David Lama im Interview: "Meine Eltern sind mit mir gewachsen"

David Lama im Interview: "Meine Eltern sind mit mir gewachsen"

David Lama gehörte jener Generation von Kletterern an, die sich schon als Kinder durch Wände hangelten. Er schmiss die Schule, um sich als Profi dem Bergsteigen widmen zu können und galt als der Alpinist, der nach Meinung vieler den Klettersport in eine neue Dimension führen würde. Am 16. April 2019 verunglückten er und seine Begleiter Hansjörg Auer und Jess Roskelley tödlich am Howse Peak in Kanada. In einem früheren Interview mit dem Bergsteiger sprach der Tiroler über Eigenverantwortung, den Neid der Szene und die Angst der Eltern.
 
David Lama © Manuel Ferrigato/Red Bull Content Pool
Der verstorbene Ausnahme-Alpinist David Lama im Bergsteiger-Interview

Bergsteiger: Sie gelten mit erst 22 Jahren nicht mehr nur als das hoffnungsvollste Talent des Alpinismus, sondern als einer der besten Bergsteiger überhaupt. Wie fühlt sich das an?

David Lama: Es geht nicht so sehr darum, wie sich das anfühlt, sondern was man gemacht hat, um dorthin zu kommen. Aber das zu hören, ist natürlich nett.

 
Hören Sie die Bezeichnung hoffnungsvollster oder gar bester Alpinist häufig?

In letzter Zeit immer öfter.

 
Das ist schon merkwürdig: Seitdem Sie Anfang 2012 die Kompressorroute am Cerro Torre ohne Verwendung von Hilfsmitteln durchklettert haben, werden sie von der Szene gefeiert. Zwei Jahre zuvor, als Sie dort mit einem Kamerateam für die gleiche Aktion angerückt waren, bezogen Sie üble Schelte.
 
Zu Recht. Das muss ich auch zugeben. Man kann eben nicht von null auf hundert gehen. Trotz einiger alpiner Sachen, die ich vorher gemacht habe, war es für mich als reiner Wettkampfkletterer ein totaler Umstieg. Da war der Torre für den Anfang eine ziemlich große Aktion.

 
Wenn Sie jetzt mit mehr Erfahrung zurück blicken: Was haben Sie damals falsch gemacht?

Mmmh. Die ganzen Fakten, die zu der Kritik führten, sind ja bekannt ...

David Lama Cerro Torre
David Lama am Cerro Torre. Foto: Lincoln Else/Red Bull Content Pool

 
Sie haben – unterstützt von einem großen, äußerst medienaffinen Sponsor – Bohrhaken und Fixseile für Kameramänner anbringen lassen, was viele Alpinisten als schlechten Stil verurteilten.

Schlussendlich habe ich einfach etwas probiert. Ich habe versucht, einen Film zu drehen. Zu dokumentieren, was wir dort oben tun. Dabei habe ich meine Fehler gemacht. Im Nachhinein bin ich für mich aber zu dem Schluss gekommen, dass ich lieber einen Schritt zu weit gehe und versuche, meine Visionen zu verwirklichen, als dass ich in der Entwicklung stehen bleibe.

Nur so entwickelt sich auch der Bergsport weiter. Letztlich hat meine Aktion ja auch eine Debatte ausgelöst und in den vergangenen drei Jahren viel bewegt. Das Wort „Show-Alpinismus« ist beispielsweise plötzlich aufgekommen, von dem vorher keiner was wusste.

 
Fühlen Sie sich als Show-Alpinist?

Nein. Kein bisschen. Wenn man hinter seinen Taten stehen kann, hat das nichts mit Show zu tun.

 
Einen Film über die Torre-Besteigung hat es dennoch geben.

Für mich war klar: Wenn man meinen Freikletterversuch am Torre dokumentieren will, muss es was Gescheites werden. Da kam nur ein Filmprojekt mit Red Bull in Frage. Ich denke, dass mit keinem anderen Sponsor der Welt eine derartige Produktion möglich gewesen wäre. Sowohl die Bilder und die Geschichte, als auch die Art und Weise, wie er letztendlich produziert wurde, sind einzigartig.

 
Sie haben von Ihrer Entwicklung gesprochen. Sind diese verbalen Prügel wichtig für Ihren persönlichen Reifeprozess gewesen?

Das glaube ich schon. Es war für mich wichtig, die Grundwerte, wie ich an ein Projekt herangehe, zu überdenken. Ich habe mich in der neuen Materie zurechtfinden und mir – aufgrund dieser Prügel – selbst sehr viele Fragen stellen müssen.

 
Glauben Sie, dass Neid bei der harschen Kritik eine Rolle spielte? Nach dem Motto: Da kommt ein junger Sponsorengünstling mit Geldgebern und einer Vision, die wir uns gar nicht leisten können?

Ja, da bin ich mir inzwischen ziemlich sicher. Aber letztlich ist der Auslöser für eine gerechtfertigte Kritik das eigene Verhalten. Die Bohrhaken und die Fixseile waren nun mal überflüssig.

 
Wobei Sie selbst diese Hilfsmittel nie verwendet haben?

Ich habe sie weder verwendet und auch nicht gesetzt, gelegt oder hinaufgetragen. Das machten alles die Bergführer, die für unsere Kameraleute gearbeitet haben. Aber letztlich war ich derjenige, für den sie angerückt sind. Das war eine der Erkenntnisse: Dass die Verantwortung bei mir liegt und das, was passiert, von mir entschieden werden muss.


Womit hängt es Ihrer Meinung nach zusammen, dass Sie als einer der hoffnungsvollsten Alpinisten gelten?

Wahrscheinlich damit, dass ich schon sehr früh, im Alter von fünf Jahren, zu klettern angefangen habe. Dadurch bin ich – das kann man wohl so sagen – den Alpinisten von früher überlegen.

 
Das heißt?

Es gibt wenige Alpinisten, die im XI. Grad sportklettern und das auf das alpine Gelände übertragen können.

 
Es wird auch gerne viel in ihre Wurzeln hineininterpretiert: Sohn eines nepalesischen Sherpas und einer Tirolerin. Da heißt es: Das muss ja ein Bergsteiger von Format werden. Inwieweit spielt das wirklich eine Rolle?

Sie haben mich schon beeinflusst, klar. Ich war viel mit meinen Eltern am Berg unterwegs. Wandern in den Alpen, trekken in Nepal. Aber meine Eltern sind ja beide keine Kletterer; sie haben sogar erst durch mich damit angefangen. Sagen wir es so: Ich habe die volle Unterstützung meiner Eltern bekommen, aber es war nie ein von ihnen vorgegebener Weg, dass ich Kletterer werde.

David Lama
David Lama war auch im Mixed-Gelände ein herausragender Alpinist. Foto: Manuel Ferrigato/Red Bull Content Pool
 

Reinhold Messner sagte einmal sinngemäß, dass Sie durch ihren Vater eine größere Höhenverträglichkeit quasi in die Wiege gelegt bekommen haben. Ist dem so?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich habe herausgefunden, dass es mir in der Höhe gut geht. Zuletzt an der Chogolisa (7668 Meter hoher Berg im Karakorum, Anm. d. Red.) hatte ich – wie auch mein Seilpartner Peter (Ortner, Anm. d. Red.) – jedenfalls gar keine Beschwerden. Ob das von meinem Vater kommt, von der Mutter oder vom Opa, ist mir schlussendlich relativ wurscht.

 
Ihren ersten Sponsoringvertrag erhielten Sie noch im Kindesalter.

Ja, mit zehn oder elf Jahren. Es ging damals sogar zwischen zwei Herstellern hin und her, bevor ich letztlich von Mammut zurückgeholt worden bin. Das war 2001.

 
Auch das ist ein Unterschied zur älteren Alpinistengeneration. Sponsoring gehört heute dazu.

Klar, aber es ist auch der Zugang zum Klettersport ein anderer geworden. Klettern hat sich als Massensport etabliert. Als ich 1995 mit dem Klettern angefangen habe, gab es ein oder zwei kleine Kletterhallen. Da war es noch etwas Außergewöhnliches, dass einem kleinen Jungen wie mir das Klettern gezeigt wurde.

 
Im Alter von 15 Jahren haben Sie bereits auf Kosten Ihrer Sponsoren verreisen können. Das ist auch ein unglaubliches Privileg.

Schon. Ich bin auch ziemlich froh drum, diesen Weg eingeschlagen zu haben, sonst würden wir wahrscheinlich jetzt nicht zusammenhocken. Für mich war das damals der Wahnsinn. Wir haben alles, was wir bekamen, in Reisen reingebuttert. Zum Teil bin ich mit meinen Eltern übers Wochenende einfach nach Frankreich gefahren, weil ich unbedingt eine Tour probieren wollte.

 
Sie betonen gerne, dass Sie gewisse Entscheidungen wie den Filmdreh am Cerro Torre vor drei Jahren selbst getroffen haben. Wollen Sie dem Eindruck entgegenwirken, dass Sie fremdgesteuert wurden?

Einem 19-Jährigen trauen die wenigsten Leute zu, dass er die Idee hat, dort frei raufzusteigen. Vielleicht ist es für viele auch nicht ganz nachvollziehbar, dass ich zur Chogolisa reise. Deswegen betone ich es schon, dass es meine Ideen sind.


Es liegt ja auch nahe, dass ein Sponsor oder gewiefter Manager dahintersteht.
 
Das ist schon okay, wenn Leute das glauben. Nur: Wenn es nicht meine eigenen Ziele und Projekte wären, kann man sich wohl kaum so motivieren. Und wenn ich für etwas nicht motiviert bin, keinen Sinn darin sehe, es keinen Spaß macht, geht die Leistungskurve stark bergab.

 
Die Entscheidung, die Schule im Alter von 17 Jahren zu werfen, haben Sie ebenfalls selbst getroffen. Was war der Grund dafür?

Für mich war schon damals klar: Klettern ist das, was ich machen möchte; es ist das, was ich machen kann und ich habe noch dazu die Möglichkeit, mich darüber zu finanzieren. Ich war wirklich in einer toleranten Schule, einer Sportschule. Doch auch die hat mich in gewisser Weise zeitlich eingebremst.

 
Es war auch riskant.

Es war keine leichte Entscheidung. Meine Eltern, meine Sponsoren, eigentlich alle sagten: Überleg dir das noch mal. Aber sie wussten auch genau, dass ich Entscheidungen relativ rational und überlegt treffe.

 
Vor allem haben Sie sich fast zeitgleich auch noch für den Wechsel vom Wettkampfklettern zum weit riskanteren Alpinklettern entschieden.

Am Cerro Torre, der wie gesagt wirklich ein Sprung von null auf hundert war, kann ich mir schon vorstellen, dass die Mama etwas Schiss hatte. Aber meine Eltern sind letztlich auch mit mir und dem Risiko mitgewachsen.

 
Haben möglicherweise auch Ihre Eltern durch Sie einen Reifeprozess hinter sich bringen müssen?

Sicherlich kamen sie in ein neues Metier. Meine Mutter ist Kinderkrankenschwester, mein Vater macht Hörgeräte. Für die war das super – der Umgang mit Sponsoren, das viele Reisen. Das hat ihnen gefallen. Ja, natürlich reift man da.

 
In der Trangogruppe im Karakorum hatten Sie zweimal entschieden, kurz unterm Gipfel umzudrehen. Mussten Sie als Sportkletterer dieses Umdrehen lernen?

Gerade bei meinen ersten größeren Versuchen im Alpinen habe ich viel Blödsinn gemacht. Sachen, die ich nicht ganz berechnen konnte. Wenn man so jung mit dem Alpinklettern anfängt wie ich, braucht es zu Beginn schon auch ein bisschen Glück. Speziell in der Trangogruppe waren es Gipfel, die man nicht unbedingt hoch muss, um sich etwas zu beweisen.

David Lama Peter ortner
David Lama mit seinem mehrmaligen Seilpartner Peter Ortner. Foto: Martin Hanslmayr/Red Bull Content Pool

 
Sie waren anschließend im Karakorum, um sich die Augen öffnen zu lassen, wie Sie sagten. Was verstehen Sie darunter?

In Europa ist es für mich sehr schwierig, interessante Projekte zu finden. Ich bin keiner, der unlogische Sachen angeht. Ich will etwas machen, was Sinn ergibt. Mir geht es deshalb darum, den leichtesten Weg in einer Wand zu finden.

 
Sie sprechen ja auch gerne von Linien.

Genau darum geht es. In den Alpen gibt es zwar unzählige schwierige Routen, die dann aber fünf Meter neben einer einfachen Fünfertour verlaufen, die genauso zum Gipfel führt. Ich aber will keine künstlichen Schwierigkeiten, sondern die logischste Linie.

Wenn man sich im Karakorum eine schwierige, hohe Wand aussucht, ist diese logische und leichteste Linie noch immer schwer genug, beziehungsweise überhaupt an der Grenze des Möglichen. Das ist genau das, was ich suche. Außerdem wollten wir an der Chogolisa, wo das Base Camp auf 5000 Metern liegt, in der Höhe Erfahrung sammeln.

 
Welche Schlagzeile würden Sie in zehn Jahren gerne über sich lesen?

Schwierig. Vor einem Jahr wäre es jedenfalls etwas gewesen wie „Torre frei geklettert“. Ich könnte als Ziele allein in Pakistan zehn Berge aufzählen, die mich reizen...

 
Aber?

... aber keiner davon hat den Stellenwert des Torre. Der ist im Nachhinein noch viel mehr wert. Das war so ein lehrreicher Berg. Auch deshalb, weil er so ein Sauhund ist.


Jetzt weiterlesen: David Lama: Die Linie am Cerro Torre
Interview: Dominik Prantl
 
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