Willkommen in Brunos Garten | BERGSTEIGER Magazin
Sportklettern im Oberwallis

Willkommen in Brunos Garten

Es hat sich viel in Sachen Steilfels getan im Oberwallis, dem Land der Viertausender. Kletterer finden hier 2000 Routen in 99 Gebieten; von Kinderrouten bis hin zu knüppelharten Routen ist alles dabei. 
 
Bruno Pfaffen klettert seine Route »Muggestutz«(6a) im Klettergarten von Zeneggen. © Iris Kürschner
Bruno Pfaffen klettert seine Route »Muggestutz«(6a) im Klettergarten von Zeneggen.
Er steht am Fenster und studiert die Felswand. Immer wieder. Immer dann, wenn die Schüler der Kantonalen Landwirtschaftsschule ihm eine Verschnaufpause gönnen. Als heller Fleck schält sich die Wand hoch oben aus dem Wald am Steilhang, dort, wo sich das Mattertal mit dem Rhonetal vereint. Es bleibt nicht beim Schauen: Im Sommer 2008 nimmt er Bohrer, Haken, Dübel, Plättli und was man eben so braucht, verstaut sie in seiner guten alten Tasche und macht sich an die Arbeit. Nun ja, man sagt, Lehrer hätten viel Zeit. Aber anstatt irgendwohin in die Ferien zu fahren, bohrt er Routen. Mittlerweile sind es 42 anspruchsvolle Einseillängen im Grad 6a bis 8a+ (laut UIAA VI+ bis X–), die sich an der bisher außer acht gelassenen Felswand neben dem alten Klettergarten von Zeneggen präsentieren.

»In den 70er-Jahren hat jemand dort einmal versucht, eine Kletterroute einzurichten, was etwas in die Hose ging. Seither hieß es, der Fels sei brüchig.« Bruno Pfaffen schmunzelt. »Jetzt ist es ein exzellenter neuer Klettergarten. Dazu noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln schnell erreichbar.« Ein Berner habe ihm kürzlich gesagt, seit der NEAT-Verbindung durch den Lötschberg brauche er von der Hauptstadt nur eine Stunde und 16 Minuten mit Zug und Postauto. Von München dauert die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln etwas länger, genau sieben Stunden und zehn Minuten. Wenn man also um 7.13 Uhr im Münchner Hauptbahnhof in den Zug steigen würde, könnte man schon nachmittags um halb drei an der Kletterwand von Zeneggen stehen und seine Hände in den Magnesiabeutel tauchen. Wie dem auch sei – dass ein Klettergarten eine eigene Bushaltestelle hat, ist auch in der so gut erschlossenen Schweiz einmalig.

Kletteroase über Visp im Wallis

Bruno hat Humor. Das verraten schon die lustigen Namen, mit denen er jede einzelne Route bedacht hat: The north Schweiss, Himpiwäg, z’Chlämpi, Gopfritstutz…Zu jeder einzelnen weiß er eine Geschichte zu erzählen. Rauchzeichen, mit 7c (laut UIAA IX) eingestuft, ist ihm genau an dem Tag gelungen, an dem im Mai 2011 der verheerende Waldbrand über Visp ausbrach, auf der anderen Talseite der Kletterwand. »Der Wind hat plötzlich gedreht und uns in dicke Rauchwolken eingehüllt«, erzählt er, während die Bilder gerade lebendig über seine Netzhaut zu huschen scheinen. Oder Hoperape, benannt nach der Verdrehung des Wortes »Toprope« durch die Kinder, denen Bruno das Klettern beibringt. Die Route Antlion hat er den Ameisenlöwen gewidmet. In der Tat ist der Sand am Einstieg voller kleiner Löcher, aus denen diese panzerartigen Winzlinge schnellen, wenn sich Ameisen darin verirren.

Doch so unterschiedlich die Namen, so sind doch alle kühne Routen durch gebänderten, zerklüfteten Dolomit. Griffig, anspruchsvoll, kurzum: ideales Trainingsterrain. Auch für Sigi, eine 29 Jahre alte Kletterin, die Bruno als Seilpartner fordert. Die Gebiete Trämel, Simplon-Dorf und Wiwanni waren bisher ihre Favoriten – auch, weil sie dort leichter Kletterpartner findet. Oft aber ist es kalt und wolkig da oben, während der Wind Visp fast immer ein Sonnenloch beschert. Dann sind die Kletterfelsen von Zeneggen eine windgeschützte Oase, die bis mittags in der Sonne liegt.

Ein neuer Kletterführer Oberwallis

Lange war der neue Klettergarten nur Insidern bekannt. Erst Anfang November 2012wurde er im neuen SACKletterführer Oberwallis aufgeführt. Wurde auch langsam mal Zeit, denn seit den verhergehenden Jahren hat sich an neuen Routen und Sanierungen im Oberwallis viel getan und doch mussten sich Kletterfreaks bisher immer noch mit den »Oldies« von Beat Ruppen (Kletterführer Oberwallis, 1994) und Jürg von Känel (Plaisir West, 2004; Schweiz Extrem, 2006) behelfen. Mehr als 900 Routen sind seit diesen Buchveröffentlichungen hinzugekommen, genauer gesagt, die Autoren Egon Feller und Eric Pointner kommen in ihrer Neuerscheinung auf die stolze Summe von 2000 Routen in 99 Gebieten.

Brunegg, das Gebiet um die Turtmannhütte (2:18 Stunden mit ÖV von Bern bis zum Ausgangspunkt Gruben/7:52 Stunden von München), ist mit 190 Routen das größte Kletterrevier des Oberwallis. Zu verdanken ist es Fredy Tscherrig. Mit Fredy und dessen Bruder Beni hat Bruno Pfaffen schon in den 80er-Jahren fleißig Routen eröffnet. Auch Egon Feller hat damals zum eingeschworenen Team gehört. Mit ihm hat Bruno 1982 die Steinadlerroute eingerichtet, der Klassiker im Wiwanni-Gebiet. Heute durchziehen die Gneiswände über der Wiwannihütte 97 Routen, alle mit legendärer Schau auf die Walliser Viertausender.

Gletscherschliff unterm Wannenhorn

Bruno, seit 2011 der erste patentierte Kletterlehrer im Oberwallis, will Sigi das Revier um die Burghütte über dem Fieschertal zeigen. Eine fantastische Landschaft aus Gletscherschliff mit kleinen Inseln hellgrüner Lärchen und leuchtender Blumenkissen zwischen rotbraunen Gneis- und Granitplatten. »Nur 50 Meter war der Gletscher entfernt, als ich 1980 die Burghütte gebaut habe«, sagt Hubert Volken, der damals auch die ersten Routen hier eingerichtet hatte – mit Benzinbohrer. Längst hat sich der Fieschergletscher weit zurückgezogen. Ein Übel einerseits, doch andererseits werden gerade dadurch neue Kletterrouten möglich.

Kindergruppen tummeln sich in den Felsen, die in den flacheren Teilen ein ideales Terrain für erste Akrobatikkünste darstellen. Bruno findet seine Herausforderung im Sektor Sonnenplatten. Luftibus, 7a+ (UIAA VIII+), ist wirklich schwer zu knacken, weil der Fels nur minimale Unebenheiten preisgibt. Hubert und Koni, der Hüttenwart, beobachten das Treiben von ihrem Balkon. Die beiden sind wunderbare Gastgeber. Abends sitzt man in großer Runde und hört ihren spannenden Geschichten zu. So muss das früher gewesen sein, als der Fernseher noch nicht im Mittelpunkt stand. Wer es ausprobieren möchte: einfach in den Zug setzen. Von Bern nach Fieschertal sind es nur zwei Stunden, drei Minuten (8:27 Stunden von München). 

Die Qual der Wahl

Im Oberwallis wird Kletterern so schnell sicher nicht langweilig. Mit unserer Übersicht können Sie sich ganz gezielt die Routen aussuchen, die für Sie die richtigen sind.

Klettergärten Zeneggen

Anfahrt: Mit dem Postauto von Visp, Haltestelle »Zeneggen Klettergarten«; mit dem Auto Richtung Zeneggen bis zum Parkplatz am Helbrigacker bei der Bushaltestelle. Von dort fünf Minuten zu beiden Klettergärten (gut beschildert), der neue liegt nördlich des alten Klettergartens.
Alter Klettergarten: 11 Routen von 4a bis 7a (UIAA IV bis VIII)
Sektor Ströikopf: 4 Routen von 4a bis 6a (UIAA IV und VI+)
Neuer Klettergarten: 42 Routen von 6a bis 8a+ (UIAA VI+ bis X–)
Topos: www.zeneggen.ch
Übernachtung: Hotel Bahnhof in Ausserberg (Tipp für die talnahen Klettergärten rund um Visp; herzliche Atmosphäre und gute Küche), Tel. 00 41/27/9 46 22 59, www.hotel-bahnhof.com

Klettergebiet Wiwanni

Anfahrt: Zug bis Ausserberg, dann 4 Std. bis zur Wiwannihütte oder vom Fuxtritt (gebührenpflichtige Strasse) 1½ Std.
Mehrere Klettergärten und alpine Routen auf das Wiwannihorn und die Augstkummenhörner. Insgesamt 97 Routen von 4a bis 9a (UIAA IV bis XI).
Topos: www.wiwanni.ch
Übernachtung: Wiwannihütte, Tel. 00 41/27/9 46 74 78

Klettergebiet Burghütte

Anfahrt: Per ÖV nach Fieschertal. Mit dem Auto bis zum Hüttenparkplatz Unnerberg, Pkt. 1293, dann 1 Std. zur Burghütte.
Drei Klettergärten mit 48 Routen vom von 4a bis 7a (UIAA IV bis VIII), zahlreiche Kinderrouten
Topos: www.burghuette.ch
Übernachtung: Burghütte, Tel. 00 41/27/9 71 40 27

Klettergebiet Brunegg

Anfahrt: Mit ÖV bis Gruben im Turtmanntal. Mit dem Auto bis zum Parkplatz Senntum kurz hinter Gruben, dann 2 Std. bis zur Turtmannhütte.
Mit 190 Routen (von 3c bis 7c; lt. UIAA III bis IX) das größte Klettergebiet im Oberwallis.
Topos: Broschüre »Brunegg – Klettern im Turtmanntal« von Fredy Tscherrig
Übernachtung: Turtmannhütte, Tel. 00 41/27/9 32 14 55, www.turtmannhuette.ch

Literatur: Egon Feller/Eric Pointner »SAC-Kletterführer Oberwallis« (Goms, Brig- Aletsch, Simplon, Visp, Mattertal, Saastal, Raron-Siders)
 
Iris Kürschner
Fotos: 
Iris Kürschner
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 06/2012. Jetzt abonnieren!
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