Das Watzmannhaus in den Berchtesgadener Alpen: Eine Insel der Nachhaltigkeit
Alpine Nachhaltigkeit auf Hütten

Das Watzmannhaus in den Berchtesgadener Alpen: Eine Insel der Nachhaltigkeit

Im Zuge des Projektes ANAH untersuchen die Sektion München des DAV und Forschende des Instituts für Geographie der Uni Innsbruck unter anderem das Watzmannhaus in den Berchtesgadener Alpen. Der Bergsteiger war bei einem der Feldforschungstage mit dabei.
 
Watzmannhaus Panorama © Markus Röck
Das Watzmannhaus: Eine "Insel der Nachhaltigkeit"
Noch ist es ruhig am Watzmannhaus. Die meisten Hüttengäste sind schon vor Stunden zu den umliegenden Touren aufgebrochen. Das Gros der Tagesgäste wird erst später auftauchen. Lediglich eine kleine Gruppe sitzt zu dieser Zeit bereits auf der aussichtsreichen Hüttenterrasse. An diesem Tag gibt es für sie viel zu tun. Denn die Frauen und Männer sind gekommen, um das Haus auf Herz und Nieren zu untersuchen.

Das Watzmannhaus ist eine von insgesamt sechs Alpenvereinshütten in Bayern und Tirol, die im Zuge des Projektes ANAH von der Sektion München des DAV und dem Institut für Geographie der Universität Innsbruck erforscht werden. Für die Initiatoren des Projektes steht dabei die nachhaltige Bewirtschaftung der Hütten – und wie man diese verbessern kann – im Vordergrund. Dass es die altehrwürdige Bergsteiger-Unterkunft in die Riege der von ANAH untersuchten Hütten geschafft hat, verdankt sie gleich mehreren Faktoren.

"Das Watzmannhaus ist nicht nur ein touristischer Hotspot in den Alpen – auch seine Insellage ist für unsere Forschung sehr interessant", sagt Roman Ossner, Projektverantwortlicher von ANAH bei der Sektion München des DAV.

Roman Ossner, Jutta Kister, Annette Verst
Hüttenwirtin Annette Verst im Gespräch mit Roman Ossner und Jutta Kister vom ANAH-Team. Foto: Markus Röck


10.000 Gäste pro Saison am Watzmannhaus

Auf 1930 Meter Seehöhe liegt das Watzmannhaus bereits in alpinem Gelände und ist nur über mehrstündige Zustiege auf schmalen Pfaden erreichbar. Eröffnet wurde das Haus auf dem Falzkopf bereits 1888 als Stützpunkt für Bergsteiger, die im Gebiet um den Watzmann im heutigen Nationalpark Berchtesgaden unterwegs waren. Zu Beginn war das Haus gerade einmal eine kleine Hütte mit 25 Schlafplätzen.

Über 100 Jahre sowie mehrere Umbauten, Erweiterungen und Rückbauten später zählt das Watzmannhaus mit 200 Schlafplätzen nicht nur zu den größten, sondern auch zu den meistbesuchten Schutzhütten des DAV. Heute nächtigen mehr als 10 000 Hüttengäste
pro Saison auf dem Watzmannhaus.

An diesem Tag spürt man das. Nur wenige Stunden nach der Ankunft der ANAH-Arbeitsgruppe ist die Hüttenterrasse bereits gut gefüllt. Das Team hat sich indes an die Arbeit gemacht. Emsig nehmen die Teammitglieder das gesamte Hüttengelände in Augenschein, führen Gespräche mit Gästen und notieren Daten auf Klemmbrettern.

Zu untersuchen gibt es viel, denn seit einem Umbau im Jahr 2006 ist das Watzmannhaus auch umwelttechnisch äußerst fortschrittlich aufgestellt. Statt eines Dieselaggregates sorgt seither ein mit Rapsöl betriebenes Blockheizkraftwerk für Strom und Wärme. Durch den Um- und Ausbau der Photovoltaikanlage 2020 wird der benötigte Strom nahezu komplett CO2-neutral gewonnen.

"In Kombination dieser beiden Systeme ist der Schadstoffausstoß sehr nah an Null", sagt Thomas Gesell. Er zeichnet bei der Sektion München des DAV für die Hütten verantwortlich und ist ebenfalls Mitglied der ANAH-Arbeitsgruppe.

Thomas Gesell Watzmannhaus
Hüttenreferent Thomas Gesell zeigt, wie das Abwasser auf dem Watzmannhaus wiederaufbereitet wird. Foto: Markus Röck
 

Am Watzmannhaus zählt jeder Tropfen Wasser

Für Gesell gibt es noch einen Faktor, der auf dem Watzmannhaus schon immer eine wichtige Rolle gespielt hatte: Trinkwasser. In einem Karstgebirge wie den Berchtesgadener Alpen sind Wasservorkommen nur spärlich vorhanden. Besonders am Watzmannhaus ist daher jeder Tropfen wertvoll. Aufgrund dessen gibt es in der Hütte keine Duschen für Gäste.

"Für die Größe des Hauses brauchen wir erstaunlich wenig Wasser", so Gesell. Nur 3,5 Kubikmeter werden im Saisondurchschnitt pro Tag verbraucht. Das Wasser kommt aus einer Quelle oberhalb der Hütte, wird in Tanks zwischengespeichert und vor Ort mittels Filter und UV-Anlage zu Trinkwasser aufbereitet. In warmen, trockenen Sommern komme die Wasserversorgung aber schnell an ihre Grenzen. Dann sind selbst die 120-Kubikmeter-Tanks schnell aufgebraucht.

Die Reinigung des Abwassers übernimmt seit 2006 eine vollbiologische Kläranlage. Ein wichtiger Beitrag zum Schutz der Grundwasserqualität im Tal. Mit Lebensmitteln, Getränken und sonstigen Verbrauchsmaterialien wird das Watzmannhaus über eine Materialseilbahn versorgt, die zwei bis drei Mal wöchentlich neue Waren bringt. Dazu gehören auch Produkte aus regionaler Herstellung.

"Die Zusammenarbeit mit Produzenten vor Ort funktioniert erfreulich gut", sagt Hüttenwirtin Annette Verst. Gemeinsam mit Ehemann Bruno und Sohn Paul bewirtschaftet sie das Watzmannhaus bereits seit Anfang 2000. Tagtäglich steht sie in der Küche, um Hüttengästen die schmackhaftesten Gerichte zu bereiten.

Von Klassikern wie Kaiserschmarrn über den berühmten, nach einem Watzmann-Pionier benannten Stanič-Eintopf bis hin zum köstlichen Forellen-Filet aus regionaler Fischzucht ist alles dabei.

Regionales Forellenfilet am Watzmannhaus
Eine Spezialität am Watzmannhaus: Regionales Forellenfilet. Foto: Markus Röck
 

So wird das Watzmannhaus noch nachhaltiger

Die Versorgung der Hütte, ihr Energieverbrauch, die Zusammenarbeit mit Produzenten und Händlern vor Ort – ebenso wie das gesamte Hüttenumfeld und das Mobilitätsverhalten der Hüttengäste: All das sind Punkte, die die Mitglieder von ANAH im Zuge ihrer Feldforschung untersuchen. "In einem eigens dafür entwickelten Indikatorensystem möchten wir erkennen, wo wir etwas zum Besseren verändern können", sagt Jutta Kister.

Sie forscht an der Universität Innsbruck und ist die wissenschaftliche Projektleiterin von ANAH. Nach zwei Tagen Feldforschung ist am Watzmannhaus erneut so etwas wie Ruhe eingekehrt. Jutta Kister und ihr ANAH-Team haben sich an den Abstieg gemacht, denn es gibt noch andere Hütten zu untersuchen und Ergebnisse auszuwerten.

Watzmannhaus Watzmannfrau
Der Kleine Watzmann (Watzmannfrau) abends vom Watzmannhaus gesehen. Foto: Markus Röck

Am Watzmannhaus hat die Forschung aber bereits etwas gezeigt. "Bei der Auswahl der Speisezutaten werden regionale Produkte bevorzugt verwendet. Dafür wurde die Anzahl der Zutaten verringert und viel Wert auf Qualität gelegt", sagt Kister. Verbesserungsmöglichkeiten gäbe es noch in der Verpackungsart.

Hier müssen aber auch Händler und Produzenten mitmachen. "Der Wille ist da, dies kann aber nur im Zusammenspiel gelingen", so Kister. Die Forscherinnen und Forscher waren also nicht das letzte Mal am Watzmannhaus. Denn die Nachhaltigkeit verbessert man
am besten Schritt für Schritt.
 

Wissenswertes zum Watzmannhaus

Lage: Das Watzmannhaus liegt mitten im Nationalpark Berchtesgaden an der Nordseite des Watzmann.

Eigentümer: Sektion München des DAV e. V.

Erbaut: Errichtet 1887 bis 1888. Neubau 1908 bis 1911. Seither mehrmals um- und ausgebaut. Zuletzt 2018 generalsaniert.

Energieversorgung: Blockheizkraftwerk mit Rapsöl, Photovoltaik

Kapazität: Insgesamt 200 Schlafplätze in Matratzenlagern und Mehrbettzimmern sowie im Winterraum.

Zustiege: Von der Wimbachbrücke über die Mitterkaseralm und die Falzalm (mittel, 1270 Hm, 6,9 km, 4 Std.); Von St. Bartholomä am Königssee über den Rinnkendlsteig und den Falzsteig (mittel, 1360 Hm,
8,2 km, 4 ½ Std.)

Touren am Watzmannhaus: Vom Watzmannhaus aufs Hocheck, 2651 m (schwierig, 700 Hm, 2,5 km, 4 Std.); Watzmann-Überschreitung (schwierig, 1130 Hm auf, 2400 Hm ab, 16 km, 10 Std.)

Dieser Artikel ist im Zuge einer Kooperation zwischen der Sektion München des DAV und dem Bergsteiger entstanden.

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Markus Röck