Wandern am Walchensee

Serie: Geheimnisvolle Alpen - der Walchensee

Wandern am Walchensee. Die Mär vom Ungeheuer in den Tiefen des Walchensees beschäftigte einst gar die ferne Landeshauptstadt München. Sie ließ jedes Jahr einen goldenen Ring weihen und in den See werfen, um die Bestie milde zu stimmen. Zum Kriegsende vergrabene Goldbarren, die von den Nazis stammen sollen, locken Schatzsucher noch heute an den See. Eine Spurensuche.

 
Wandern am Walchensee © Bernd Ritschel, Isabel Meixner
Nach dem Sturm: Über dem Eschenlainetal hängen noch die Wolken, der Simetsberg (li.) thront über dem See, im Dunkeln die Halbinsel Zwergern.
Die Erwachsenen haben ihn gewarnt, doch der Junge lässt sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Ein riesiges Monster auf dem Grund des Sees! Der Bursche kann seine Neugier nicht zurückhalten. In einer Glocke aus Ochsenhaut lässt er sich in die Tiefe des Wallersees hinab. Immer weiter taucht er durch das dunkle, kalte Wasser hinab, zwanzig Fuß, fünfzig Fuß, hundert Fuß… An der Wasseroberfläche verfolgen einige Dorfbewohner gespannt das Schauspiel, während immer mehr Seil in den See gezogen wird. Plötzlich ein panisches, starkes Ziehen – ein Hilferuf aus der Tiefe des Sees. Schnell ziehen die Dorfbewohner den Burschen wieder hinauf. Erst nach ein paar Momenten kann der am ganzen Körper zitternde Junge erzählen, was ihm in der Tiefe widerfahren war: Ein riesiges Seeungeheuer mit feuerroten Augen und spitzen Zähnen sei auf ihn zugekommen und habe versucht, ihn zu verschlingen. Der Junge hat seinen kindlichen Wagemut fast mit seinem Leben bezahlt.

So oder so ähnlich könnte sich das Abenteuer einst abgespielt haben, das als Sage vom »Wallersee« erzählt wird. Heute als Walchensee bekannt, zählt das Gewässer mit fast 200 Metern zu den tiefsten der deutschen Alpenseen. An sonnigen Tagen kann sich der Besucher kaum vorstellen, dass am Grund des Sees eine wie auch immer geartete Kreatur leben soll: Der See funkelt türkisfarben, ein leichter Wind kräuselt die Wasseroberfläche, kleine Wellen plätschern ans Ufer. Der Blick schweift vom Simetsberg hinüber zum Herzogstand und weiter zum Jochberg und zur Benediktenwand, die sich im Hintergrund auftürmt. Ein perfekter Ausflugsort, auch für Wassersportler: Wegen seiner Kessellage zwischen den Bergen finden Surfer hier ideale Bedingungen, Fallwinde sorgen für den nötigen Schub im Segel. Und auch Taucher zieht der Walchensee aufgrund seiner Tiefe, aber auch etlicher Auto- und sogar Flugzeugwracks auf dem Grund wie ein Magnet an.

Walchensee: Verbindungen zum Ozean?

Dabei ist auch heute Vorsicht geboten, weniger wegen des riesigen Wallers aus der Sage allerdings. Immer wieder kommt es am Walchensee zu Tauchunfällen, etwa dann, wenn – wie im vorigen Sommer passiert – der Atemregler in 35 bis 40 Metern Tiefe vereist. Außerdem gilt der Walchensee wegen seiner starken Strömungen als tückisch. Strömungen, die vom Meer herkommen? Das zumindest hätten sicherlich die Einheimischen im 18. Jahrhundert behauptet, hätte es zu dieser Zeit schon Flaschentaucher gegeben. Sie glaubten, der Walchensee sei unterirdisch mit dem Ozean verbunden. Den vermeintlichen Beweis dafür lieferte ausgerechnet ein verheerendes Erdbeben, das 1755 die portugiesische Hauptstadt Lissabon fast vollständig zerstörte. An diesem Tag, berichteten ein paar Fischer, die auf dem Walchensee gerade ihre Netze einholten, hätten sich haushohe Wellen vor ihnen aufgetürmt und sie beinahe in die Tiefe gerissen.

Oder war es erneut der Waller, der ein Blutpfand von den Einheimischen forderte? Nicht nur die Einwohner der umliegenden Dörfer fürchteten den Zorn des Seeungeheuers, sogar die Stadt München versuchte, das Ungetüm zu besänftigen. Denn, so erzählte die Sage, der Waller habe sich einmal um den Jochberg gewunden und habe seine Schwanzflosse im Maul. Fielen die Bewohner des Oberlandes vom Glauben ab oder kämen sie ihm zu nahe, würde das Untier seine Schwanzflosse loslassen und mit nur einem Schlag den Jochberg zerschmettern – und das gesamte Voralpenland inklusive München unter Wasser setzen. Um den Waller versöhnlich zu stimmen, wurde jedes Jahr in der Gruftkirche zu München ein goldener Ring geweiht, der in den Walchensee geworfen wurde.

Nazi-Schergen verbuddeln Goldbarren

Die Männer, die im April 1945 den Walchensee aufsuchten, hatten indes andere Absichten. In den Kofferräumen ihrer Autos: Goldbarren und Devisen im Wert von angeblich 150 Millionen Euro. Vermögen aus der Reichsbank in Berlin, das die Nationalsozialisten vor den vorrückenden Alliierten in den Alpen verstecken wollten. Dass der geheime Trupp ausgerechnet am Fuße des Herzogstands strandete, war Zufall. Eigentlich sollte das Gold vom Bahnhof in Huglfing in das Bergwerk in Peißenberg gebracht werden, das sich wegen der eindringenden Nässe allerdings als untauglich erwies.

So gelangte ein Teil des Reichsvermögens, darunter Zahngold ermordeter Juden, in das Forsthaus in Einsiedl am südlichen Ufer des Walchensees. Was dann geschah, darum ranken sich heute zahlreiche Mythen und Mutmaßungen, die teils auf historischen Fakten, teils auf Spekulationen und Gerüchten basieren. Am 26. April 1945 sollen ranghohe Gebirgsjäger und Nazi-Schergen die Schätze mit Hilfe von Geländefahrzeugen in Richtung des 920 Meter hohen Bergs Steinriegel, der sich hinter dem heutigen Obernach-Kraftwerk erhebt, transportiert haben. Nach knapp einer Stunde Wegmarsch soll der Trupp zum Stillstand gekommen sein und drei Löcher auf einer Waldwiese ausgehoben haben. Hier versteckten die Nazis das Gold der Reichsbank – insgesamt 12,25 Tonnen –, in einer nahen Höhle deponierten sie die Devisennoten.

Lagert noch Gold am Walchensee?

Das Versteck währte jedoch nicht lang: Nachdem die Amerikaner nach Bayern vorgerückt waren, wurde ihnen das Geheimnis von den vergrabenen Reichtümern am Steinriegel verraten, und sie nahmen das Gold in ihren Besitz. Alles? Auch darüber wird heute noch spekuliert. Manche Schatzsucher, die das Gebiet am Walchensee mit Sonden absuchen, glauben, dass damals nur ein kleiner Teil des Golds geopfert worden sei, um die Amerikaner davon abzuhalten, weiter nach den übrigen Barren, Edelsteinen und Devisen zu suchen. So sollen die Nazis beispielsweise eines der seltenen weißen Mulis für den Transport verwendet haben, das von weither sichtbar war.

Das Gold soll außerdem beim Auffinden nicht gesichert gewesen sein, etwa mit Sprengstofffallen. Zufall? Absicht? Gerücht? Die historischen Überlieferungen jedenfalls geben kein einheitliches Bild wieder, sondern allenfalls Schatzsuchern Gründe, weiter über den »Nazischatz« zu mutmaßen. Ob es ihn überhaupt gibt oder ob er längst geborgen ist, darauf werden sie so schnell keine endgültige Antwort finden. Der Walchensee behält seine Geheimnisse weiter für sich.
Serie: Geheimnisvolle Alpen - Text: Isabel Meixner - Fotos: Bernd Ritschel, Isabel Meixner
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