Alpe-Adria-Trail: Weitwandern de luxe | BERGSTEIGER Magazin
Auf dem Alpe-Adria-Trail über zwei Ländergrenzen

Alpe-Adria-Trail: Weitwandern de luxe

Weitwandern auf dem Alpe-Adria-Trail. Die Idee ist bestechend: aus dem Hochgebirge ganz allmählich zum Meer zu wandern und dabei zwei Ländergrenzen zu überschreiten. In Kärnten beginnt der im Sommer 2012 eröffnete Alpe-Adria-Trail und endet nach 700 Kilometern bei Muggia nahe Triest am Meer. Eine Annäherung.

 
Alpe-Adria-Trail: Weitwandern de luxe © Sandra Zistl
Alpe-Adria-Trail: Weitwandern de luxe
Die Dialektik ist ein Mittel der Rhetorik. Über These und Antithese führt sie zur Synthese, zum Verständnis. Wer hätte gedacht, dass diese Methode ausgerechnet an einem Ort ihre Berechtigung finden würde, an dem wenig oder nichts gesprochen wird: auf dem Gipfel eines Berges. Doch manchmal hilft es eben, sich den Dingen über ihr Gegenteil zu nähern und sie dadurch besser zu begreifen. Der Alpe-Adria-Trail, ein neu konzipierter Weitwanderweg, führt in 43 Etappen von der Franz-Josefs-Höhe (2362 m) gegenüber des Großglockner (3798 m) bis zum Meer. Auf 700 Kilometern und über etwa 23 000 Höhenmeter schlängelt er sich zunächst durch die Berg- und Seenwelt Kärntens, begleitet dann den slowenischen Gebirgsfluss Soca in seinem mäandernden Verlauf Richtung Südosten, und lässt diesen nur im Stich, um über slowenische und norditalienische Kirsch- und Weingärten den direkten Weg Richtung Adria einzuschlagen. Hochalpines Gelände und Gipfel lässt er bewusst seitlich liegen zugunsten der Gemütlichkeit.

These: Vom Gletscher über Bäche, Seen, einen Fluss Richtung Meer ist Wasser der ständige Begleiter auf dem Alpe-Adria-Trail. Antithese: Der Gipfel des Mohar (2604 m) – abseits der Hauptroute, ohne Wasser, dafür voller Steine und Felsen – ist der ideale Ort, um die Dimension dieses Weges zu begreifen. Denn wer, gestartet am Großglockner, am Morgen des dritten oder vierten Tages diesen kleinen Schlenker in Kauf nimmt, steht höher als der höchste Punkt des gesamten Trails und hat sowohl den Großglockner im Blick als auch freie Sicht über Kärnten hinweg gen Adria. Der Mohar ist laut Karte kein Bestandteil des Weitwanderweges. Doch die Synthese lautet: Er ist das Dach des Alpe-Adria-Trails. Hier, von oben, wird die reizvolle Idee, von den Bergen bis zum Meer zu wandern, optisch manifest.

Alpe-Adria-Trail: Italien verspricht nachzuarbeiten

Die neue Route führt auf bereits bestehenden Pfaden des Nationalparks Hohe Tauern von der kargen Landschaft oberhalb der Baumgrenze hinab zu Kirschen und Weinbergen. Sie durchquert dabei auch mehrere Kulturräume. Wo einst Krieg herrschte und dann lange Zeit ein nicht sichtbarer, aber undurchdringbarer Vorhang länderübergreifende Projekte unmöglich machte, verbindet heute ein gemeinsames Projekt Kärnten, Slowenien und die Region »Friaul- Julisch Venetien«. Die Idee hatten die Kärntner, sie sind professionelle Selbstvermarkter ihrer Alpenregion. Wenn die Touristiker hier etwas in die Hand nehmen, dann richtig. So stammt nicht nur die Initiative für den Alpe-Adria-Trail aus der österreichischen Region, sondern hier ist auch dessen Infrastruktur bereits am weitesten fortgeschritten. In Kärnten wiesen im August 2012 kleine Schildchen alle Etappen aus, ebenso in Slowenien.

In Italien hingegen suchte der Wanderer im Herbst desselben Jahres noch vergeblich nach den weißen Zeichen – und musste sich mühsam mit Hilfe topografischer Karten seinen Weg suchen. Doch das soll jetzt anders werden, versichert Sara Ehrlich von der zuständigen italienischen Tourismusvereinigung: »Mit Infrastruktur und Promotion waren wir hinterher«, gibt sie zu, »aber noch vor diesem Sommer wird die Beschilderung verbessert«, beteuert sie. »Und wir werden für fast alle Etappen einheitliche Start- und Zielstationen auf bauen.« Ein Teil der Kosten werde über EU-Gelder gedeckt. Allein für Marketing und Produktentwicklung könnten die drei Partner somit weitere 600 000 Euro in die Hand nehmen. »Es tut sich laufend was«, versichert auch Roland Oberdorfer von der Kärnten Werbung. Aktuell arbeiteten die Kärntner daran, die Geschichte der Region noch mehr in den Vordergrund zu stellen.

Eine Woche Arbeit – 150 Euro

Vincent Gorgasser ist jemand, der lieber im Hintergrund wirkt und still seine Arbeit verrichtet. Dabei hätte der Bauer aus Heiligenblut das Potential, ein lebendiger kulturhistorischer Höhepunkt am Rande des Trails zu werden. Er beschränkt sich jedoch lieber darauf, fremden Wanderern freundlich zuzulächeln und sie weiterziehen zu lassen. Wer das Glück hat, dennoch mit ihm ins Gespräch zu kommen, steht kurz darauf im schönsten Haus Heiligenbluts: ein stattliches Gebäude aus dem frühen 18. Jahrhundert mit Quergiebel und Holzaufbau. Still und stolz steht es zwischen allerlei architektonischem Wirrwarr jüngeren Datums.

Die Gorgassers bewohnen es nicht mehr, weil es saniert werden müsste. Doch der Senior zieht sich im Winter hierher zurück, schürt den Ofen ein und »kerbelt«: Aus Lärchenholz flicht er traditionelle Körbe. »Das ist eine Wissenschaft«, erzählt er mit bedächtiger Stimme. Denn die langen, dünnen Holzstreifen müssten biegsam sein, sie dürften nicht brechen. Selbst für den Kenner sei es Glück, das Holz in diesem Zustand zu finden. Eine Woche braucht er pro Korb, für etwa 150 Euro verkauft er sie – einen Stundenlohn will Vincent Gorgasser lieber nicht ausrechnen.

Zum Leben reicht das natürlich nicht, weshalb die Familie Angusrinder züchtet. Das Kerbeln bereitet dem Senior trotzdem Freude. Es ist etwas, das Bestand hat, in einer Zeit, in der seine Heimat schon längst nicht mehr das ist, was sie einmal war. Spätestens seit dem Bau der Großglockner-Höhenstraße. Sie führt dazu, dass auf den ersten Etappen des Alpe-Adria-Trails visuelle und akustische Reize auf unvorteilhafte Weise zusammentreffen. Wer Vincent Gorgasser und seine Körbe hinter sich gelassen hat, betritt bald einen schmalen Saumpfad, der über saftige Wiesen und kleine Bäche führt.

Das Auge nimmt Wasser, Blumen und Schmetterlinge wahr. Das Ohr hört Autos und Motorräder die Höhenstraße hinaufknattern. Ein seltsamer Soundtrack, der auch den Blick zurück zum Eisriesen untermalt. Zum Glück taucht man bald in stille Wälder ein. Die wirtschaftliche Geschichte des Tales illustriert diese zweite Etappe, vorbei an einer alten Goldmine und Mühlen, bestens. Für den Geschmack vieler Bergsteiger dürfte jedoch der Anteil an Teerstraßen, die es kurzzeitig zu bewandern oder immer wieder zu queren gilt, zu hoch sein. Deshalb ist es lohnend, noch eine weitere Etappe des Alpe-Adria-Trails dranzuhängen. Sie führt von Großkirchheim in drei Kilometern recht steil mehr als 1000 Höhenmeter hinauf zum Gasthof Glocknerblick auf der Moharalm.

Der Pfad steigt steil bergan durch dichten Wald, der den Blick ins Tal nur zweimal freigibt. Mehrere Zentimeter dickes Moos liegt wie ein Teppich über Wurzeln und Steinen. Es duftet nach Pilzen. Als der Wald zurückweicht, taucht das Tagesziel auf. Auf einem Plateau ruhen die Hütte und eine Kapelle unterhalb des Mohar (2604 m). 

Kein Abenteuer, aber Überraschungen

Von diesem erhabenen Ort sind es am nächsten Morgen nur noch 550 Höhenmeter hinauf zum Gipfel und inoffiziellen Dach des Alpe-Adria-Trails. Wer dort oben in Gemeinschaft von Kühen die ersten Sonnenstrahlen, die Einsamkeit und den Blick genossen hat, ist gewappnet gegen das Gewusel, das ihn kurze Zeit später rund um das Sadnighaus (1880 m) erwartet, das (leider) auf einer schmalen Bergstraße mit dem Auto zu erreichen ist. Diese dialektischen Eindrücke sind symptomatisch für den Trail. Absolute Abgeschiedenheit bietet er zumindest in Österreich in der Hochsaison nicht. Denn die Zielgruppe sind sogenannte Genusswanderer. »Wir haben auf eher gemütliche Touren gesetzt, die nie in den hochalpinen Bereich hineinragen und nie weiter als 20 Kilometer sind«, fasst Roland Oberdorfer von »Kärnten Werbung« das Konzept zusammen.

Unterwegs sollen die Gäste Zeit haben für Kulinarisches und Kultur. So ist wenig Platz für Abenteuer. Was allerdings nicht bedeutet, dass der Alpe-Adria- Trail eine garantiert überraschungsfreie Zone wäre. Manchmal genügt es schon, mit Papier zu rascheln und knackige Äpfel aus dem Rucksack zu holen, und aus der gemütlichen Rast auf einem Sattel mit saftigen Almwiesen wird eine Dompteurnummer mit zehn Pferden. Mähne und Schweif vom Bergwind gezaust, die Nüstern gebläht, stürmen sie auf die Gruppe Wanderer zu, die auf der Passhöhe am Schobertörl (2360 m) pausiert, um sich zu stärken, bevor es drei Stunden lang hinab geht nach Innerfragant (1074 m). Angesichts der geballten Muskelkraft, die da herantrabt, erscheint es vernünftig, die Äpfel in den Pferderachen zu werfen.

Der Abstieg ist dann ein weiteres Lehrstück in Dialektik. Denn der Alpe-Adria-Trail stellt zwar den Genuss in den Vordergrund, doch er hält durchaus kernige Etappen bereit. Wer am Morgen noch schnell auf den Mohar gestiegen und damit am Ende insgesamt 1214 Meter auf- und 2194 abgestiegen ist, ist nicht unglücklich darüber, dass er mit dem Nationalpark-Wanderbus in die Unterkunft gefahren wird. Gut, dass es heute nicht mehr bis zur Adria geht.
Alpe-Adria-Trail - Text: Sandra Zistl, Fotos: D. Zupanc, M. Milani, Kärnten Werbung; S. Zistl; Turismo FVG; Lenarcic; MTG
Fotos: 
D. Zupanc, M. Milani, Kärnten Werbung; S. Zistl; Turismo FVG; Lenarcic; MTG
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 05/2013. Jetzt abonnieren!
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