Die häufigsten Fingerverletzungen | BERGSTEIGER Magazin
Die Finger werden beim Klettern extrem beansprucht, und sind daher besonders anfällig für Verletzungen

Die häufigsten Fingerverletzungen

An ihnen hängt fast alles beim Klettern. Kein Wunder also, wenn die Finger immer wieder Probleme machen. Dr. Günther Straub beschreibt Diagnosen und Therapien zu den häufigsten Fingerverletzungen.
 
Die häufigsten Fingerverletzungen bei Kletterern © Andreas Erkens
Die häufigsten Fingerverletzungen bei Kletterern
Es ist ein krasses Missverständnis, und trotzdem ist es weit verbreitet. Ihm zufolge befinden sich die Muskeln zum Bewegen der Finger ebendort, nämlich in den Fingern. Als Beweis wird zum Beispiel auf die Wurstfinger langjähriger Kletterer verwiesen. Wo sollen die dicken Finger sonst herkommen als vom Wachstum der trainierten Muskeln? Tatsächlich befindet sich überhaupt kein Muskel in den Fingern. Dort anzutreffen sind lediglich ihre Verlängerungen – die Sehnen. Und diese laufen von den jeweiligen Fingergliedern über die Fingergelenke, durch die Hand und übers Handgelenk bis in den Unterarm. Erst in dessen oberem Teil liegen schließlich die Muskeln, die die Finger beugen und strecken.

Diesen Umstand kann jeder ganz einfach an sich selber nachvollziehen, indem er die Finger beugt: Dann sind nämlich Sehnenbewegungen an der Innenseite des Handgelenks deutlich sichtbar. Der lange Weg der Kraftübertragung bringt seine Probleme mit sich. Insbesondere dort, wo die Sehnen umgelenkt werden müssen, besteht erhöhtes Verletzungpotenzial. Das gilt für das Handgelenk, wo die Sehnen durch den Karpaltunnel laufen, und es gilt für alle Fingergelenke. Dort halten die Ringbänder die Sehnen an den Gelenken (siehe Skizze). Dass die Ringbänder bei den diversen Griffhaltepositionen sehr starken Belastungen ausgesetzt sind, liegt auf der Hand. Entsprechend haben die meisten Verletzungen im Finger- und Handbereich mit den Ringbändern zu tun. Welche Verletzungen darüber hinaus auftreten, wie man sie erkennt und therapiert, ist auf dieser Seite zusammengestellt.

Die häufigsten Kletterverletzungen

Ringbandriss

Wo?   
Vorwiegend an Ringfinger und Mittelfinger, betrifft vor allem das A2- und A3-Ringband
Wodurch? 
Ringbänder reißen infolge besonders harter Kletterzüge, oftmals an kleinen Griffen mit aufgestellten Fingern.
Symptome:
Hörbares Schnalzen (beim Abriss), danach Schmerzen, Schwellung, Bewegungseinschränkung, Kraftminderung; die Sehne kann abgehoben zu ertasten sein.
Therapie:
Einzelverletzungen können  konservativ mit kurzfristiger Schienung und Tape behandelt werden, Mehrfachrisse sollten operiert werden. 

Sehnenscheidenentzündung

Wo?   
An allen Sehnenscheiden an Gelenken möglich, häufig jedoch am Handgelenk
Wodurch?       
Fortdauernde Überbeanspruchung oder bakterielle Infektion aufgrund einer offenen Verletzung
Symptome:        
Schwellung (Erguss), Rötung, Schmerzen, Erwärmung, Bewegungseinschränkung. Über dem betroffenen Areal ertastet man bei Bewegung ein »Knirschen« oder »Knistern«. In chronischen Fällen belastungsabhängige Schmerzen, Verdickung und permanente Bewegungseinschränkung
Therapie:       
Im Akutstadium Kletterpause, Kühlung, evtl. kurzfristig Schienung, entzündungshemmende Medikamente, evtl. Injektion eines wasserlöslichen Kortikoids in die Sehnenscheide mit anschließender Pause, danach Bewegungstherapie, Tape, Überprüfung der Grifftechnik, Dehnungsübungen, Laser, Physiotherapie 

Schnellender Finger

Wo?   
Am Ringband A1 des betroffenen Fingers
Wodurch?       
Knotige Verdickung der Beugesehne; diese Verdickung läuft schnappend an der Engstelle der Sehnenscheide hin und her.
Symptome:       
Hin- und Herschnellen des Fingers beim Beugen und Strecken. Im Extremfall kann der Finger in Streckung oder Beugung steckenbleiben.
Therapie:       
Die Behandlung erfolgt durch Injektion eines wasserlöslichen Kortikoids unter das Ringband oder durch eine ambulante Operation, die normalerweise zu Beschwerdefreiheit führt. 

Fingergelenkschwellungen

Wo?   
An allen Fingergelenken möglich
Wodurch?       
Meist chronische Überlastung und dadurch Verdickungen der Bänder und der Gelenkkapsel, Reizerguss im Gelenk, fallweise auch Verkalkungen
Symptome:       
»Steife Finger« am Morgen, Schmerzen, Bewegungseinschränkung, fallweise sichtbare knotige Verdickungen und Vorwölbungen, vorzugsweise am Zwischengelenk, fallweise schnellender Finger
Therapie:       
Belastungsreduktion, Eis (akut), Wärme (chronisch), Bewegung ohne hohe Belastung (Softball, weiche Knetmasse, Fingerdehnungsübungen), Laser, Hand­ergotherapie, evtl. Kortison-Injektionen. Operative Maßnahmen nur nach Versagen aller konservativen Mittel.

Wachstumsfugenschäden

Wo?   
Vor allem am Zwischengelenk
Wodurch?       
Belastungsbedingte Durchblutungsstörung und Absterben eines Teils der Wachstumsfugen bei Kindern und Jugendlichen
Symptome:      
Schwellungen der Gelenke ohne Unfall, besonders nach Belastung; Bewegungseinschränkung
Therapie:       
Absolute Kletterpause bis zur nachgewiesenen Normalisierung, kurzfristig Schiene

Sonderfall Daumen

Der Daumen besteht nur aus zwei Gliedern. Typische Verletzungen sind:
  • Riss des Grundgelenkseitenbandes (»Skidaumen«); Symptome: Schmerzen, Wegklappen des Daumens beim Greifen; meist OP nötig
  • Entzündung der abspreizenden Daumensehnen; Symptome: Schmerzen und Schwellung seitlich am Handgelenk, Knistern bei Bewegung, Bewegungseinschränkung; Therapie: Kortikoid-Injektion, OP selten nötig
  • Arthrose des Sattelgelenkes (Rhizarthrose); Symptome: Schmerzen, Vorwölbung und Entzündung im seitlichen Handwurzelbereich; Behandlung: Physiotherapie, Injektionen, Schienen, im Spätstadium OP
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Text: Dr. Günther Straub, Foto: Andreas Erkens
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