Test: hochwertige Fleecejacken

Durchatmen - Fleecejacken im Test

Einst starrig und winddurchlässig, haben sich hochwertige Fleecejacken längst zu Multifunktionsmodellen gemausert. Das Besondere an ihnen ist ihre Flauschigkeit und die ausgesprochen hohe Atmungsaktivität.
(Aus BERGSTEIGER 10/2013)

 
Atmungsaktive Fleecejacken im Test © Bernd Ritschel, Andreas Strauß
Testbericht Fleecejacken
Unweigerlich assoziiert man Fleece zunächst mal mit fl auschig und kuschelig. Das wirklich Besondere ist aber, dass Fleecejacken die einzigen Isolationsjacken sind, die hoch atmungsaktiv sind: Sie lassen Schweißdampf in großen Mengen durch oder transportieren ihn sogar aktiv von innen nach außen (»saugen«). Inzwischen reichen die Fleece-Varianten von extrem luftigen oder schweißsaugenden über besonders wärmende oder kuschelige bis zu windabweisenden oder -resistenten Modellen. Die Midlayer Dicke des Flausches (bewirkt die Isolation) abhängig als von der Konstruktion (dünnes, aber wind- und abriebresistentes La Sportiva bzw. warmes Norröna je 460 g in L). Ein Gewicht über 500 Gramm lässt sich gegenüber anderen Isolationsjacken funktionell nur mit höherem Dampfdurchsatz rechtfertigen (Rab), unter 400 Gramm ist die Wintertauglichkeit eingeschränkt (außer Tilak).

Polyester-Kompositionen: Material und Konstruktion von Fleecejacken

Berg-Fleece bestehen fast immer aus Polyester (robuste La Sportiva aus Nylon, Ortovox 27 Prozent geruchshemmender Wollanteil), heutzutage meist gemischt mit Gummifasern (Spandex/Elastan) für allseitige starke Dehnbarkeit. Damit sind sie ideal für bewegungsintensive Bergaktivitäten in kühler bis kalter Umgebung. Jacken mit speziellem Stretchfleece (hier Polartec Power Stretch Pro) sind außen glatt, schweißsaugend (hydrophil) und windabweisend sowie innen zum wärmenden Fleeceanteil gekämmt, also zu Winter-Softshells, die wind- und wasserresistent, aber weniger dampfdurchlässig sind. Ohne Gummifaser-Beimischung (meist 6 bis 9 Prozent) lassen sich die Stoffe nur seitlich dehnen (Berghaus und Rab mit Stretcheinsätzen; hier Polartec Thermal Pro), sind aber dampfdurchlässiger und wärmer. Wer gar nicht erst schwitzen will, ist mit einer luftigeren Jacke am besten bedient, die er auszieht, wenn sie zu warm wird (Vaude, Schöffel und Berghaus). Weniger kuscheliges, dünnes Waffelfleece (Waffelform-Muster wie Hybrid Adidas; hier Pontetorto Tecnostretch;) erreicht ein noch besseres Verhältnis zwischen Wärmung und Dampfdurchlass und wird wie Stretchfleece eher als Baselayer verwendet.

Die Wärme am Körper: Passform

Eine Fleecejacke sollte idealerweise am Körper anliegen, da zum Einen nur dünne(re) Baselayer darunterliegen oder sie gleich als Baselayer verwendet wird (bei kühler Temperatur oder hoher Aktivität) und zum Anderen so kaum Luft mitgewärmt werden muss (mittlere Bekleidungslage) für Herbst, Winter und Hochtour eignen sich teils auch als Baselayer (am Körper) oder Outerlayer (äußere Schutzlage). Tatsächlich sollte man Fleecejacken im Aufstieg außen (Stretchfl eece eher als einzige Lage) und bergab unter einem Hardshell (v. a. auf Skitour) tragen.

Leicht gewärmt: Gewicht

Fleecejacken wiegen zwar mehr als Isolations- Vliese wie Primaloft oder gar Daunen, aber weniger als Pullover aus Wolle oder Baumwolle. Das Gewicht ist weniger von der keine Laminate, sondern Zwei-in-Einem. Ihre phänomenale Dampfableitung funktioniert allerdings erst bei Schwitzen. Die Kombination aus hoher Atmungsaktivität und leichter Windabweisung eignet sich ideal für Aufstiege und intensive Aktivitäten bei kühlen bis kalten Temperaturen im Gebirge (z. B. Mammut). Sie sind entgegen dem äußeren Anschein kein bisschen wasserabweisend!

Die Hybridjacke von Patagonia verbindet hohe Dampfdurchlässigkeit mit Wind-, Niesel und Abriebschutz an neuralgischen Zonen und markiert damit den Übergangsbereich (Tilak und Adidas). Dies ist nur bei wenigen Modellen der Fall, obwohl fast alle (sehr) gut dehnbar sind (v. a. Mammut und Vaude). Eine Rückenverlängerung ist besonders bei bewegungsintensiver Aktivität wie Skifahren (gekrümmte Haltung) oder Klettern sinnvoll (Norröna; Adidas langer Schnitt).

Die Kälte bleibt draußen: Frontverschluss und Abschlüsse

Der durchgehende Front-Reißverschluss (RV) von Fleecejacken muss nur Wind abhalten, d. h. alle Modelle besitzen einen windresistenten RV oder sind besser mit einer (teils sogar mit Fleece isolierten) Patte hinterlegt oder besitzen beides (v. a. Wärmejacke Rab). Da Fleecejacken als kuschelige Midlayer oder sogar als Baselayer fungieren, besitzen sie am Rumpf nur selten Einhand-Gummizüge (Adidas und Schöffel; Vaude Taschenzüge) zur perfekten Abdichtung. Abgesehen von Bündchen aus dem meist dehnbaren Jackenmaterial (top bei Mammut) ist hier elastisches, aber mit der Zeit anfälliges Lycra das Material der Wahl.

Es wird teils für alle Abschlüsse verwandt (z. B. Haglöfs; Tilak inkl. Kapuze). Bei elastischen Stoffen entscheidet aber die Konstruktion des Ärmelabschlusses (z. B. warme Rab anpassend versus luftige Schöffel weit) und nicht das Material (z. B. Norröna interne Gummibänder) über dessen Abdichtungseffekt. Dieser ist aber nicht vergleichbar mit dem eines funktionellen Softshells (außer Vaude). Daumenlöcher garantieren rutschfreie Ärmel bei bewegungsintensiven Aktivitäten (besonders elastisch bei Norröna), Fleecejacken besitzen normalerweise einen Kragen, der aus der meist glatteren Außenseite oder sogar aus extra Antischweiß-Stretch-stoff bestehen sollte. Dies ist bei Schwitzen angenehmer und verhindert Flusenbildung. Bei Wind-abweisenden oder gar -resistenten (Patagonia an anfälligen Zonen) Jacken ist eine einfache Stretchfl eece-Kapuze mit Lycra- Umrahmung sinnvoll, die voll beweglich ist, aber keine vollständige Abdichtung bietet.

Nicht nur Handwärmer: Taschen von Fleecejacken

Da Fleecejacken oft als Außenlage eingesetzt weden, sollten sie Seitentaschen besitzen, die zum Lüften im Bauchbereich (Netzfutter zur Taschenlüftung) und Verstauen von Accessoires dienen. Sie sollten genug Platz für eine gespreizte Hand bieten und mit RVs verschließbar sein (Norröna offen, bei Rab hochgesetzt für ungehinderten Zugriff bei Hüftgurt). Das Futter der Taschen sollte so vernäht sein, dass innen große Wärmetaschen ohne Verschluss auch für Trinkfl aschen entstehen (v. a. Schöffel). Eine kleine(re) RV-Napoleontasche an der Brust ist gut für Wertsachen oder Elektronik (bei La Sportiva als iPod-Fach). Jacken mit sportlichem Anspruch und Windabweisung besitzen nur die Napoleontasche (z. B. Patagonia und Mammut).

Checkliste für den besten Fleece:

  •  Obwohl Fleecejacken sehr atmungsaktiv sind, sollte man bei dicken Jacken mit niedrigerem Dampfdurchsatz für intensivere Aktivität auf Taschenlüftungen und evtl. dünnere Stretchfleece-Einsätze achten.
  •  Bis übers Gesäß verlängerte Schnitte wärmen besser, ergeben einen höheren Wärmeeffekt und ermöglichen ungehinderte Bewegung, ohne das Gewicht wesentlich zu erhöhen.
  •  Bei Herbst- und Wintertouren im Gebirge reicht häufig ein windabweisendes Fleece für den Aufstieg aus, während für Abstieg oder Abfahrt eine Schutzjacke übergezogen wird.
  •  Zum Funktionserhalt des Fleeces sollte man als Baselayer nur dünne anliegende Sommer-Funktionsshirts unterziehen – sofern das Fleece nicht selbst als unterste Lage dient.
  •  Da Fleece aus bakterienfreundlichem Polyester bestehen, sollten sie – besonders bei Verwendung als Baselayer – bei Geruchsbildung gewaschen werden (Waschmaschine mit Waschpulver bei 30 bis 40° Celsius).

So bewertet der BERGSTEIGER

Konstruktion

  • Ob der Fleece an der Hüfte und an den Armen verrutscht, wurde durch Heben der Arme über den Kopf festgestellt. Ein möglichst geringes Verrutschen ist für intensive Aktivitäten wie Biken oder Skifahren wichtig, wobei die Arme ein häufi ger Schwachpunkt waren (v. a. Adidas und Schöffel). Mammut saß hier wie angewachsen, Patagonia insgesamt herausragend.
  • Bewegungsintensive Aktivitäten wie Klettern oder Klettersteig erfordern zusätzlich Beweglichkeit, die durch Anwinkeln der Arme in verschiedenen Stellungen und Körperkrümmungen ermittelt wurde. Wegen des meist sehr dehnbaren, weichen Materials ließen sich die Arme durchwegs (fast) hindernisfrei bewegen (auch bei Thermal Pro ohne Gummifasern!), Berghaus eher wegen der weiteren Konstruktion.
  • Der Effekt der Wärmung hängt sehr vom individuellen Zustand und der Aktivität ab. Er wurde im Ruhezustand bewertet und gilt eher für Verfrorene. Haglöfs und Norröna waren genauso warm wie die dickere Rab mit ihren dünnen Stretcheinsätzen, die nicht nur bei Aktivität, sondern auch bei Ruhe Wärme ableiten.
  • Die Hälfte der vorgestellten Jacken haben eine brauchbare Windabweisung (v. a. La Sportiva und Ortovox), geprüft mit einem Fön. Sie lassen sich also auch als Außenlage tragen, Patagonia sogar bei rauerem Klima. Die andere Hälfte ist luftiger (v. a. Schöffel, Vaude und Rab) und reduziert als Außenlage bei Akitvität die Erwärmung.
  • Analog zum Windschutz kommt der Dampfdurchlass in zwei Typen: Dampfsaugende Modelle mit glatter Oberfl äche (Tropfen verteilt sich weitfl ächig; extrem Norröna und Mammut), die als Baselayer am besten funktionieren; und stark dampfableitende Modelle, die keine Feuchtigkeit von außen aufnehmen (Tropfen hält sich lange auf der Oberfl äche). Tilak verbindet beide Typen. Der maximal luftige und dampfeffi ziente Hybrid Adidas ist eher ein Baselayer.
  • Flauschigkeit und Polyester-Stoff (La Sportiva Polyamid, Ortovox auch Merinowolle) ergaben zusammen ein kuscheliges Hautgefühl, geprüft an den Armen. Die Stoffe Polartec Thermal Pro und Power Stretch waren am angenehmsten.
  • Eine gute Abdichtung von Rumpf, Ärmeln und Hals ist bei einer Fleecejacke evtl. unerwünscht, sofern sie als typisches Midlayer verwendet wird (im Aufstieg dampfableitend, abwärts von Shell abgedeckt). Dies galt v. a. für die luftige Schöffel (auch Ortovox und Haglöfs), während die luftige Vaude perfekt abdichtete. Bei der teils sogar windresistenten Patagonia war leider der Front-RV nicht hinterlegt.


Einsatzbereiche

Bewegungsintensiv: Bei dünner fl auschiger Innenseite sollte der Schweißdampf-Durchsatz durch luftige Webung (stärker kühlend) oder saugende Oberfl äche (windabweisend) sehr hoch sein. Auch Baselayer, teils als solches vorgesehen.
Kälte/Ruhe: Das Fleece sollte besonders fl auschig (dicker und stärker gelammt) sein und braucht weder Windschutz noch gute Abdichtungen. Reines Midlayer. Es hat von den Fleecejacken das günstigste Verhältnis zwischen Wärmung und Gewicht.
Windig: Die Außenseite des Fleece ist windabweisend (glatte Oberfl äche) oder aus extra windresistentem und robusterem, aber weniger dampfdurchlässigem Material (neue Entwicklung). Eine Kapuze ist sinnvoll. Lässt sich außer bei Sturm oder Niederschlag gut als Outer- Layer tragen.

Die Modelle im Überblick

  1. Adidas Terrex Fleece JacketAdidas Terrex Fleece Jacket
    Info: www.adidas.com/outdoor Preis: 99,95 € Gewicht: 445 g
  2. Berghaus Brenta IIBerghaus Brenta II
    Info: www.berghaus.com Preis: 89,95 € Gewicht: 385 g
  3. Haglöfs Isogon JacketHaglöfs Isogon Jacket
    Info: www.haglofs.se Preis: 140 € Gewicht: 485 g
  4. La Sportiva Voyager Jacket MLa Sportiva Voyager Jacket M
    Info: www.lasportiva.com Preis: 99,95 € Gewicht: 455 g
  5. Mammut Aconcagua Jacket MenMammut Aconcagua Jacket Men
    Info: www.mammut.ch Preis: 150 € Gewicht: 390 g
  6. Norröna Narvik Warm 2 Stretch Zip HoodNorröna Narvik Warm 2 Stretch Zip Hood
    Info: www.norrona.no Preis: 189 € Gewicht: 460 g
  7. Ortovox Fleece Jacket MenOrtovox Fleece Jacket Men
    Info: www.ortovox.com Preis: 149,95 € Gewicht: 480 g
  8. Patagonia M’s Piton Hybrid HoodyPatagonia M’s Piton Hybrid Hoody
    Info: www.patagonia.com Preis: 180 € Gewicht: 335 g
  9. Rab Boulder JacketRab Boulder Jacket
    Info: www.rab.uk.com Preis: 139,95 € Gewicht: 535 g
  10. Schöffel JackSchöffel Jack
    Info: www.schoeffel.de Preis: 119,90 € Gewicht: 545 g
  11. Tilak Femund XLTilak Femund XL
    Info: www.xtrym.de Preis: 129,90 € Gewicht: 405 g
  12. Vaude Men’s Vallacia Fleece JacketVaude Men’s Vallacia Fleece Jacket
    Info: www.vaude.com Preis: 130 € Gewicht: 390 g

 Hier den kompletten Testbericht herunterladen
Text: Christian Schneeweiß; Fotos: Bernd Ritschel (3), Andreas Strauß
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 10/2013. Jetzt abonnieren!
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