Wandern mit der ganzen Familie - Im Papiermühlental

Familientouren am Gardasee

Einst das Zentrum der Papierherstellung ist das Valle delle Cartiere in den Gardaseebergen heute ein schönes Ziel für Wanderungen mit Kindern. Dort können sie nicht nur die Ruinen der Fabrik erkunden, sondern auch eine kurze Kletterpartie einlegen.
Von Uli Wittmann (Text und Bilder)
 
Ein Fluss, Berge und Ruinen: Im Papiermühlental gibt es viel zu entdecken. © Uli Wittmann
Ein Fluss, Berge und Ruinen: Im Papiermühlental gibt es viel zu entdecken.
Genervt steige ich aus dem Auto. Den Ausgangspunkt für die Tour zu finden, erinnert mich mehr an eine Schnitzeljagd. Nur hin und wieder zeigen große Hinweisschilder den Weg zum Valle delle Cartiere (Papiermühlental) am Westufer des Gardasees. Dann wieder fehlen sie komplett oder sind versteckt. Meine Töchter versuchen mich zu beruhigen. Franka möchte noch ein wenig weiter mit dem Auto fahren. »Das geht nicht!«, erkläre ich ihr. Sie blickt mich düster an. Wir marschieren von der Via Valle delle Cartiere in Toscolano-Maderno los zur Schlucht. Zuerst gehen wir auf einer schmalen Straße und durchqueren kleine Tunnel. Plötzlich überholt uns von hinten ein Auto. Franka stänkert los. »Der hätte da gar nicht fahren dürfen!«, halte ich dagegen.

Eine Kurve später bin ich meiner Argumente beraubt: Hier ist ein kleiner Parkplatz und ich muss bei meiner jüngsten Tochter Abbitte leisten. Die macht keinen Hehl daraus, dass sie ihren Triumph genießt. Lilli (7) hat in der Zwischenzeit einen Wasserfall entdeckt. Über 30 Meter stürzt das Wasser von der Felswand in den wilden Toscolano- Fluss. Franka und ihre große Schwester möchten sofort zu dem Wasserfall auf der anderen Talseite. Zum Glück kann ich sie davon abhalten. Wegen der Hitze fehlt dem Fluss Wasser, doch die ausgespülten Felsen und die mitgespülten Baumstämme zeigen deutlich, wie wild das jetzige Rinnsal sein kann. Bald erreichen wir die ersten Ruinen. Eher gelangweilt schauen sich die Kinder die Überreste einer ehemaligen Papiermühle an. Ich erkläre Lilli und Franka, dass hier im Mittelalter das Zentrum für Papierherstellung gewesen ist. Der wilde Fluss trieb die Mühlen an, das Holz kam aus den umliegenden Wäldern. Während ich zu beschreiben versuche, wie eine solche Papiermühle ausgesehen hat, zeigt Lilli auf eine Infotafel und fragt trocken: »So vielleicht Papa?« Beide sehen sich kurz die Stele mit den historischen Fotos an und wir wandern weiter.

Allerlei Spannendes auf der Familienwanderung am Gardasee

Auf unserem Weg ins Tal sehen wir immer wieder den Monte Castello di Gaino aufragen. Ein Paradies für Kletterer. Bald erreichen wir den Ort Lupo oder das, was von ihm übrig ist. Ohne die Infotafel hätten wir nicht gemerkt, dass hier einmal Menschen lebten und arbeiteten. Vom 15. Jahrhundert bis 1852 standen hier Papierfabriken. Als ich den Kindern erzähle, dass Lupo auf italienisch Wolf bedeutet, bekommt es Franka mit der Angst zu tun und drängt mich weiterzugehen. Lilli freut sich, denn nun kann sie ein weiteres italienisches Wort. Bisher kann sie in der Landessprache »Grazie«, »Gelati« und »Marmotta« – übersetzt Murmeltier. Wenn uns andere Wanderer entgegenkommen, sagt sie ganz stolz ihren italienischen Wortschatz auf und Franka babbelt eifrig nach.

Freundlich grinsen uns die Einheimischen an. Wer wird auch schon mit »Murmeltier« begrüßt? Bald haben wir das Museo della Carta erreicht. Das Museum ist die einzige im Tal erhaltene Papiermühle. Ein Mühlstein steht vor dem renovierten Gebäude und beeindruckt die Kinder. Sofort singen sie das Lied von der Mühle, die am rauschenden Bach klappert. Franka setzt ihren Technikerblick auf und erklärt uns, wie ein Mahlwerk für die Papierherstellung funktioniert hat. Den Besuch vom Museum sparen wir uns und gehen weiter in das Tal hinein. Immer wieder klettern die Kinder an den Felswänden am Wegesrand. Als wir auf einer alten Steinbrücke den Toscolano überqueren, glaubt Franka, Fische im Fluss zu sehen. Lilli widerspricht und schon fliegen zwischen den beiden die Fetzen. Nachdem sie sich beruhigt haben, erreichen wir den Weiler Vango. Er besteht aus zwei Häusern und einer Fischerhütte, in der es Erfrischungen und kleine Speisen zu kaufen gibt. Lilli geht hin und sagt: »Gelati!« Der Fischer grinst und holt ein Eis hervor. Unsere Kinder sind im Glück.

Wie immer, wenn wir mit der ganzen Familie wandern, treffen wir auch diesmal auf eine Streichelkatze. Lilli und Franka jauchzen, als sie sie erblicken. Nun bekommt der schwarz-weiße Vierbeiner eine Überdosis Streicheleinheiten und genießt es. Legt sich schnurrend auf den Rücken und lässt die beiden Mädchen gewähren. Als ich mit den Kindern durch das hohe Gras zum Fluss will, warnt mich der Angler: »Attenzione serpente!« Ich verstehe nicht, was er meint, und so nimmt der Mann einen Stock und streicht über das Gestrüpp. Plötzlich kriechen vier Schlangen am Boden. Erschrocken springen die Kinder zurück. Bevor wir weitergehen, ermahnt Lilli die Streichelkatze, nicht im Gras zu spielen.

Franka hat genug. Vom Wandern und von den Schlangen. Sie will in die Kraxe. Immer den Monte Castello di Gaino vor Augen gehen wir in den Talhintergrund. Ruinen von Papiermühlen säumen unseren Weg. Lilli sieht fasziniert zu, wie sich darauf Eidechsen sonnen. In einer Ruine entdeckt sie die Reste von Kacheln. Sie fühlt sich nun als große Archäologin. Immer enger wird nun das Tal. Auf Brückenkonstruktionen überqueren wir den Wildbach. Im Bett des Toscolano reihen sich jetzt kleine Wasserfälle aneinander.

Kletterpartie zum Abschluss der Familientour

Wir wechseln auf die andere Talseite und steigen zum Dorf Gaino auf. In einem kleinen Lebensmittelgeschäft stellt Lilli erneut ihre Italienisch-Kenntnisse unter Beweis und bestellt Gelati. Sie bekommt, was sie will. Franka ist beeindruckt. Anstatt in das Tal abzusteigen, wandern wir über San Michele nach Toscolano-Maderno zurück. Wir kommen gut voran und haben einen tollen Blick auf den Gardasee. Es geht immer angenehm bergab. Bald erreichen wir einen Wald und verlaufen uns – dank meiner Führung. Im Dickicht kämpfen wir uns zum Waldrand vor und stellen fest, dass wir fünf Meter über einer Straße aus dem Gehölz gekommen sind. Zurückgehen ist ausgeschlossen. Ich entdecke ein rostiges Stahlseil, das bis zur Straße runterreicht. Die ganze Familie klettert daran hinunter. Für Lilli und Franka ein großes Abenteuer. Zum Auto finden wir – seltsamerweise – ohne Probleme. Noch Wochen später erinnert mich meine große Tochter an diese missglückte Abkürzung: »Also wenn wir uns nicht verlaufen hätten, dann wäre das Klettern noch toller gewesen!«

Infos zu den Familienwanderungen im Valle delle Cartiere

Anreise: Auf der E 45 über den Brenner. Weiter auf der E 22 bis zur Ausfahrt Rovereto Sud-Lago di Garda Nord. Der SS 240 bis Toscolano-Maderno folgen. Auf der Piazza dei Candutti oder in der Via Valle delle Carteriere parken. Der Parkplatz am Eingang der Schlucht ist klein und oft überfüllt.
Kinder: Die Tour ist 7,5 km lang und verläuft, bis auf den Aufstieg nach Gaino, flach (insgesamt 190 Hm). Für Kinderwagen oder Rollstühle ist der Talweg geeignet, jedoch nicht der grobe Pfad ins Dorf Gaino. Die Wanderung dauert 2½ bis 3 Std.
Karte: Kompass Wanderkarte 1:50 000, Blatt 102 »Lago di Garda, Monte Baldo«
Beste Jahreszeit: Von April an, wenn die Hochwasser vorbei sind, ist das Papiermühlental ideal zum Wandern. Der Eintritt ist kostenlos.
Einkehr: In der Schlucht keine Möglichkeit zur Einkehr, deshalb genügend Proviant mitnehmen. In Toscolano-Maderno gibt es mehrere Cafés und Restaurants.
Weitere Infos: www.planetoutdoor.de; www.valledellecartiere.it (auf Italienisch) www.gardasee.de
Uli Wittmann
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 05/2013. Jetzt abonnieren!
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