Mit dem Zug ins Gebirg'

Wanderungen im Osten der Chiemgauer Alpen

Ruhpolding, das Leistungszentrum der nordischen Skiläufer im Chiemgau, bietet im Sommer eine Vielzahl an reizvollen Wandertouren. Auf den Hochfelln zum Beispiel, von dessen Gipfel sich eine sagenhafte Aussicht auf den Chiemsee bietet.
Von Eugen E. Hüsler
 
Der Hochfelln ist zwar von Norden ein Seilbahnberg, bietet aber von Osten und Süden schöne Anstiegswege. © picture alliance, Andreas Strauß, Josef Mauerer
Der Hochfelln ist zwar von Norden ein Seilbahnberg, bietet aber von Osten und Süden schöne Anstiegswege.
»Ruhpolding«, fragt Arthur, während der Zug der Südostbayernbahn die Salzburger Autobahn kreuzt und Kurs auf die Chiemgauer Alpen nimmt, »das ist doch jenes Dorf, wo sie den Schnee irgendwo im Schatten verstecken, damit bei den Biathlon-Wettkämpfen im nächsten Winter ja genug da ist?« Christian nickt, er hat allerdings nur halb zugehört, schaut schon intensiv ins Gebirge. Zum Hochfelln (1671 m), denn der ist heute ihr Ziel. Ihr Wanderziel, wohlgemerkt, die Seilbahn interessiert sie nicht, sie wollen ganz ehrlich vom Tal aus auf den Gifpel des Hochfelln wandern, »by fair means«, wie das unter Insidern so schön heißt. Der Hochfelln gehört übrigens zu jenen Chiemgauern, die alle am Alpenrand stehen und ihre erhöhte Position gleich im Namen führen: Hochries, Hochplatte, Hochgern, Hochfelln, Hochstaufen. Vom »Felln« behauptet die Werbung zudem, dass er die schönste Aussicht auf den Chiemsee biete. Der wird gelegentlich als »Bayerisches Meer« bezeichnet, was eine ziemliche Übertreibung ist, im Vergleich mit jedem Meer sowieso, aber auch in Relation zum Schwäbischen Pendant, das immerhin mehr als fünfmal größer ist.

Blauer Himmel über den Chiemgauer Alpen

Die Berge rücken näher, ganz hinten über den Quellbächen der Weißen Traun thront das Sonntagshorn, Rekordhalter unter den Gipfeln der Chiemgauer Alpen, aber bescheiden ohne den Zusatz »Hohes«. Das Ziel der beiden ist aus dem Blickfeld verschwunden, es versteckt sich hinter einem breiten, bewaldeten Rücken mit dem schönen Namen Haargaßberg. Dafür kommt der Zwiebelturm der Pfarrkirche von Ruhpolding in Sicht. Der Zug pfeift und bremst. Arthur packt seinen Wander-Rucksack und die Stecken. Er weiß, dass am Nachmittag ein langer Abstieg ansteht und da ist es besser, wenn er den Druck auf seine Knie etwas abfedert. Ruhpolding gilt als ziemliches Schneeloch, und die meteorologische Station im Ortsteil Seehaus hat ihm vor ein paar Jahren das (nicht gerade schmeichelhafte) Prädikat des »nässesten Ortes in ganz Deutschland« verschafft. Heute tendiert die Wahrscheinlichkeit für Niederschläge gegen null, der Himmel prunkt mit schönstem Blau,und der Höhenmesser, den Christian immer dabei hat, zeigt stabilen Hochdruck. Das motiviert zusätzlich, und so legen die zwei ein recht forsches Tempo vor. Geleitet von den kleinen Schildern der Via Alpina und ein paar Hinweisen auf den Maximiliansweg erreichen sie bald den Eingang zum Tälchen des Steinbachs. Gut zwei Stunden Wanderung bis zur Fellnalm, hat Christian gestern anhand der Karte errechnet, und dann eine weitere Stunde bis zum Gipfel.

Am Gipfel des Hochfelln

Seine Kalkulation geht auf. Maximilian II., der 1848 die bayerischen Voralpen von Lindau nach Berchtesgaden durchquerte, begegnet ihnen auf ihrer Wanderung im Chiemgau nicht, auch kein anderer König – höchstens inkognito. Oben am Hochfelln gibt’s dann das versprochene große Panorama, heute makellos und vom Großglockner bis zum Großen Arber im Bayerischen Wald reichend. Rund um den Gipfel geht’s recht laut zu, viel Volk ist luftig und bequem angereist, mit der Seilbahn von Bergen herauf, auch entsprechend gekleidet. Es wird geknipst und parliert, Christian liest die Inschrift am großen Gipfelkreuz, das in der Maxhütte gegossen und 1886 hier aufgestellt wurde, zu Ehren von König Ludwig I. Arthur, der im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, muss an Lola Montez denken, aber auch an die Leidenschaft Ludwigs für das antike Griechenland, an die Walhalla und an die erste Eisenbahnlinie Deutschlands, die Fürth und Nürnberg verband. Mit Blick auf die vollbesetzten Plätze auf der Terrasse des Hochfellnhauses macht Christian den Vorschlag, die Sache mit Bier und Brezn ein Stück weiter talabwärts zu verlegen.

»Auf der Thoraualm gibt’s eine feine Brotzeit, und da ist es auch viel ruhiger.« Sein Freund kann diese Ansicht durchaus teilen, und eine Stunde später steht die Weiße auf dem Tisch: »Prost!« Arthur macht sich über seinen Speck her, Christian schaut in die Wanderkarte, checkt den weiteren Abstieg. Dann machen sie sich auf den Weg, wandern hinab ins Tal des Thoraubachs und hinaus zum Museum Glockenschmiede. Das hat leider schon zu. Schade, denkt Christian, aber ihr Heimwegzug fährt ohnehin in knapp einer Stunde, wie ihm ein Blick auf seinen Chronometer verrät. Ein ander’ Mal. Mit dem Sonnenuntergang im Biathlondorf trudeln sie am kleinen Bahnhof ein. Die Südostbayernbahn wartet schon, doch Arthur hat ein Plakat entdeckt: Schnauferlstall. Moment! Lauter Oldtimer mit zwei und vier Rädern, irgendwo hier in Ruhpolding. Da kann er sich als Besitzer eines schmucken Bertone, Jahrgang 1973, mit diesem Chiemgauer Dorf ja richtig anfreunden. Hier gibt’s anscheinend noch mehr als nur Berge und Almwirtschaften.
Eugen E. Hüsler
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 05/2018. Jetzt abonnieren!
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