Kaufberatung: Expressen

Was ist wichtig beim Kauf von Expressen?

Expressen sind kleine Lebensretter, die beim Klettern am Fels zur unerlässlichen Ausrüstung gehören. Die durch eine Schlinge verbundenen Karabiner müssen großen Belastungen standhalten und absolut zuverlässig sein. Worauf es beim Kauf von Expressschlingen für den Fels-Einsatz ankommt, verrät Peter Albert.
 
Worauf Sie beim Kauf von Expressen achten sollten © Remains - fotolia.com
Worauf Sie beim Kauf von Expressen achten sollten
Kleiner, leichter, dünner – das ist die Devise, mit der die Hersteller ihre Expressschlingen in den letzten Jahren weiterentwickelt haben. Gut so, könnte man meinen. Was soll man auch unnötig viel Gewicht an den Gurt hängen? Schließlich hat man mit Klettergurt, Helm, Schuhen etc schon genügend Ausrüstung dabei... Gegenfrage: Sind kleine, leichte und dünne Karabiner auch so gut, wie sie sein müssen? Oder hat man damit gravierende Nachteile in Kauf zu nehmen? Wir haben die unterschiedlichsten Modelle unter die Lupe genommen.

Expressschlingen bestehen aus zwei Karabinern und einer genähten Bandschlinge in der Mitte. Sie dienen der Selbstabsicherung am Fels und sollen in erster Linie sollen sie eines tun: halten. Deshalb gibt es auch eine Norm, die allerdings nicht für die Exen im Ganzen gilt, sondern für deren Bestandteile. Damit ist gewährleistet, dass die in Europa käuflichen Expressen ausreichende Sicherheitsreserven haben. Alle von uns getesteten Modelle entsprechen selbstverständlich dieser Norm.

Gute Exen, schlechten Exen

Sicherheitsaspekte sind es also nicht, die gute von schlechten Expressschlingen unterscheiden. Wer Exen kaufen möchte, sollte andere Kriterien zur Entscheidung heranziehen. Hier kommt zunächst einmal das Handling in Frage:

- Wie lässt sich das Seil in den unteren Karabiner clippen?
- Wie lässt sich der obere Karabiner beim Abbauen von Routen aus dem Haken aushängen?
- Und übrigens auch (weil es in der Praxis einfach oft vorkommt): Wie gut kann ich mich an der Exe festhalten?

Vorteilhaft beim Clippen des Seiles ist es, wenn die Expressschlingen am unteren Karabiner eine große Öffnung an einem gebogenen Schnapper aufweisen und wenn dessen Feder nicht zu stark ist. Vorteilhaft beim Abbauen (insbesondere von überhängenden Routen) ist es, wenn der obere Karabiner am Schnapperverschluss keine Nase hat. Diese Nase bleibt nämlich gerne am Haken hängen. Hier haben sich verschiedene Systeme bewährt (unter anderem das Keylock-System). Vorteilhaft zum Festhalten schließlich ist es, wenn das Schlingenmaterial nicht glatt ist.

Ob man sich für normale Schnapper oder Drahtbügelschnapper entscheidet, ist Geschmackssache. Allerdings sollte man bedenken: Bei Wire-Gates ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Karabiner eine Sturzbelastung mit offenem Schnapper halten muss, sehr gering, bei normalen Schnappern etwas höher. Wer sich also für normale Schnapper entscheidet, sollte auf eine möglichst hohe Schnapper-offen-Festigkeit achten. Wir empfehlen mindestens 9 kN. Leider waren Drahtbügelschnapper ohne Nase lange eine Rarität. Ein guter Kompromiss könnte deshalb die Mischung beider Schnapperformen sein: oben ein normaler Schnapper, unten ein Wire-Gate. Bei Edelrid und Salewa gibt es solche Sets.

Seilschäden durch Expressen

In jüngerer Zeit gab es immer wieder Berichte über Beschädigungen nagelneuer Seile. Nachforschungen haben ergeben, dass diese Schäden nicht immer auf die mangelnde Qualität der betroffenen Seile zurückzuführen sind. In einigen Fällen waren es die Eigenschaften der benutzten Exen, die den Seilen so zusetzten. Wenn nämlich im seilführenden Radius der Karabiner feine Grate aus dem Metall ragen, wirken diese wie Schneidwerkzeuge. Es sind Fälle bekannt, in denen bei Seilen auf mehreren Metern nur noch die Litzen des Kerns übrig blieben – selbst nach harmlosen, kleinen Stürzen. Das wirft die Frage auf: Welche Karabiner schaden den Seilen? Mit unserem Labortest sind wir der Frage nachgegangen. Folgende These haben wir im Vorfeld aufgestellt: Je dünner und je rauer die Oberfläche, desto eher schadet der Karabiner dem Seil.

Der erste Teil der These hat sich zumindest zum Teil bestätigt. Von den fünf Karabinern mit einem Materialquerschnitt zwischen 7,8 und 8,2 mm haben zwei dazu geführt, dass die betreffenden Seile nur einen Sturz hielten und schon beim zweiten gerissen sind. Allerdings hielt das Seil, das über den dünnsten Karabiner lief – den »Micro« von AustriaAlpin–, erstaunliche drei Stürze. Umgekehrt hielt das Seil, das durch den relativ durchmesserstarken »Element « von Mammut umgelenkt wurde, nur zwei Stürze. Von diesen Ausnahmen abgesehen scheint es dennoch einen Zusammenhang zwischen dünnen Karabinern und schädigendem Einfluss auf Seile zu geben. Daraus leiten wir den Schluss ab: Wer sein Seil möglichst lange nutzen möchte, sollte auf stärkere Karabiner setzen. Wem geringes Gewicht sehr wichtig ist, der muss mit schnellerem Verschleiß seiner Seile rechnen.

Der zweite Teil unserer Eingangsthese hat sich deutlicher bestätigt. Wir haben festgestellt, dass sich die Oberflächen der Karabiner zum Teil beträchtlich unterschieden – allerdings nicht immer zwischen den Modellen, sondern auch innerhalb der Modellreihen. In einigen Fällen waren an neuen Karabinern Grate spürbar, wenn man mit dem Finger darüberglitt. Solche Grate im seilaufnehmenden Radius führen zu den genannten meterlangen Mantelrissen. Wer sich also Expressschlingen zulegt, sollte noch vor dem Kauf die Oberflächen der Karabiner unter seine Finger nehmen und eingehend prüfen.

Expressen-Tauschen verboten!

Die meisten Grate an Karabinern entstehen allerdings beim Klettern selbst – und zwar am oberen Karabiner einer Expressschlinge. Die teils scharfen Kanten von Haken und Bohrhaken setzen jedem Karabiner sehr zu. Deshalb ist es wichtig, Exen immer in der gleichen Weise einzuhängen: Den oberen Karabiner im Haken, und in den unteren kommt das Seil.

Expressschlingen sollten also so gestaltet sein, dass man die beiden Seiten deutlich voneinander unterscheiden kann – ob über die Form der Schnapper (gerade vs. gebogen) oder über unterschiedliche Farbgebung, ist dabei nebensächlich.

Fazit

Beim Kauf von Expressen spielen zwei Kriterien eine entscheidende Rolle: erstens das Handling und zweitens Größe und Gewicht. Wer hier auf möglichst kleine und leichte Karabiner setzt, muss mit rascherem Seilverschleiß rechnen. Sicherheitsaspekte treten etwas in den Hintergrund, weil alle in Europa käuflichen Expressen normgerecht und damit sicher sein müssen. Beim Gebrauch der Exen im Kletteralltag spielt ein sicherheitsrelevanter Aspekt allerdings eine sehr wesentliche Rolle: Expressschlingen sollte man immer in einer Richtung einhängen. Wer seine Exen oft dreht, braucht sich nicht zu wundern, wenn das Seil innerhalb kürzester Zeit kaputt ist.

Info: Schlingenmaterial

Polyäthylen, Mischgewebe oder Polyamid? Für den Normalverbraucher dürften die klassischen Polyamidschlingen am besten geeignet sein: Sie sind gut festzuhalten, weil sie nicht so glatt sind. Mischgewebeschlingen bestehen zur Hälfte aus Polyurethan und sind glatter und dünner. Reine Polyäthylenschlingen sind sehr dünn und sehr glatt, aber superleicht und eher was für die ambitionierten Sportkletterer.

 
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren