Auf's Dach der Alpen - Traumziel Mont Blanc

Schneeschuhgehen - die richtige Technik

Schneeschuh-Touren halten fit – und sorgen dafür, dass Hochtouristen die Gehtechniken mit Steigeisen den Winter über nicht ganz vergessen.
Von Moritz Baumstieger
 
Preiswertes Vergnügen: Schneeschuhe sind wesentlich günstiger als eine komplette Skitourenausrüstung. © visual impact / Thomas Ulrich
Preiswertes Vergnügen: Schneeschuhe sind wesentlich günstiger als eine komplette Skitourenausrüstung.
Zugegeben: Im vergangenen Jahr hätte man keine Schneeschuhe gebraucht, um in den kalten Monaten die Kondition hoch zu halten. Viele Wanderwege waren frei, Schnee wochenlang nur da zu finden, wo ihn Skigebietsbetreiber mit ihren Kanonen hingepustet hatten. In normalen Wintern aber – wie dieser hoffentlich einer wird – bieten Schneeschuhtouren eine gute Alternative zu Wanderungen auf gespurten Forststraßen.

Schneeschuhe? Ja, diese Dinger, die riesige Krater in der Skispur hinterlassen (was man fairerweise vermeiden sollte). Diese Dinger, die ziemlich sicher das älteste technische Fortbewegungsmittel der Welt sind und mehrere tausend Jahre benutzt worden waren, bevor der erste Skitourengeher sein Seehundfell aufzog.

Und heute? Entdecken immer mehr Skitourengeher das, was sie vor einigen Jahren noch als »Laufen mit Tennisschlägern unter den Füßen« verspottet haben, als Ergänzung der Tourenmöglichkeiten in der kalten Jahreszeit. Warum? Weil sich mit Schneeschuhen ganz andere Geländearten erschließen lassen, weil man mit ihnen auch dann Spaß haben kann, wenn das Skifahren eher eine Qual ist, weil kaum Pulver, aber viel Bruchharsch oder Sulz zu finden ist.

An solchen Tagen ist Christian Schneeweiß mit seinen Schneeschuhen unterwegs. Der 51-Jährige wurde nicht etwa wegen seines Nachnamens zum Schneeschuh-Experten, sondern schnallte sich die Dinger das erste Mal unter die Füße, als sein Vater in den Siebzigerjahren ein Paar als Souvenir von einer Reise nach Kanada mitbrachte. »Das waren so richtige Bilderbuch-Schneeschuhe aus Holz und Haut, die nur eine Saison lang hielten«, erinnert sich Schneeweiß, der inzwischen Bücher über das Thema geschrieben hat (etwa »Outdoor-Praxis: Schneeschuh-Gehen«, Bruckmann Verlag 2012). »Die heutigen Schneeschuhe sind ganz anders: stabiler, leichter und praktischer.«

Schneeschuhe: Alu statt Tennisschläger

Schneeschuh aus Holz und Leder
Schneeschuhe aus Holz und Leder (©verson)
Nostalgische Schneeschuhe aus Holz werden zwar immer noch hergestellt, deutlich moderner und haltbarer. Für Geher mit Ambitionen empfiehlt Schneeweiß aber eher andere Modelle: »Die klassischen Schneeschuhe haben heute einen Alurahmen, der bespannt ist. Es gibt sie in verschiedenen Größen – die längeren eignen sich sehr gut für Pulverschnee, weil man mit ihnen nicht so tief einsinkt. Die kürzeren eher für Bergtouren, weil man mit ihnen beweglicher ist.«

Mit solchen Modellen lassen sich etwa hügelige Gelände und Flusstäler wunderbar erkunden, Landschaften, die auch Schneeweiß inzwischen für sich entdeckt hat. Wer jedoch richtig in die Berge will – wo es steiler wird und der Wind den Schnee oft zu Harsch presst, dem empfiehlt der Experte Schneeschuhe aus Kunststoff: »Die sind längs und quer verstrebt und haben am Rahmen Krallen, die im Harsch greifen. Zudem sind sie meist kompakter, was im alpinen Gelände von Vorteil ist.« Bei der Tourenplanung gilt es, die alpinen Gefahren des Winters zu beachten – eine Lawine macht keinen Bogen um einen Bergsteiger, nur weil der Schneeschuhe anstelle von Tourenski an den Füßen hat.

Darum sind für Ausflüge ins Hochgebirge Grundkenntnisse in der Lawinenkunde und eine entsprechende Ausrüstung Pflicht. Aber auch für den, der nicht mit dem Thema vertraut ist, gibt es genügend lohnende Ziele: »Im Sommer und Herbst sind Touren unterhalb der Baumgrenze ja oft etwas eintönig. Fahrwege sind langweilig, das Laufen durch den Wald mühsam, weil man sich über Geäst und die Wurzeln quälen muss«, meint Schneeweiß.

Wenn aber Schnee fällt, ändert sich das schlagartig: »Der Wald verwandelt sich in eine Winter- Wunderwelt, so dass sogar das Gehen auf Forststraßen ein Erlebnis wird. Und selbst ein Querfeldein durch den Wald geht ab einer gewissen Schneehöhe plötzlich auch ganz problemlos – weil man über das Geäst einfach drüber geht.« Sonst gelte es bei der Planung nur zu beachten, dass man sich vielleicht nicht gleich zu Beginn die allersteilsten Hänge aussucht, dass es im Winter früher dunkel wird und vor allem, »dass das Spuren im frischen Schnee ziemlich anstrengend ist.«

Schneeschuh-Gehtechnik: Mehr Ente, weniger Storch

Dann kann es schon losgehen. Da selbst die schmalsten Schneeschuhe etwa zwanzig Zentimeter breit sind, »ist beim Schneeschuhgehen ein leichter Watschelgang angesagt«, so Schneeweiß. Für den, der diesen Sommer fleißig mit den Steigeisen geübt hat, dürfte das gar kein Problem sein. Und für den, der nicht ganz so fleißig war, ist es eine gute Übung. Wichtig ist beim Schneeschuhgehen, die Spur dem Gelände anzupassen – und den Schneeverhältnissen.

Ist der Schnee weich, kann man in gemächlichen Serpentinen dem Ziel entgegenschlurfen: »Im Pulver geben die Kanten der Schneeschuhe nämlich äußerst guten Halt«. In wirklich tiefem Schnee wird das ab einer gewissen Steilheit aber zu mühsam. Dann empfiehlt Schneeweiß das, was er den »Duckstep« nennt: Man steigt senkrecht in der Falllinie auf, die Fußspitzen nach außen gedreht. Der Bewegungsablauf ähnelt dem, mit dem man beim Skifahren manchmal ein paar Meter im V-Schritt nach oben stapft. Ist der Schnee angeblasen oder eisig, ist mit gemütlichen Serpentinen schon bei viel geringerer Hangneigung Schluss – denn die Kanten im harten Schnee richtig einzusetzen, ist wegen der Breite der Schneeschuhe und der teils nicht torsionssteifen Bindungen fast unmöglich.

»Sobald der Hang steiler als 25 Grad ist, geht man besser senkrecht nach oben.« Natürlich kann es passieren, dass ab und zu eine steilere Querung ansteht – denn auch bei der geschicktesten Routenwahl diktiert der Berg die Spur. Dann rät Schneeweiß, die Schneeschuhe voreinander in eine Linie zu setzten. »Ich nenne das Line Step. Im Prinzip ist das ein bisschen so, als würde man auf dem Schwebebalken balancieren.« Um das Gleichgewicht zu halten, helfen die Teleskopstöcke, die Schneeweiß auf jeder Tour empfiehlt. Und die ungewohnte Anforderung an die Sprunggelenke, sich entsprechend der Hangneigung ein wenig zu biegen, ist wie der Watschelgang vom Steigeisen-Gehen bekannt – oder ein willkommenes Training.
Schneeschuhgehen
Mangels Tempo bleibt ein Stolperer beim Schneeschuhgehen meist folgenlos.

Abrollen ist nicht

Den meisten Anstiegen folgt irgendwann ein Abstieg. Während das Hochgehen mit Schneeschuhen für die meisten Bergsteiger fast selbsterklärend ist, fühlt sich Bergabgehen anfangs meist befremdlich an. »Mit der Ferse auftreten und dann den Fuß abrollen ist nicht möglich«, sagt Christian Schneeweiß, »denn hinter der Ferse geht der Schneeschuh ja noch weiter.« Deshalb heißt es gehen, ohne abzurollen – eine weiteres Element, was Steigeisenliebhabern bekannt vorkommen dürfte. Queren ist da eher mühsam, am besten geht das in der Falllinie. Wenn der Schnee weich ist, kann man versuchen, den Schwung des Schrittes mitzunehmen und ein wenig zu gleiten, im Prinzip ähnlich, wie man das im Sommer bei einem Abstieg in einem Schotterkar macht.

»Wenn es schneller geht und Spaß macht, sollte man nur aufpassen, dass sich die Schneeschuhe nicht beim Schritt verhaken«, sagt Schneeweiß – »sonst taucht man schnell mal mit dem Gesicht in den Schnee«. So eine unfreiwillige Erfrischung im Tiefschnee ist nur kalt, aber nicht gefährlich. Dem, der für das Dach der Alpen trainiert, wird sie trotzdem nie passieren. Denn unkontrollierte Stürze, nur weil man sich beim Gehen nicht konzentriert und deshalb mit den Geräten an den Füßen verhakt, unterlaufen einem Steigeisen-Profi einfach nicht. Oder?

Trainingsplan Schneeschuhgehen

1. Ökonomischer auf den Berg

Schneeschuhgehen Technik
Schneeschugehen - die richtige Technik (©Georg Sojer)
Ziel: Kraft sparen
Umsetzung: Das Gehen in tiefem Schnee ist anstrengend, besonders, wenn Sie spuren müssen. Ein bisschen weniger anstrengend ist es aber, wenn Sie schlurfen, anstatt die Beine bei jedem Schritt wie im Storchengang anzuheben. Ziehen Sie den Schneeschuh also über den Schnee.
Besonders beachten: Versuchen Sie einen gleichmäßigen Geh-Rhythmus zu finden – auch das spart Kraft.

2. Genüsslich bergab gehen

Ziel: In den Gleitschritt kommen
Umsetzung: Auch, wenn es sich ungewohnt anfühlt: Um bergab in einen Gleitschritt zu kommen, hilft eine leichte Rückenlage. Winkeln Sie die Beine leicht an, um das Ende des Schneeschuhs zuerst aufzusetzen – so kommen Sie automatisch in ein leichtes Gleiten. Fühlt sich gut an? Dann trauen Sie sich jetzt, ein wenig schneller zu gehen.
Besonders beachten: Beim Gleitschritt ist es einfacher, im unverspurten Schnee zu gehen, als den Spuren eines Vorgängers zu folgen. 

3. Wendig werden

Ziel: Kehren ohne Stürze
Umsetzung: Probieren Sie, was mit Schneeschuhen eigentlich nur Profis können: Rückwärts gehen. Und, hingefallen? Nicht schlimm. Um das in Zukunft zu vermeiden, üben Sie die Spitzkehre: Den hangseitigen Stock gut setzen, dann das hangseitige Bein anheben und den Schneeschuh um fast 180 Grad gedreht aufsetzen. Bein und Stock belasten – und dann das andere Bein drehen.
Besonders beachten: Spitzkehren sind mit Schneeschuhen eher umständlich. Beim Aufstieg sind sie nicht zu empfehlen, nur in Situationen, in denen man sonst rückwärts gehen müsste.
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 01/2015. Jetzt abonnieren!
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