Wanderherbst im Wallis

Wenn der goldene Herbst in die Täler zieht, sollten Wanderer jedes sonnige Wochenende nutzen. Im Wallis locken ein paar besondere Winkel, die bisher sogar manchem Kenner verborgen geblieben sind. Von Iris Kürschner (Text und Fotos)

 
Waghalsige Konstruktionen zum Bewässern der Felder: Die Suone Gorperi führt an den Felsen im Baltschiedertal entlang. © Iris Kürschner
Waghalsige Konstruktionen zum Bewässern der Felder: Die Suone Gorperi führt an den Felsen im Baltschiedertal entlang.

Langsam kriecht der Herbst von den höher gelegenen Regionen ins Tal, wo er sich erst im Oktober so richtig outet. Dann quellen die Sonnigen Halden – wie sich das Gebiet nördlich von Visp zu Recht nennt – über vor Farben. Die Rebterrassen schimmern in sämtlichen Schattierungen von Grün über Orange bis zu dunklem Rot, und durch die Waldhaine am Sonnenhang des Rhonetals flutet goldenes Licht. An einem dieser Hänge klebt Ausserberg, ein charmantes Dorf mit holzverbrannten Chalets, das zudem auch noch bequem per Bahn erreichbar ist. Die 3500 Meter hohe Bergkette über dem Lötschbergtunnel, der das Wallis mit dem nördlich gelegenen Kandertal verbindet, ist nicht selten auch die Wetterscheide: Wenn der Zug aus dem Dunkel des Tunnels rattert, offenbart sich das Schönwetterparadies Wallis in klarem Licht. Wie eine Schlange winden sich die Waggons noch ein Stück durch steile Flanken an tiefen Schluchten vorbei, über die kühne Viadukte gespannt sind. Schon ist Ausserberg erreicht.

Vom Bahnhof mit charmantem Hotel kann man umgehend starten. Zum Beispiel zu abenteuerlichen Suonen, (in Südtirol Waale genannt, im Unterwallis heißen sie »les bisses«), von denen es hier so viele gibt, dass sich Ausserberg auch das »Dorf der Suonen« nennt. Das Wandern an solch historischen Bewässerungskanälen ist bequem, da die Wege entlang der Höhenlinie verlaufen. Außerdem hat es etwas ungemein Beruhigendes, dem plätschernden Wasser zu folgen. Langeweile kommt bestimmt nicht auf, führen die Suonen doch durch wildes Gelände, das ohne das kunstvolle Werk der bäuerlichen Vorfahren niemals so gut erschlossen wäre. Für die Suonen Niwärch, Gorperi und Undra braucht es allerdings eine gute Portion Schwindelfreiheit, um sie genussvoll begehen zu können.

Das Rhonetal ist eine der niederschlagsärmsten Regionen der Schweiz. Die Menschen mussten sich etwas ausdenken, um ihre Felder, Wiesen und Reben an den quellenarmen Hängen bewässern zu können. So schufen sie ein ausgeklügeltes System an Kanälen, um das Wasser aus den tiefen Gräben der Gletscherbäche abzuleiten. Die Wasserwege wurden teils von Hand in die Felsen geschlagen oder auch in abenteuerlichen Hänge-Konstruktionen um Felsnasen herumgeführt. Wann genau sich diese Bewässerungstechnik entwickelte, liegt im Dunkeln. Schriftlich belegt ist sie erst seit dem 12. Jahrhundert. Zahlreiche Suonen wurden im Zuge der Zeit modernisiert, manche wurden unterirdisch in Rohre verlegt oder durch Stollen geleitet. Doch die schönsten hat man wieder saniert, um das uralte Kulturgut für die Nachwelt zu erhalten.

Wanderherbst im Wallis (Fotos: Iris Kürschner)
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