Alpes Maritimes - Wandern in den Seealpen

Königliche Seealpen

Wo die italienische Königsfamilie einst entspannte, muss es schön sein. Und das ist es auch: Einsam und wild und doch nur einen Katzensprung von Cuneo und dem Mittelmeer entfernt. Wandern in den Seealpen.

 
Königliche Seealpen © Iris Kürschner
Die Argentera bietet freie Sicht auf Monviso, Mont Blanc und Monte Rosa.
Dampfschwaden. Es riecht nach Schwefel. Die Flanken sind so steil, dass man nur einen Streifen Himmel sieht. Das Vallone del Gesso della Valletta ist eines von vielen Tälern, die sich tief in die Seealpen schneiden. Aber es ist das bekannteste. Die Königsfamilie, die hier leidenschaftlich gerne kurte, setzte den Grundstein für den Tourismus.

Doch der ist bescheiden geblieben. Mitte August und trotzdem ist kaum was los. Es scheint, als ob man den Anschluss etwas verpasst hätte. Alles wirkt ein bisschen in die Jahre gekommen. Würde auf einmal Vittorio Emanuele II mit seinem Jagdtross vorbei traben, man würde sich nicht einmal wundern. Ab 1857 erkor der damalige Regent von Savoyen-Piemont und spätere König des neuen Italien, die Seealpen zu seinem Jagdrevier und ließ neben einem hervorragenden Wegenetz auch die Thermalquellen von Terme di Valdieri ausbauen.

Schäferstündchen mit der schönen Rosa

Gleich neben dem herrschaftlichen Thermalhotel stehen noch zwei Chalets im Schweizer Stil. In dem einen verbrachte der König seine Schäferstündchen mit der schönen Rosa. Vittorio Emanuele II war nicht nur leidenschaftlicher Jäger, sondern auch als betörender Frauenheld bekannt. Neben seiner Ehe mit Adelheid von Österreich führte er zahlreiche Liaisons – etwa die mit der als »Bela Rosin« berühmt gewordenen Rosa Vercellana, einer Frau aus dem Volk, die er kurz vor seinem Tod heiratete. Außer der Therme erinnern auch die guten Wege an den einstigen König. Auf ihnen gelangte er mit seinem Gefolge bequem in die obersten Bergregionen.

Unser Wanderauftakt ist dadurch purer Genuss. Nach der ersten Steilstufe empfängt uns ein verwunschenes Seelein. Über dem Lago Lagarot bäumt sich die Nordfront des aus vier Gipfeln bestehenden von Nord nach Süd ziehenden Argentera- Kammes auf. Unser Ziel ist die Argentera, Königin der Seealpen, mit 3297 Metern der höchste Gipfel der Alpi Marittime. Nach einer heißen Suppe zur Stärkung im Rifugio Morelli-Buzzi fordert das von Blockwerk gezeichnete Tal wieder ganze Konzentration. Hinter dem Colle del Chiapous zweigt ein unscheinbares Weglein ab, klettert über eine Felsschulter und entführt uns ins menschenleere Reich der Steinböcke. Noch wissen wir das nicht, machen uns Sorgen, dass in der Hauptsaison das Bivacco del Baus belegt sein könnte.

Doch es liegt völlig ausgestorben in der Gesteinswüste einer aussichtsreichen Hochterrasse. Kaum dass wir uns niedergelassen haben, machen sich die tatsächlichen Bewohner bemerkbar.

Tütensuppe mit Steinbock-Panorama

Ein ganzes Rudel Steinböcke beobachtet uns und verliert schnell jede Scheu. Eine Freude, den Kitzen bei ihren Balgereien zuzuschauen, bis die Mütter für Ruhe sorgen. Aber flugs ist der eine oder andere Frechdachs wieder ausgebüchst. So schlürfen wir die Tütensuppe im Kreise der Tierfamilie, genießen den fulminanten Blick hinüber zum Monte Gelas, an dem noch ein paar Eisund Schneereste kleben. Erstaunlich, Luftlinie gerade mal 40 Kilometer vom Meer entfernt, und dennoch gibt es hier Gletscher.

Die alpine Welt trifft in den Seealpen mit mediterranen Klimafaktoren zusammen und beschert eine ungewöhnlich reiche Flora. Schätzungen zufolge sollen 2600 Spezies ausschließlich in den Seealpen vorkommen, also die Hälfte aller Pfl anzenarten Italiens. Wer sich auskennt, kann auf eine Menge endemischer Pflanzen stoßen, zum Beispiel auf das Valdieri-Veilchen, die Viola Valderia. Nach ihr benannt ist auch der botanische Garten in Terme di Valdieri, wo rund 450 Pflanzenarten zu sehen sind. Noch im Dunkeln brechen wir auf, in der Hoffnung, den Sonnenaufgang auf der Argentera zu erleben. Doch der Aufstieg zieht sich. Schutt und Geröll verhindern, dass wir schnell vorwärtskommen. Als Schattenrisse reihen sich die Bergketten zur Küste hin.

Dann tauchen die ersten Sonnenstrahlen das Gebirge in leuchtendes Gelb. Gleißendes Licht fängt sich in der mächtigen Ostwand der Argentera Sud. Wo soll dort ein Weg hindurch führen? Nur wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man das schmale Felsband, das eine Traverse ermöglicht. Fixseile helfen durch ein steiles Couloir und schon umfängt einen das Gipfelglück mit Blick auf Monviso, Mont Blanc und Monte Rosa sowie Korsika im Süden.

Rendevouz mit Gabarrou

Beim Abstieg begegnen uns Franca und Patrick. Franca, Hüttenwirtin des Rifugio Remondino, wo wir am Abend nächtigen werden, und Patrick Gabarrou, der unermüdliche französische Spitzenalpinist, dem über 300 Erstbesteigungen zuzuschreiben sind. Vor Jahren haben sie sich gefunden und wann immer es die Zeit zulässt, klettern sie gemeinsam. Heute, an diesem glasklaren Tag, überlässt Franca die Hüttenbetreuung ihrer Tochter und hüpft fröhlich vorne weg, geschickt wie eine Gämse. Patrick folgt mit einem Gast im Schlepptau. Der Guru vom Mont-Blanc-Massiv, wie er mitunter betitelt wird, ist nicht nur an den prestigeträchtigen Bergen unterwegs. Seine Liebe gehört neben Franca auch den Seealpen.

An die 20 Routen rund um die Argentera gehen auf sein Konto. Gezählt hat er sie nicht, er ist bescheiden geblieben, protzt nicht mit seinen Taten. Für ihn steht nicht die sportliche Leistung im Vordergrund, sondern die Ethik des Bergsteigens, ganz nach seinem großen Vorbild Gaston Rébuffat. Bei einem Gläschen süffigem Dolcetto plaudern wir nach dem gnadenlos steilen Abstieg vom Passo dei Detriti auf der Hüttenterrasse. Für Belustigung sorgen die Steinböcke, die sich zwischen den auf den glattpolierten Felsen sonnenden Gästen tummeln. Besonders dreist ist Elvis, das Maskottchen vom Remondino. Mit seinen kapitalen Hörnern schindet er Eindruck. Die Haartolle, die er beim Fellwechsel entwickelt, gab ihm seinen Namen. Als wir Patrick verraten, dass wir gerne die legendäre Saxifraga Florulenta finden würden, lacht er. Die wächst zuhauf in den Felsen unterhalb der Hütte. Unser Rückweg nach Terme di Valdieri zieht sich daher.

Die Hundertjährige

Die Einheimischen nennen die Saxifraga Florulenta »Centenaria«, die Hundertjährige, erzählt uns später Roberto Parracone vom Albergo Turismo zwischen Thermalbad und botanischem Garten. In seiner Gaststube hängt ein Bild von ihr. Sie blüht nur einmal in ihrem Leben, dann stirbt sie. Ohne ihre rosafarbene Blütenrispe ist sie eine unscheinbare Rosette, die ihre Lebensnische ausschließlich in den exponierten Felsen der Seealpen hat. Immer wieder hatten wir unterwegs nach blühenden Exemplaren Ausschau gehalten. Vergeblich.

Nach kalten Wintern blühen besonders viele, so Roberto, nach warmen Wintern oft gar keine. Die Blume war in der Königsfamilie als Geschenk begehrt, später unter Adeligen. Die Einheimischen konnten sich einen ordentlichen Batzen Geld verdienen, wenn sie die Pfl anze aufspüren. Heute steht sie unter strengem Naturschutz. Am Tresen ein vergilbtes Foto von Robertos Urgroßvater, einem Bergführer. »Lu Lup«, der Wolf, hat man ihn genannt, da er so schnell gewesen sein soll wie ein Wolf. Einer seiner Stammgäste: Graf Victor de Cessole aus Nizza, Erschließer der Seealpen. Viele Erstbesteigungen, darunter auch den damals als unbezwingbar geltenden Corno Stella, haben sie gemeinsam durchgeführt, erwähnt Roberto stolz.

Auch Roberto liebt die Berge. Doch der Hotelbetrieb fordert seinen Tribut. Mit Mitte 70 werkelt seine Mutter noch immer in der Küche und kocht auf dem gusseisernen Herd, der während des Baus 1953 angeschafft wurde, okzitanische Gerichte für die Gäste. Neben der blühenden Saxifraga Florulenta haben wir nun also noch einen Grund, um schon bald wiederzukommen.
Wandern in den Seealpen. Text: Iris Kürschner und Dieter Haas. Fotos: Iris Kürschner
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