fülle.

Manche sind Wanderern und Bergsteigern wohl bekannt. Andere echte Geheimtipps. Wir stellen Ihnen fünf der schönsten Gratwanderungen zwischen Berchtesgadener und Ammergauer Alpen vor. 
 

1. Eine Rundtour über den Blaubergkamm 

Blaubergkamm
Vor allem der Abstieg vom Blaubergkamm setzt eine gute Trittsicherheit voraus. Foto: Michael Pröttel

Willensstark muss man sein, gleich zu Beginn der vielleicht schönsten Rundtour im Mangfallgebirge. Denn schon nach einer knappen halben Stunde könnte man dem Duft frisch gebackener Kuchen zu den urigen Siebenhütten folgen. Wie gut, dass der Weg am Nachmittag hier noch einmal vorbeiführt.

Die dazwischenliegenden fünf Stunden bieten ein Bergerlebnis, wie man es sich abwechslungsreicher nicht vorstellen kann. Entlang schöner und erstaunlich schmaler Bergpfade geht es zunächst über lichte Waldrücken zur Gipfelflanke der Halserspitz (1882 m) hinauf, wo der heiß ersehnte Blaubergkamm beginnt.

Der präsentiert sich – eher grün als blau – als gutmütiger Latschenrücken und würde sogar den einen oder anderen Trittfehler ohne Absturzgefahr verzeihen. Was seiner freien Aussicht in so gut wie alle Richtungen aber natürlich keinen Abbruch tut.

Beim Abstieg vom Blaubergkamm darf man bei der gleichnamigen Alm übrigens nicht zu tief ins Glas schauen, denn die Schlüsselstelle der Tour kommt am Schluss: der berüchtigte Abstieg in die tief eingeschnittene Wolfsschlucht.

Jetzt sind gute Trittsicherheit und an zwei, drei ausgesetzten Stellen auch Schwindelfreiheit gefragt, damit man sich bei den Siebenhütten unversehrt verwöhnen lassen kann. Am besten mit einem hausgemachten Blaubeerkuchen!

Region: Mangfallgebirge
Schwierigkeit: mittel 
Dauer: 6 Std.
Höhendifferenz: 1250 Hm 
Distanz: 18 Km
Charakter: Ausgedehnte Bergrunde über einen wunderschönen Gebirgskamm. Für den steilen Abstieg durch die Wolfsschlucht braucht man eine gute Trittsicherheit und auch etwas Schwindelfreiheit. Nicht bei Nässe.
Ausgangs- und Endpunkt: Bushalt/ Parkplatz Siebenhütten (790 m)
Route: Parkplatz – Siebenhütten – Hohlensteinalm – Wenigbergalm – Halserspitz – Blaubergschneid – Blaubergalm – Wolfsschlucht – Siebenhütten - Parkplatz


2. Klassiker mit Seeblick: Herzogstand und Heimgarten

Herzogstand und Heimgarten
Wer Herzogstand und Heimgarten überschreiten möchte, sollte früh aufbrechen! Foto: Michael Pröttel

Nicht nur Bewohner des Bayerischen Oberlands wissen: Wer gerne auf glitzernde Seen herabschaut, muss in seinem Bergsteiger-Leben mindestens einmal den vom Herzogstand (1731 m) zum Heimgarten (1790 m) verlaufenden Kamm überschreiten.

Wegen der nahen Seilbahn ist dieser Klassiker freilich alles andere als einsam. Deswegen sollte man möglichst früh starten und noch vor den ersten Ausflüglern am Gipfelpavillon des Herzogstands stehen.

Der frühe Vogel zwitschert einen schönen Nebeneffekt: ganz großes Berg-Kino, wenn sich der morgendliche Hochnebel über dem tief blauen Kochelsee auflöst.

Satt gesehen folgt man dem Kamm nach Westen zum Heimgarten, der großartige Blicke in Richtung Sims-, Staffel- und Starnberger See beschert. Die kleine Heimgartenhütte ist übrigens immer noch genau so urig wie vor 25 Jahren.

Nach der Einkehr steigen die meisten Wanderer wieder zum Walchensee hinab. Viel schöner ist es hingegen dem gesamten Kammverlauf weiter nach Ohlstadt zu folgen. Denn erstens gibt es so weitere Zugaben in Sachen Ausblick und spätestens ab dem Rauheck ist man von Wander-Karawanen gefühlt meilenweit entfernt.

Region: Bayerische Voralpen
Schwierigkeit: mittel
Dauer: 6:30 Std. 
Höhendifferenz: auf 1060, ab 1280 Hm
Distanz: 17 km
Charakter: Vom Herzogstand über Heimgarten bis zum Buchrain sehr aussichtsreiche Kammwanderung die Trittsicherheit erfordert. An Wochenenden sehr beliebt.
Ausgangspunkt: Bushaltestelle Kesselbergsattel (850 m)
Endpunkt: Bf Ohlstadt (670 m)
Route: Kesselbergsattel – Herzogstandhaus – Herzogstand – Heimgarten – Rauheck – Buchrain – Ohlstadt
 

3. Über den Mandlgrat auf Hohen Göll und Hohes Brett

Mannlgrat und Hoher Göll
Versicherte Klettersteigpassagen und unversicherte Kletterstellen bis II warten am Mandlgrat. Foto: Michael Pröttel

Als unbeachtetes Mauerblümchen kann man den Nordwest-Anstieg zum Hohen Göll (2522 m) zwar nicht bezeichnen, doch der Mandlgrat (auch bekannt unter dem Namen "Mannlgrat") steht schon etwas im Schatten des vis-a-vis über dem Königssee aufragenden Watzmann-Grats.

Und deswegen geht es hier selbst an Wochenenden um einiges ruhiger zu als beim berühmten, versteinerten König. Am genau so hoch gelegenen wie geschichtsträchtigen Kehlsteinhaus startend sollte man sich gut eincremen.

Denn am abwechslungsreichen Mandlgrat mit seinen seilversicherten Steilaufschwüngen gibt es genau so wenig Schatten wie bei der anschließenden Karst- und Kamm-Überschreitung vom Hohen Göll über den Großen Archenkopf zum Hohen Brett (2340 m).

Wer eben diese noch anhängt, erlebt eine der großartigsten Bergrunden in den Berchtesgadener Alpen und kann im letzten Teil am netten Carl-von-Stahl-Haus auf den zurückliegenden Hochgenuss anstoßen.

Region: Berchtesgadener Alpen
Schwierigkeit: mittelschwierige Klettersteigpassagen (B), Kletterstellen I-II
Dauer: 8 Std.
Höhendifferenz: auf 1100, ab 1700 Hm
Distanz: 13 Km
Charakter: Sehr lange, landschaftlich einmalige Bergrunde. Mit entsprechender Erfahrung ist der Klettersteig am Mannlgrat auch ohne Klettersteigset möglich. Nur bei stabilem Bergwetter!
Ausgangspunkt: Kehlsteinhaus (1730 m)
Endpunkt: Bushaltestelle Hinterbrand (1130 m)
Route: Kehlsteinhaus – Mandlgrat – Hoher Göll – Gr. Archenkopf – Hohes Brett – Stahl Haus – Mitterkaser - Hinterbrand
 

4. Bike & Hike-Tour auf den Hasentalkopf

Hasentalkopf
Der Hasentalkopf ist wohl eine der schönsten Ecken in den Ammergauer Alpen. Foto: Michael Pröttel

Kühle Kalkulierer, die Zustieg- und Gratlänge in ein rationales Verhältnis setzen, werden vom Hasentalkopf (1797 m) ihre Finger lassen. Und das ist vielleicht auch gut so. Denn diese, nach Ansicht des Autors, schönste Ecke der Ammergauer Alpen lockt nicht mit geografischen Rekorden, sondern mit einer bezaubernden Berglandschaft an der man keinesfalls vorbei eilen darf.

So muss man sich nach dem herrlichen Aufstieg zu Lösertal- und Scheinbergjoch für den kurzen Grat unbedingt Zeit nehmen und jeden – hier und da auch schwindelerregenden – Tritt mit Muse genießen.

Am alten Holzkreuz angekommen, darf man übrigens keinen Schritt zu weit gehen. Nahezu senkrecht stürzt der Hasentalkopf nach Norden hin ab. Ob man nach dem Gipfel-Glück den direkten Steilabstieg über waghalsige Wegspuren nach Westen wagt oder wieder zum Scheinbergjoch zurückgeht, muss jeder selbst entscheiden.

Ans Herz gelegt sei aber allen: Es macht sehr großen Sinn, den Forststraßen-Hatscher zu Beginn und am Ende der Tour mit einem Fahrrad zurückzulegen. Hierzu reicht wegen der sanften Steigung ein Trekking-Bike allemal aus.

Region: Ammergauer Alpen
Schwierigkeit: mittel
Dauer: 4:30 Std. (mit Fahrradunterstützung), 6:00 Std. (ohne Fahrradunterstützung)
Höhendifferenz: 950 Hm
Distanz: 16 Km
Charakter: Kurzer aber landschaftlich wunderschöner Grat in einer ganz besonderen Ecke der Ammergauer Alpen. Beim Zustieg Fahrrad sehr empfehlenswert.
Ausgangs- und Endpunkt: Wanderparkplatz Sägertal (970 m)
Route: Parkplatz – Sägertal – Lösertaljoch – Hasentalkopf – Bäckenalpsattel – Sägertalbach – Parkplatz
 

5. Spektakuläre Königstour: Die Watzmannüberschreitung

Watzmannüberschreitung
Alpine Erfahrung wird bei der Watzmannüberschreitung zwingend vorausgesetzt! Foto: Adobe Stock/ARochau

Dass sich Valentin Stanič im August 1800 »nur« bis zur Mittelspitze des Watzmann wagte, kann man dem slowenischen Pfarrer nicht hoch genug anrechnen. Denn wie sich 68 Jahre später herausstellte, ist die gesamte Gratüberschreitung auch nicht mehr schwerer.

Ob man die Tour mit oder ohne Klettersteigset in Angriff nimmt, hängt von der alpinen Erfahrung ab. Außer Frage steht, dass man die Tour möglichst unter der Woche unternimmt. Denn an schönen Wochenenden platzt das Watzmannhaus aus allen Nähten.

Dank festen Dachsteinkalks trotzt der vom Hocheck (2651 m) über die Mittelspitze (2713 m) zur Südspitze (2712 m) ziehende Grat sowohl den ewigen Kräften der Erosion als auch unzählbaren Kletterhänden, die Griffe und Tritte im Lauf der Zeit aber ziemlich polierten. 

In Sachen objektive Gefahren nicht unterschätzen sollte man aber den langen, Steinschlag gefährdeten Abstieg ins Wimbachtal, bei dem man sich mit Helm sicher nicht over dressed vorkommt.

Region: Berchtesgadener Alpen
Schwierigkeit: schwer
Dauer: 14 Std.
Höhendifferenz: 2400 Hm
Distanz: 25 Km
Charakter: Einmalige Grattour mit überwältigenden Tiefblicken. Absolute Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und Übernachtung auf Watzmannhaus nötig. Längere Passagen im I. Grad ungesichert. Beim Abstieg Steinschlaggefahr berücksichtigen.
Ausgangs- und Endpunkt:  Bushaltestelle/ Parkplatz Wimbachbrücke (650 m)
Route: Wimbachbrücke – Watzmannhaus – Hocheck – Mittelspitze - Südspitze – Wimbachgrieshütte – Wimbachbrücke


 
von Michael Pröttel