Panoramatour in den Berner Hochalpen

Wanderung über den Brienzergrat

Im Süden das gewaltige Panorama der Berner Hochalpen, im Norden tief drunten der Brienzersee und vor sich wie an einer Perlenkette fünf Gipfel – das ist der Brienzergrat. Diese grandiose Herbstwanderung gehört zu den schönsten Panoramatouren in den Berner Alpen. Von Eugen E. Hüsler
 
Der Brienzergrat, eine der schönsten Panorama-Wanderungen in den Berner Alpen, bietet grandiose Blicke gegen Eiger, Mönch und Jungfrau (ganz oben) © Eugen E. Hüsler
Der Brienzergrat, eine der schönsten Panorama-Wanderungen in den Berner Alpen, bietet grandiose Blicke gegen Eiger, Mönch und Jungfrau (ganz oben)
Das meteorologische Hoch hat einen schönen Namen, und dem macht es auch alle Ehre. Das wiederum führt bei mir zu einem Stimmungshoch, ich schicke ein »Danke!« in den blauen Septemberhimmel. Es ist Herbst, Wanderherbst. Die Touristenmassen haben sich mit dem letzten Sommergewitter verabschiedet, es ist Ruhe eingekehrt zwischen Tal und Gipfel. Die Berglandschaft strahlt in satten Farben, als hätte ihr jemand gerade einen neuen Anstrich verpasst, die Luft ist klar, verspricht Aussicht bis zum Horizont.

Den bilden im Süden die Drei- und Viertausender der Berner Hochalpen, im Norden die fernen Höhenzüge des Schwarzwalds. Brienzergrat heißt meine Promenade fast zwei Kilometer über dem Spiegel des gleichnamigen Sees, die an einem Bahnhof beginnt und vier Stunden später in einer Scharte endet. Dazwischen liegt ein anregendes Auf und Ab über mehrere Gipfel und Gipfelchen, das teilweise direkt am Grat verläuft, ab und zu in steile Grasflanken ausweicht.

Orientierungsprobleme gibt’s kaum, auch wenn Markierungen weitgehend fehlen. Die Schlüsselstelle verlangt etwas Kletterfertigkeit und eine stabile Psyche: 20 Meter weit balancieren direkt auf dem gut fußbreiten, ansteigenden Grat, mit extrem steilen, felsdurchsetzten Grasflanken links wie rechts – ruhig Blut und nicht nach unten schauen! Der Brienzergrat ist fast noch ein Geheimtipp im Wanderparadies der Berner Voralpen. Neben all den Gipfeln rundum soll’s hier auch Steinböcke geben – wir haben keinen gesehen, trotz bester Sichtverhältnisse…

Die Brienzergratwanderung im Überblick:

  • Schwierigkeiten: Die Schwierigkeiten halten sich in Grenzen (überwiegend T 3/T 4); eine Ausnahme macht der Ostgrat des Tannhorns: zuerst kurze Kletterei (dünnes Drahtseil als Sicherung), dann eine extrem scharfe Gratschneide. Hier hat jeder Fehltritt fatale Folgen!
  • Gipfel: Tannhorn (2221 m)
  • Talort: Brienz (566 m)
  • Ausgangspunkt: Bergstation der Brienz- Rothorn-Bahn
  • Wegverlauf: Bergstation Brienz-Rothorn- Bahn (2244 m) – Chruterepass (2053 m; hier Ende der Markierung) – Briefenhorn (2165 m) – Wannepass (2071 m) – Balmi (2141 m) – Tannhorn (2221 m) – Ällgäuhorn (2047 m) – Ällgäulücke (1918 m; ab hier markiert) – Oberried (589 m)
  • Charakter: Schönste Grat- und Graswanderung im Berner Oberland, nur teilweise markiert, aber durchgehend Spur, luftige Schlüsselstelle, zuvor kurze, gesicherte Schrofenkletterei; nur bei trockenem und sicherem Wetter ratsam
  • Gehzeiten: gesamt 6 1⁄4 Std. (Grat 4 Std., Abstieg 2 1⁄4 Std.)
  • Wanderkarte: Swisstopo 1:25 000, Blätter 1189 »Sörenberg« und 1209 »Brienz«
  • Führer: Hüsler/Deuble/Meier »Tourenführer Berner Oberland«, Bruckmann Verlag, München

Routenverlauf der Panoramawanderung:

Brienzergratwanderung
Übersichtskarte Brienzergrat
Gleich oberhalb der Bahnstation Rothorn Kulm (2244 m) geben Wegzeiger die Richtung an: links. Der deutliche Weg schneidet – nur kurz ansteigend – die grasigen, von ein paar Felsen durchsetzte Südflanke des Schongütsch (2320 m), tangiert dahinter ein erstes Mal den Grat, bevor er auf die Nordseite wechselt.

Im Rücken der fünf Lanzizähne steigt man über zementierte Treppen durch das Lättgässli, eine steile Rinne, ab und quert dann hinüber zum Chru tere pass (2053 m). An der Scharte beginnt die Gratwanderung. Die schmale Spur steigt an zu einer namenlosen Kuppe, folgt dann, meistens knapp links der Schneide verlaufend, dem Briefengrat und gewinnt schließlich die Höhe des Briefenhorns (2165 m).

Der Zwischenabstieg führt in den Wannepass (2071 m). Im Vorblick hat man die markante Graspyramide des Tannhorns, davor den Rücken des Balmi (2141 m). Seine felsigen Aufschwünge umgeht die unmarkierte, aber deutliche Spur nordseitig. Der Ostgrat des Tannhorns rückt nun näher; nicht zu übersehen sind die Felsen über seinem Ansatzpunkt – und die gerade zwei Fuß breite Schneide darüber.

Ein dünnes Seil bietet etwas (moralischen) Halt bei der kurzen Kraxelei in dem brüchigen Gestein, beim Gang über den anschließenden Grat hilft dann nur noch Konzentration auf den nächsten Schritt. Nach etwa zwanzig Metern darf man aufatmen und gut zehn Minuten später ist der Gipfel des Tannhorns (2221 m) gewonnen.

Der Abstieg in die nächste Gratsenke ist vergleichsweise harmlos, die Spur läuft über eine namenlose Kuppe (2089 m) und peilt nach erneutem Zwischenabstieg das schroffe Ällgäuhorn (2047 m) an. Dahinter geht’s teilweise sehr steil hinunter in die Ällgäulücke (1918 m).

Abstieg: Aus der Scharte führt ein weiß-rot-weißer Weg, den felsdurchsetzten Hang schneidend, schräg hinunter zur längst aufgegebenen Alp Bitschi (1690 m). Gut zweihundert Meter tiefer betritt man den Wald (Beeren!); dann geht’s in Schleifen, bald einmal als komfortabel breite Trasse, weiter recht steil, aber angenehm schattig bergab zur Mündung des Hirschherrenbachgrabens. Man quert ihn und spaziert – zuletzt auf Asphalt – hinunter zum Bahnhof von Oberried (589 m).
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