Richtig anseilen | BERGSTEIGER Magazin
Anseilfehler vermeiden

Richtig anseilen

Anseilen, wie banal! Rein in den Klettergurt, Knoten ins Seil, und los geht’s. Was soll man da schon falsch machen? Tatsächlich sind viele Kletterunfälle auf Anseilfehler zurück­zuführen – weil’s eben doch nicht so einfach ist.
 

Richtig anseilen - mit welchem Knoten?

In der deutschsprachigen Kletter­szene ist der Achterknoten am weitesten verbreitet. Wohl eher aus Tradition denn aus praktischen Gründen: Was man sich als Sportkletterer wünscht, leistet der Achter nämlich nicht – dass sich ein Knoten nach einem Sturz oder nach mehrmaligem Hängen im Seil leicht wieder lösen lässt. Ganz anders verhält sich der »doppelte Bulin«: Egal, wie stark der Knoten belastet worden ist, er ist stets problemlos zu lösen. Dafür ist er etwas komplizierter zu knüpfen, und das Erkennen des Knotenbildes bedarf einer gewissen Übung. Der doppelte Bulin ist der große Bruder des einfachen Bulins. Dieser kam in den 70er-Jahren in Verruf, als sich herausstellte, dass er bei Ringbelastung nicht hält und sich bei wenig Belastung lockert. Das ist natürlich heute noch genau so, weshalb der einfache Bulin zum Anseilen nicht geeignet ist. Die Erweiterung zum doppelten Bulin hingegen macht aus dem gefährlichen Knoten eine Ideallösung.

Noch ein Vorteil des doppelten Bulins: Bindet man sich aus, ist gleichzeitig auch das Seil wieder knotenfrei. Im Unterschied dazu bleibt beim Achter automatisch ein Restknoten erhalten, den man eigens lösen muss. Das wird freilich nicht selten vergessen (Restknoten-nicht-Enfernen ist eine grassierende Kletterhallenkrankheit, die vermutlich deshalb nicht ausrottbar ist, weil der Kletterpartner den Teilknoten »ja eh wieder braucht«). An Naturfelsen führt dieses Versäumnis mit einer gewissen Regelmäßigkeit dazu, dass das Seil zu guter Letzt beim Abziehen in der Umlenkung hängen bleibt. Dann ist guter Rat teuer.

Wo anseilen?

Die Konstruktion der Hüftgurte hat sich ziemlich vereinheitlicht. Fast alle Modelle haben eine Bauchgurt-Öse und einen Beinschlaufensteg, die meisten darüber hinaus einen Sicherungsring (auch: »Zentralschlaufe«). Um im Gurt so zu hängen, wie der Hersteller es vorgesehen hat, müssen Bauchgurt und Beinschlaufen gleichermaßen belastet werden. Dies ist bei zwei Methoden der Fall: erstens, wenn man sich an Bauchgurtöse und Beinschlaufensteg anseilt, und zweitens, wenn man lediglich den Sicherungsring benutzt. Auch wenn einige Hersteller die zweite Methode ablehnen – bei allen normgerechten Gurten ist der Sicherungsring ausreichend dimensioniert und taugt daher zum Anseilen. Ende der 90er-Jahre wurde das Anseilen durch den Sicherungsring sogar vom Sicherheitskreis des DAV bevorzugt. Grund war die These, beim Anseilen an Bauchgurtöse und Beinschlaufensteg werde letztgenannter verstärkt abgenutzt. Eine Untersuchung widerlegte dies jedoch alsbald. Insofern ist es Geschmackssache, mit welcher der beiden Methoden man sich anseilt. Man beachte allerdings, dass der Beinschlaufensteg das Hauptverschleißteil eines Gurtes darstellt (bei beiden Methoden!) und deshalb regelmäßig zu prüfen ist. Bei deutlichem Verschleiß sollte ein Gurt ausgemustert werden! 

Brustgurt?

Normalerweise braucht es beim Klettern keinen Brustgurt. Aber es gibt Ausnahmefälle: Kinder und übergewichtige Personen laufen unter Umständen Gefahr, ohne Brustgurt aus dem Hüftgurt zu rutschen. Während es bei Kindern oft an wirklich passenden Hüftgurten mangelt, liegt es bei Übergewichtigen an wenig ausgeprägten Taillen. In beiden Fällen hilft ein Kopf-über-Hängetest, den man vorzugsweise über einer Weichbodenmatte durchführt. Ist ein Herausrutschen ausgeschlossen, kann der Brustgurt zu Hause oder im Laden bleiben. 

Anseilen per Karabiner?

Im Vorstieg bindet man sich grundsätzlich direkt ins Seil ein; zusätzliche Karabiner sind tabu. Im Nachstieg ist das meist genauso. Allerdings gibt es Hallen mit festinstallierten Toprope-Seilen und vorgefertigten Knoten. Und bei Kindergeburtstagen oder ähnlichen Events klettern Personen, die gar keinen Knoten können. Für diese Fälle gibt es »Safebiner«. Das sind Karabiner mit einem gegen ungewolltes Öffnen durch zwei unabhängige Mechanismen gesicherten Schnapperverschluss (nicht: Schraubkarabiner, Twistlocks und auch manche Push & Twist-Systeme). Empfehlenswert sind die neueren Ball-Locks mit Metallhülsensicherung (Petzl). Wer keinen Safebiner zur Hand hat, kann stattdessen zwei Karabiner kombinieren. Ob das zwei Karabiner mit oder ohne Verschlusssicherung sind, spielt keine Rolle – auch normale Schnapper können hier Verwendung finden, solange die Schnapperöffnungen gegenläufig eingehängt sind.
Michael Hofmann
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