Formeln und Tipps

Auf Bergtour: Gehzeit berechnen

Wie lange dauert es noch? Die Angabe zur Gehzeit auf einer Tour, die der Wegweiser ins Rennen wirft, ist oft nur ein grober Anhaltspunkt. Hinzu kommt, dass jede Region ihre eigenen Regeln zu haben scheint. Und doch gibt es sie: Formeln, die Klarheit ins Zeiten-Wirrwarr bringen sollen. Wir klären auf.
 
Der Zeit voraus: Wer oft wandern geht, ist meist schneller als der Wegweiser angibt. © 123rf / Ann Dudko
Der Zeit voraus: Wer oft wandern geht, ist meist schneller als der Wegweiser angibt.
Die Schweizer haben das Problem der Gehzeitenberechnung auf Bergtour natürlich mit besonders viel Akribie gelöst. Wer sonst wäre wohl auf die Idee gekommen, dafür eine mathematische Kurve mit einem Polynom 15. Grades zu entwickeln? Die Formel gilt für den Phänotypus des zeitgenössischen Norm-Wanderers. »Der läuft heutzutage – zumindest im Flachland – mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4,2 Kilometern pro Stunde«, sagt der Geograf Andreas Wipf vom Dachverband »Schweizer Wanderwege«.

Doch die Formel hat ihre Tücken. Denn die Hälfte der Wandernden sei eben schneller unterwegs als der Durchschnittsberggeher, die anderen 50 Prozent aber bewegen sich gemächlicher. Der mathematische Leitsatz für die Marschzeitangabe auf eidgenössischen Wegweisern berücksichtigt Weglänge und Steigungsverhältnisse. Mithilfe von 15 Konstanten lässt sich die Zeit auch sehr exakt berechnen. Doch bei Gefälle sowie Anstiegen jenseits von 40 Prozent (also über 22 Grad) gilt die Kurvenfunktion nicht mehr. Der mathematisch ambitionierte Bergwanderer müsste dann linear extrapolieren.

Regionale Unterschiede in der Gehzeit nur gefühlt

Und trotzdem: Dass die Wegweiserzeiten auf Walliser oder Bündner Terrain fordernd sind, die Berner dafür nicht so gerne hetzen, hält Wipf für ein Gerücht: »Diese angeblichen regionalen Unterschiede sind nur gefühlt.« Seit 2006 gilt die eidgenössische Marschzeitformel nämlich in allen Kantonen. Bis auf ein paar uralte Schilder sollten die rund 50 000 Wegweiser an Schweizer Bergpfaden also Werte auf ziemlich einheitlicher Basis liefern.

Doch wie halten es andere Alpennationen? Zunächst die Deutschen: Mit teutonischer Exaktheit beschreiben sie, wie die Gehzeiten am Berg zu schätzen seien. Und wie sonst könnte man das Regelwerk genauer spezifizieren als mit einer ordentlichen Norm? DIN 33466 lautet die entsprechende Vorgabe. Diese verlangt nicht nur Wegschilder im hinlänglich bekannten RAL1023-Gelb und den Einsatz der Type »Linear-Antiqua« zur Beschriftung. Auch die Faustformel zur Gehzeitenberechnung ist hier in Verordnungsform gegossen.

Dass trotzdem bisweilen regionale Gepflogenheiten zur Anwendung kommen, will Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein nicht ausschließen. »In der Nähe von Bergstationen der Seilbahnen werden Gehzeiten bisweilen sehr konservativ berechnet«, hat er beobachtet. Wer will schon gerne die letzte Gondel ins Tal verpassen?

Dass aber die Werdenfelser oder die Berchtesgadener ihre Tourenangaben besonders sadistisch taxieren, mag er nicht bestätigen. Zumindest offiziell gebe es keine Absprachen, in bestimmten Gebieten die Wegzeiten anders zu kalkulieren als mit den gängigen Methoden.

50 000 Kilometer Bergwege betreut der DAV zusammen mit dem Österreichischen Alpenverein. Und natürlich ist auch in Austria genauestens formuliert, wie die Gehzeiten korrekt zu veranschlagen sind. Das »Wegehandbuch der Alpenvereine« gibt unter Punkt 1.6.2.5 detailliert Aufschluss, was der moderne Bergwanderer in einer Zeitstunde zurückzulegen hat. Nämlich »300 Meter im Aufstieg. 500 Meter im Abstieg. Vier Kilometer Horizontalentfernung«.

Bedächtiger unterwegs in den Ostalpen

Ob es die ostalpinen Berggeher wurmt, dass ihnen im Vergleich zum Westalpen-Wanderer in der Schweiz 200 Meter Strecke pro Stunde weniger zugetraut werden? Ohnehin haben die Marschzeit-Optimierer schon berücksichtigt, dass der moderne Tourist bedächtiger unterwegs ist als der Berggänger früherer Zeiten. »Da wurde die Wegstrecke noch mit 4,5 Kilometern pro Stunde angesetzt«, sagt Andreas Wipf.

Sein eigenes Rezept im Umgang mit den offiziellen Zeiten: Nur nicht allzu genau nehmen! Am Ende muss jeder selbst wissen, ob er schneller oder langsamer als der Norm-Wanderer unterwegs ist. So bleibt die Gehzeitenschätzung wohl weiterhin Gefühlssache.

Faustregel: Wie lange dauert die Bergtour?

Alpenvereinsformel: Tourenleiter beim DAV berechnen die Gehzeiten wie folgt: Durchschnittlich schnelle Gruppen bewältigen beim Aufstieg im Sommer 400 Höhenmeter pro Stunde. Die Distanz wird mit 5 Kilometern pro Stunde veranschlagt.
Formel für die Gesamtgehzeit: Größerer Zeitwert + die Hälfte des kleineren Zeitwerts.
Beispiel: Für eine Bergwanderung mit 800 Höhenmetern (2 Stunden) und einer Strecke von 5 Kilometern (1 Stunde) rechnet man: 2 Stunden (Höhe) + ½ Stunde (Strecke) = 2 ½ Stunden reine Gehzeit (ohne Pausen usw.)
Beim Abstieg zu Fuß wird etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Aufstiegszeit benötigt.
(Quelle: DAV-Ausbilderhandbuch)

 
Folkert Lenz
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 11/2015. Jetzt abonnieren!
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