Auf dem Walserweg durch Graubünden | BERGSTEIGER Magazin
Wetiwanderweg durch den Schweizer Kanton Graubünden

Auf dem Walserweg durch Graubünden

In viele abgelegene Dörfer Graubündens kehrt dank dem Walserweg wieder Leben ein. Noch nicht so viel, dass die Region an Ursprünglichkeit eingebüßt hätte, aber doch so viel, dass die Menschen dort auf etwas bauen können.
Von Sandra Zistl
 
Bewährte Bauweise: Die Walser wussten, wie abgelegene Täler zur Heimat werden. © Prättigau Tourismus, Sandra Zistl, Michael Ruhland
Bewährte Bauweise: Die Walser wussten, wie abgelegene Täler zur Heimat werden.
Die Höhle muss gleich hier irgendwo sein. Irene Schuler ist sich ganz sicher. Wie ein Hase, der einen Haken schlägt, ist sie plötzlich im 90-Grad-Winkel vom Weg, der vom Gruobenpass über die Grenze zwischen der Schweiz und Österreich führt, abgebogen. Durch die von einzelnen Kalksteinen gesprenkelte, leicht ansteigende Wiese geht sie zielstrebig auf einen Fleck zu, der exakt so aussieht, wie jeder andere Quadratmeter an diesem Hang. Tatsächlich ist dort: nichts. Doch wenige Minuten und ein paar Runden über die Wiese später bleibt die Geografin stehen, dreht sich mit triumphierendem Blick um und winkt ihre Begleiter mit einer Geste heran: ein Einstieg, so breit wie ein menschlicher Körper, führt in eine etwa fünf Quadratmeter große Höhle mit gewölbter Decke aus Fels. »Das war das Versteck vom Schmuggler-Thöny«, sagt Irene und bemüht sich um einen verschwörerischen Ton in ihrer Stimme.

Der Handel über die Jöcher zwischen dem Montafon und St. Antönien war einst vollkommen normal: Waren wurden transportiert, Handwerker arbeiteten auf beiden Seiten der Berge, auch Ehen wurden geschlossen. Doch mit der Nationenbildung im 17. Jahrhundert wurde alles bis auf die Liebesbeziehungen zum Delikt. Der Grenzverkehr ging dennoch weiter, nur eben illegal. Praktisch, dass das Kalkgestein hier so viele Höhlen aufweist, wie gemacht, um darin beispielsweise große Säcke voller Kaffeebohnen zu deponieren.

Abwechslungsreiche Wanderetappen durch Graubünden

Es sind Details wie dieses, die den Walserweg Graubünden so besonders machen. Der im Oktober 2010 eröffnete Trail führt in 19 Etappen über 300 Kilometer und 16 000 Höhenmeter auf den Spuren der Walser durch den Kanton Graubünden. Vom San Bernardino mäandert er über mehrere Gebirgsstöcke und drei Pässe, die mehr als 2800 Meter hoch sind, bis nach Brand in Österreich. Auf ehemaligen Handelswegen für Waren und Vieh führt der Bündner Walserweg von Dorf zu Dorf und endet bei jeder Etappe an einem Ort mit Übernachtungsmöglichkeit. Mal liegt der auf 1863 Metern wie Obermutten, ein Haufendorf aus Lärchenholzhäusern; mal unten im Tal wie das vergleichsweise mondäne Andeer (982 m) mit seinem Mineralbad und gepflasterten Straßen, die zwischen den Patrizierhäusern hindurchführen; und mal genau dazwischen, umgeben von hohen Bergrücken und steilen Felswänden, wie im Fall von St. Antönien (1420 m) und Partnun (1763 m). Die Etappen verlaufen durch liebliche Blumenwiesen, schroffe Schluchten, über weite Almen und karge Pässe. Die Tagesetappen sind manchmal mit bis zu siebeneinhalb Stunden Gehzeit recht kernig, ein andermal bleibt viel Zeit, um sich auf Menschen und Kultur einzulassen.

Von der Diplomarbeit zum Lebenswerk

Irene Schuler brennt noch immer für das Projekt, das sie als Studentin zunächst für ihre Diplomarbeit in Wirtschaftsgeographie aufgegabelt hatte, das dann zum Buchprojekt wurde und mittlerweile die Dimension eines Lebenswerkes annimmt. Sie winkt ab, wenn sie darauf angesprochen wird. Dabei ist es ganz einfach: Ohne Irene Schuler gäbe es den »Walserweg Graubünden« nicht. Sie war es, die sich in die Idee verbissen hatte, die Geschichte entlegener Dörfer für eine europaweite Wanderklientel spannend zu machen. Sie wollte, dass dort wieder Leben einzieht. Denn was heute droht, der Zentralisierung geopfert zu werden, war einst eine prosperierende Region. Dank der Walser. Deren Vereinigung hat Geld, Wissen und Engagement hineingesteckt und mit ihren Kontakten und Beziehungen geholfen. Einzelne Abschnitte werden heute bereits von bis zu 160 Wanderern pro Jahr gebucht. Einer von ihnen ist Richard Glen aus Schottland, der bereits zwölf der 19 Etappen hinter sich hat. Er ist begeistert – auch von der Schweizer Präzision. »Auf dem Walserweg muss dein Gepäck manchmal dreimal umsteigen«, erzählt er staunend, »von Bussen in Züge und wieder in den Bus. Während du selbst über den Berg spazierst, fragst du dich, ob du es jemals wiedersehen wirst. Aber hey, dies ist die Schweiz: Du wirst es wiedersehen!«

Bei den Leuten sein auf dem Walserweg

»Die Idee ist, dass man bei den Leuten ist«, beschreibt Irene Schuler ihre Philosophie. Deshalb enthält das Buch, das sie zum Weitwanderweg geschrieben hat, diverse, sehr detailliert recherchierte Geschichten wie jene vom Schmuggler Thöny oder zu den Lawinenverbauungen in St. Antönien. Wer mit Irene Schuler unterwegs ist, lernt das alles und noch viel mehr. Und versteht, wie viel Arbeit im Walserweg steckt. Keine Alm, auf der sie nicht die Leute kennt und sich die Zeit für ein Gespräch nimmt. Manchmal ergibt es sich, dass diese so wie jetzt am Ende einer Tour in der Nachmittagssonne auf der Hausbank der »Pension Edelweiß« geführt werden. Bei Nüssli- und Filisurtorte und einem anständigen Kübel Bier.

Von Klosters im Prättigau führt der Weg durch einen märchenhaften Wald hinauf zur Saaser Alp. Die Bergstation der Madrisabahn mit ihrem Funpark für Kinder, lauter Musik und viel Beton erinnert noch einmal daran, dass die Zivilisation nur eine Gondelfahrt unterhalb liegt. Doch mit jedem Schritt Richtung Rätschenjoch entfernen sich Stimmen und Musik. Während der Wanderweg zunächst auf gleichbleibender Höhe durch Wiesen voller blühendem Klee und Männertreu ins Chüecalanda hineinführt, einen Kessel unterhalb des Rätschenjochs, wird ein anderes Geräusch lauter: das Rauschen eines Baches, der in perfekter Schlangenlinie mäandert.

Zu gut zum Schmuggeln

Das war es dann erstmal mit lieblicher Szenerie. Der Pfad wird steiler. In Serpentinen schlängelt er sich hinauf zum Rätschenjoch (2602 m). Wer oben steht, staunt nicht schlecht. Im Rücken die grünen, sanft geschwungenen Kuppen und der weite Blick ins Prättigau, breitet sich auf der anderen Seite des Grates ein Gletscher aus. So sieht es zumindest aus. Denn die karstigen Gafier-Platten, die sich Richtung Norden ausstrecken, sehen aus wie die riesige Zunge aus Eis und Altschnee, die sie einst so abgeschliffen hat. Kleine, dunkle, von der Sonne aufgewärmte Schieferplatten eignen sich ideal als Schneidbretter für das zarte Bündnerfleisch, das Irene aus ihrem Rucksack zieht. Eigentlich wollte sie es am nächsten Tag über die Grenze nach Österreich tragen, vorbei an der Höhle des Schmugglers Thöny. Doch aus der Schmuggelei über die Außengrenze des Euroraumes wird nichts werden. Es schmeckt einfach zu gut.
Sandra Zistl
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