BERGSTEIGER Testbericht: Skitourenstiefel

Im Test: Skitourenstiefel

In den letzten Jahren hat sich einiges getan bei den Skitourenstiefeln. Besonders Abfahrtsfreunde können sich freuen, denn selbst die klobigen Freerider von einst sind teils zu sehr guten Skitourenstiefeln mutiert. Wir zeigen Ihnen, worauf Sie achten sollten. (Aus BERGSTEIGER 12/2008)

 
Im BERGSTEIGER Test 12/2008: Skitourenstiefel © Bernd Ritschel
Im BERGSTEIGER Test 12/2008: Skitourenstiefel
Grundsätzlich lässt sich  unterscheiden zwischen beweglicheren (aber nicht unbedingt weicheren!) und leichteren Skitourenstiefeln, die ideal für den Aufstieg geeignet sind sowie Modellen mit härterer Schale, die eher für die Abfahrt taugen. Dabei schließt das eine das andere nicht aus. Harte und doch federnde Leichtkunststoffe wie der kälteunempfindliche und dauerhafte Top-Klassiker Pebax und neuerdings Polypropylen (Lowa) ermöglichen tatsächlich eine Verbindung von relativ geringem Gewicht (z. B. Dynafit Zzero 3: 3,65 kg in Größe 46) mit erstklassigen Abfahrtseigenschaften wie sie sonst nur schwere Freerider aufweisen (Black Diamond Method: 4,5 kg in Größe 43,5); in einer anderen, nicht vergleichbaren Gewichtsliga spielt der superleichte Scarpa F1.

Innenschuhe der Skitourenstiefel

Komfort- oder Schnürschuhe sind gut gepolstert, besitzen geplüschtes Textilinnenfutter mit robustem Außenmaterial, schützendem Kunststoff im Schaftbereich und eine Lasche, die verstärkt sein kann (für Schutz vor Druck; z. B. bei  Lowa). Das wärmende Schaum­stofffutter absorbiert gleichzeitig Schweiß und leitet etwas Dampf nach außen, im Wadenbereich meist mehr. Geschnürte Innenschuhe sind wasserresistent (was bei Schnee meist ausreicht) sowie mit rutschfestem Gummi besohlt, um sie als Hüttenschuhe verwenden zu können (am besten Dynafit MF). Dafür muss man die Innenschuhe jedes Mal durch eine Schnürung an den Fuß anpassen, die vereisen kann. Geschnürte Innenschuhe sind ideal für normale Ski- und Hüttentouren. Freerider gibt es nur mit Komfort-Innenschuhen.

Teurere, und dafür merklich leichtere (200 – 400 g/Paar) Thermoform-Innenschuhe werden durch Erhitzen genau in der Fußform des Besitzers »geba-cken« und sitzen daher dem Eigner wie angegossen. Die technischen Eigenschaften sind bestechend: keine Schnürung nötig, kein Einfrieren bei Kälte, wasserdichtes Material (einige insgesamt dicht) und relativ starr. Mangels Absorptionsvermögen und Atmungsaktivität kommt der Fuß aber schnell ins Schwitzen, und der ungepolsterte Schaftabschluss kann drücken. Der ideale Eignungsbereich sind Touren in großer Kälte (mehrtägig mit Ersatzsocken!) sowie Skitourenrennen oder Konditionstouren.

Lasche, Einstieg und Handhabung

Der klassische Skitourenstiefel besitzt vorn eine lange Lasche, die sich an einem Gelenk überm Vorderfuß aufklappen lässt. Dies erleichtert den Ein- und Ausstieg mit Komfort-Innenschuh am Fuß erheblich und ermöglicht das Schnüren des Innenschuhs, wenn man ihn vor dem Einstieg hineingesteckt hat. Nachteil: Die Innenschuhe und das Schnallensystem der Außenschale kommen sich bei der Handhabung ins Gehege (Dynafit außer Zzeus). Das gleiche gilt für Garmont mit seiner Seitenlasche. Zuggriffe am Innenschuh wie bei diesem Modell können das Einschlüpfen in den Innenschuh oder dessen Herausnahme erleichtern.

Bei Freeridern steigt man dagegen durchwegs ohne den bereits in der Schale befindlichen Innenschuh ein und schließt diesen dann mit teils experimentell anmutenden Schnellverfahren – Kurzschnürung bei Dynafit Zzeus, geniale Drahtschnürung mit Drehverschluss bei Black Diamond (zum Lockern Drehknopf ausziehen), einfacher Gummizug an genialer Innenlasche bei Lowa. Eine Schnallenmanschette oben und eine Überlappung unten schließen dort die laschenlosen Schalen. Zwar muss man die Füße auch etwas zwängen, aber die Handhabung der Innenschuhe ist insgesamt besser. 

Skitiourenschuhe - Schnallen

Am Schalenschaft aller Skitourenstiefel ist oben ein Klettband (Power-Strap) angebracht, mit dem man bei der Abfahrt den Innenschuh an Schaft und Lasche fixiert, so dass sie fest verbunden sind. Am hinteren Schalenabschluss befindet sich ein erhöhter Spoiler, der den Unterschenkel vordrückt und bei Rücklage abstützen soll. Bei Lowa fährt der Spoiler mit dem Fixieren der Ferse für die Abfahrt hoch! Die Schnallen der vorgestellten Stiefel sind alle leichtgängig und mit einer Feinjustierung versehen. Die praktischen, ausfahrenden Häkchen für die provisorische Befestigung im Aufstieg können allerdings hakeln (im Fußbereich bei Lowa, Garmont ohne Häkchen; Dynafit unten nur Kerben) bzw. aufgehen (Black Diamond). Vier Schnallen garantieren nicht automatisch bessere Abfahrtseigenschaften (s. »Kraftschluss«); aber der Unterschenkel wird in Vorlage gezwungen, der Seitenhalt stabilisiert und der Fuß fester umschlossen. Dafür sind Dreischnaller in der Regel vom Einstieg bis zum Aufstieg insgesamt einfacher zu handhaben und normalerweise leichter (also aufstiegsorientiert). Beim Schließen der Schnallen fürs Anprobieren mit Skitouren-Strümpfen sollten in jedem Fall noch ein bis zwei Schnallenrasten Reserve bleiben.

Sohlen, Bindungen

Die Sohlen von Skitourenstiefeln sind komplett (oder vorn und hinten) gummiert und mit einem scharfkantigen Profil versehen. Bei Leichtstiefeln oder Abfahrts-Stiefeln mögen hier vier Millimeter Profiltiefe ausreichen (Dynafit). Für Aufstiege zu Fuß – zumal im Schnee – sind aber tiefere Profile (Garmont perfekt; Lowa guter Kompromiss) eindeutig besser geeignet, jedoch nicht das von Black Diamond. Bei diesem und den anderen Freeridern lässt sich allerdings das Profil ab- und eine extra Pistensohle aufschrauben, so dass der Stiefel sich mit einer Pistenbindung verwenden lässt. Nicht alle Stiefel rollen allerdings beim Gehen zu Fuß so gut ab wie bei Dynafit – und natürlich der superbewegliche Rennstiefel F1 von Scarpa. Dieser sollte zur optimalen Ausnutzung der Abrollbewegung im Aufstieg nur mit einer Dynafit-Leichtbindung ohne Bindungsplatte verwendet werden. Auch viele andere Skitourenstiefel sind für diese Bindungsserie  mit dem »Quick Step-In Insert« (Sohlenlöcher vorn und Rasten hinten) ausgerüstet, sogar einige Freerider.

Fersenfixierung und Vorlage

Die Umstellung des Schalenschafts zwischen beweglicher Aufstiegs- und fester, vorgeneigter Abfahrtsstellung erfolgt über einen hinten angebrachten Hebel. Der Umstellmechanismus sollte leichgängig sein und sich mit Handschuhen bedienen lassen. In Aufstiegsstellung zeigt er nach oben (»Walk«) und für die Abfahrtsstellung nach unten (»Ski«). Am leichtesten geht dies bei Dynafit, am kompliziertesten (wenn auch narrensicher) bei Lowa. Die Fixierung bei den Skitourenstiefeln von Dynafit und meist auch bei Scarpa lässt das Fixieren von zwei Vorlagepositionen für geringe oder starke Vorlage zu (15° bzw. 21° für Pulver bzw. Firn; bei Black Diamond 3 Einstellungen). Über eine Fußeinstellung (Canting) lassen sich bei vielen Skitourenstiefeln und allen Freeridern Fehlstellungen der Füße (durch O-/X-Beine) ausgleichen.

Beweglichkeit im Aufstieg

Für einen bequemen Aufstieg  sollte sich der Stiefel in Aufstiegsposition möglichst weit nach vorne und hinten bewegen lassen (perfekt bei Lowa, Garmont Helium). Eine geringe Schaftbeweglichkeit nach vorne wird zwar durch die heutigen mehrstufigen Steighilfen teils ausgeglichen, nicht aber zu wenig Spiel nach hinten, was sich in Flachpassagen oder Zwischenabfahrten negativ bemerkbar macht (v. a. Dynafit). Gute Aufstiegseigenschaften bedeuten aber heute nicht mehr, dass die Abfahrtseigenschaften mäßig sind.

Kraftschluss bei der Abfahrt

Der Kraftschluss, also die möglichst kompakte und feste Verbindung von Fuß, Schuh, Bindung und Ski, entscheidet über die Abfahrtseigenschaften des Skitourenstiefels: Je besser der Kraftschluss, desto exakter die Übertragung der Schwungkraft auf den Ski. Desto sicherer und schneller lässt sich besonders bei dünnem Firn oder vereistem Schnee abfahren. Der Seitenhalt fürs optimale Einkanten der Ski ist ebenfalls vom Kraftschluss abhängig. 

Entscheidend für die Unterschiede beim Abfahrtsverhalten sind aber zwei Punkte: Nur eine Schnalle oben am Schaft reduziert den Halt (z. B. ansonsten perfekter Dynafit Zero 3 PX) und nur eine Schnalle unten den Halt des Vorderfußes (ansonsten perfekter Lowa). Der zweite Punkt betrifft das Stiefel-Verhalten bei Belastung nach vorne (Schwung) oder von vorne (Bodenwelle): Freerider und abfahrtsorientierte Skitourenstiefel federn momentane Belastungsspitzen problemlos ab, während weichere oder aufstiegsorientierte Stiefel dann in der »Fußkehle« überm Rist einknicken – zumal bei Sollknickstellen in Lasche und Innenschuh (vor allem beim Dynafit Zzero 4 U). Hier sind die Freerider eindeutig überlegen, wobei Lowa und Garmont Radium (nicht für Pistenbindung) auch in den Kriterien Aufstieg und Gewicht gut abschneiden.

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Skitourenstiefel im Test - Christian Schneeweiß
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