Scharfe Begriffe bringen Licht ins Dunkel der Namensgebung | BERGSTEIGER Magazin
Vortrag von Professor Scharfe im Alpinen Museum München

Scharfe Begriffe bringen Licht ins Dunkel der Namensgebung

Der Ethnologe und Kulturwissenschaftler Martin Scharfe referierte am 26.10. unter dem Titel »Berge heißen!« im Alpinen Museum in München über die Namensgebung für Berge. Dabei ging es ihm nicht darum, wie einzelne Berge zu ihren Namen gekommen seien. Das Thema war ein allgemeineres: Wie gestaltete sich der Prozess der Namensgebung und wieso haben Berge überhaupt Namen? 
 
 
Wegtafel zum Grieskogel © Archiv des DAV München
Wegtafel zum Grieskogel
Dass Berge Namen tragen und diese der breiten Bevölkerung bekannt sind, ist ein Phänomen der jüngeren Geschichte. Scharfe machte dies gleich zu Beginn seines sehr wissenschaftlichen Vortrags klar, indem er sich einer Szene aus dem 1880 erschienenen Kinderbuch »Heidis Lehr- und Wanderjahre« bediente. »Berge heißen nicht!«, antwortet der Geissenpeter auf Heidis Frage nach den Namen zweier im Alpenglühen besonders beeindruckender Gipfel. Später erfährt Heidi vom Almöhi, dass Peter falsch lag: »Sie heißen doch!« Nur wusste der Geissenpeter nichts davon, da jene hohen Berge außerhalb seiner Lebensrealität als Hirtenjunge lagen.

Für die Alpinisten der ersten Stunde hingegen war die Benennung der Berge – der Mangel und gleichzeitige Überfluss an Namen – ein handfestes Problem. Das Thema der Bergnamen ist daher auch Teil von Scharfes größerer kulturgeschichtlicher Theorie über den Alpinismus.
 

Verlorene Berge und eine Vielzahl an Jungfrauen

Spätestens mit der Aufklärung wurden Berge zu Zielen für das Bestreben nach Benennung.  Allen nur denkbaren Objekten der Geographie, Fauna und Flora wurden benannt und klassifiziert, wie Scharfe erklärte. Ob Berge Namen trugen und welche, hatte verschiedene Gründe. Der generelle Bedarf an Namen unterschied sich zwischen Berufsgruppen. So benutzten Gamsjäger teils andere Bergnamen und benannten andere Berge, als die Hirten. Neben der ökonomischen Relevanz, die die Berge für die Bevölkerung hatte, war ihre Benennung abhängig von ihrer Sichtbarkeit. So bekamen Berge, die weniger auffällig waren oder im Schatten anderer Berge standen, Namen wie »Monte Perdido« (zu deutsch Verlorener Berg, Pyrenäen) oder »Finsteraarhorn« (Berner Alpen). Dabei konnte man nicht von einer Eins-zu-Eins-Entsprechung ausgehen. So gab es je nach Tal verschiedene Aarhöner oder Jungfrauen wie eine Anekdote um den »Trugberg« zeigt: Bei einer Expedition zur Jungfrau stritten Walliser und Berner Bergführern auf dem Konkordiaplatz, welcher der Berge denn nun die Jungfrau sei. Jedes Tal hatte schlicht einen anderen Berg als Jungfrau bezeichnet. Der Waliser setzte sich durch, woraufhin die Jungfrau des Verlierers aus Bern, bei den Wallisern als Fraulihorn bekannt, zum Trugberg wurde.

Dass die Bergnamen auch oftmals durch einen kulturellen Herrschaftsgestus entstanden, zeigt etwa auch die von Scharfe überlieferte Vermutung, dass die Nachbarschaft von Mönch und Jungfrau auf einen »alpinistischen Scherz« zurückzuführen sein könnte. Solche Namen sind vermutlich eher durch die alpinistischen »Eroberer« als durch die alteingesessene Bevölkerung entstanden. Dabei hatten die Menschen also durchaus auch mit Namen gespielt.


Aus den Anfangstagen des Alpinismus; Foto: Martin Scharfe


Von Lokalvernunft zu imperialer Geste

Die Benennung war aber immer auch von Machtverhältnissen abhängig. Dass die Namen letztlich durch Landvermesser und Kartographen festgeschrieben wurden, scheint zwar auf der Hand zu liegen, resultiert aber auch aus dem simplen Problem, dass die Vermessung der Alpen einheitlich benannte Punkte – insbesondere Gipfel – voraussetzte. So hatten beispielsweise die Gipfel des Monte-Rosa-Massivs zunächst keine Namen, sondern wurden sowohl in den Schweizer, als auch in den italienischen Tälern einfach als »Monte Rosa« bezeichnet – für Kartographen ein Graus, aber für die lokale Bevölkerung aber eine logische und naheliegende Praxis. Das vorwiegende Benennen von Bergen mit ökonomischer Bedeutung vor Ort zeigt, dass die Benennung einer Lokalvernunft entsprang, die zumeist in sich schlüssig war, und diese wiederspiegelte. Nichtsdestotrotz entstand daraus teils ein Namenschaos, das in den Anfangstagen des Alpinismus noch als eine von dessen größten Gefahren aufgefasst wurde.

Die fortschreitende Benennung der Berge machte den Alpinismus nicht nur etwas sicherer, sie sorgte auch für größeren Genuss während der Gipfelrast. Denn, wie Scharfe hervorhob, war die viel gelobte Aussicht keineswegs schon immer ein zentraler Aspekt des Bergsteigens. Vielmehr kam das Aussicht-Betrachten erst im Laufe der Zeit auf. Die Benennbarkeit von Bergen spielte hierbei eine große Rolle, da die Freude der Aussicht vergrößert wurde, wenn man auf die umliegenden Gipfel zeigen und sie benennen konnte.

»Benennen heißt immer auch Sichtbar-machen« – das sei auch schon Schiller und Nietzsche aufgefallen. Namensgebung stelle immer ein Form der Rationalität dar, die irrationale Elemente in sich vereine, ist die Schlussfolgerung am Ende von Scharfes Vortrag, mit der er den Bogen zurück zum Allgemeinen schlägt.
Foto: Gabriele Kircher
Christian Träger
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