Touren im Hinterland des Lago Maggiore

Trekking im Val Grande

Ein geheimnisvolles Hinterland lockt am Lago Maggiore zum Wandern und Erkunden. Im Nationalpark Val Grande hat sich entvölkertes Kulturland in eine verwunschene Wildnis verwandelt. Auf den rauen Graten bietet sich eine einmalige Schau von der Seenlandschaft der Poebene bis zu den Walliser Viertausendern. Doch ungezähmte Natur ist nicht immer leicht zu meistern.
Von Iris Kürschner (Text und Fotos)
 
Atemberaubende Aussichten – bis hin zu den Walliser Viertausendern – bieten sich immer wieder am Sentiero Bove © Iris Kürschner
Atemberaubende Aussichten – bis hin zu den Walliser Viertausendern – bieten sich immer wieder am Sentiero Bove
Wir kämpfen uns durch sperriges Gestrüpp; Äste teilen Peitschenhiebe aus, hinterlassen Striemen auf den Armen und im Gesicht. Endlich die Alp, die wir von oben gesehen hatten. Verlassene Steinruinen. Ein zerfressener Besen lehnt noch am Stall. Im Wind quietscht ein Fensterladenrest. Wo ist der Weg, den die Karte verspricht? Etwa auch zugewachsen? Wo sich die Natur altes Kulturland zurück erobert hat, lassen sich fürwahr abenteuerliche Trekkingtouren unternehmen. Der Nationalpark Val Grande, das sind wilde Berge über dem Lago Maggiore und schroffe Gebirgszüge, abgeschottet von der Außenwelt, – und dennoch trotz der schweren Zugänglichkeit einst bewirtschaftet.

Trekking im Val Grande KarteWährend der Kriegsjahre diente das unwegsame Gelände den Partisanen als Versteck, bis zur Aufdeckung durch Nazis und Faschisten. In dramatischen Kämpfen wurden 1944 mehrere hundert Partisanen niedergemetzelt. Das Blutbad und die Zerstörung vieler Alphütten hat die mit der Industrialisierung beginnende Landflucht endgültig besiegelt. Im Jahre 1969 wurde die letzte Alp (Serena) aufgegeben. Seither ist das Gebiet sich selbst überlassen, hat sich die Natur alles zurück geholt. Die kleinen Alpsiedlungen sind verfallen, von Unkraut überwuchert, dichte Wälder bedecken nunmehr die Bergflanken, bieten Fuchs, Dachs und Wild ein ideales Revier; in der Höhe ist die Gämse die Königin.

Aus altem Kulturland wird Wildnis im Val Grande

Schon 1967 wurde eine Zone um das Felsmassiv des Pedum im Val Grande zum ersten Totalschutzgebiet der italienischen Alpen erklärt. Daraus hat sich dann der 1992 gegründete Nationalpark entwickelt, der auf 12000 Hektar das Gebiet zwischen dem Lago Maggiore, dem Valle Ossola und dem Valle Cannobina erfasst: heute eine Wildnis, die man sich erarbeiten muss. Es gibt nur wenige regelmässig unterhaltene Hauptrouten und nur Selbstversorgerhütten, für den, der in das Herz vordringen möchte. Konkret heißt das: die komplette Ausrüstung mitschleppen. Auch das Handy streikt. Wer von den Hauptwegen abweicht, bedarf eines guten Orientierungssinns nebst ausführlicher Karte. Eine echte Herausforderung also, aber auch ein Erlebnis, das man nicht so leicht vergisst. Dieter hat an einem Baum einen verblichenen Farbklecks entdeckt. Das muss der Weg sein. Ein paar Bäume weiter ein nächster roter Punkt. Dann stoßen wir auch auf Pfadspuren, die durch steile Schrofen bergwärts führen. Immer wieder müssen wir Hand anlegen, da die Route verdammt exponiert ist. Zwischen den Felspartien dichte Grasflanken, die zum Ausrutschen führen können und rasches Vorwärtskommen verhindern. Wir hätten nicht trödeln sollen, als wir heute morgen von Cigogna, dem einzigen Dorf im Nationalpark Val Grande, aufbrachen.

Der schwere Rucksack zwickt an den Schultern. Mit rotem Kopf erreichen wir endlich den Grat. Was da auf uns wartet, sieht zwar spannend aus, aber die Zeit wird knapp. Es dunkelt bereits. Weit kann das Biwak nicht mehr sein. Aber das viele Auf und Ab über die steinernen Zähne der Strette del Casè dauern, auch wenn wir an Tempo mächtig zulegen. Dann endlich wird der raue Kamm sanfter, zeichnet sich ein Hausschatten im letzten Licht ab. Bizarr wirkt das fast an ein Hochhaus erinnernde Bivacco Bocchetta di Campo in dieser Einöde. Das spartanische Innere ist immerhin mit einem Ofen ausgestattet. Ein paar Holzreste liegen auch herum. Bald wärmt uns ein kleines Feuer und eine Suppe schenkt uns neue Kraft. Erst danach können wir die Aussichtsloge richtig genießen.

Zu unseren Füßen funkeln die Lichter der Fischerdörfer und Uferpromenaden rund um den Lago Maggiore, wo der Tourismus brodelt. Hier oben pure Einsamkeit, nur einen Katzensprung entfernt. Im Morgengrauen dann ein Wahnsinnsblick auf die Walliser Viertausenderkette mit dem Monte Rosa als Blickfang. Genau deshalb haben wir uns den Sentiero Bove ausgesucht, einen der anspruchsvollsten Höhenwege im Nationalpark Val Grande, weil wir das Abenteuer suchen, aber auch den Weg mit der besten Fernsicht, weil wir uns dann frei wie ein Vogel fühlen. Dass es diesen Sentiero überhaupt gibt, ist der CAI Sektion Verbano Intra und zu guter Letzt auch Giacomo Bove zu verdanken.

Zwischen 1883 und 1886 hatte die Sektion bereits Wegabschnitte eingerichtet. Aufgeschlossen auch für Entdeckungsreisen wie die geplante Antarktis-Expedition von Bove sammelte sie Geld. Doch die Unternehmung scheiterte, Bove kam ums Leben, zurück blieb die Spende, mit der die Sektion eine der ersten Alte Vie der Alpen einrichtete.

Im Biwak knistert ein Kaminfeuer

Dass das Zeitmanagement der Route schwer einzuschätzen ist, merken wir am folgenden Tag. Der Sentiero Bove folgt dem Kamm rund um das Val Pogallo und ist an den heiklen Stellen klettersteigähnlich abgesichert. Im ersten Teil kommen wir zügig voran, weil wir noch voller Energie sind. Doch dann zieht sich die Strecke, die Muskeln ermüden, das Rauf und Runter über den Grat hört nicht auf. Immerhin gibt es Ausweichmöglichkeiten, wie das Bivacco Scaredi und das Bivacco Cortechiuso, aber die liegen zu nah. Dann noch das Bivacco Lidesh, einen Abstecher vom Passo delle Crocette entfernt. Aber wir hatten uns in den Kopf gesetzt, das Bivacco Fornà unter den Ostabstürzen des Monte Zeda zu erreichen. Also weiter.

Plattenschüsse und steile Couloirs sind immer wieder zu überwinden. Am Monte Piota setzt starker Wind ein, die Gratkletterei wird zum Balanceakt. Fast hätten wir den Abzweig zur Alpe Fornà verpasst. Wieder einmal im letzten Abendlicht kommen wir an. Dieter taucht gleich in den fröhlich sprudelnden Brunnen ein, trinkt gierig das klare Gebirgswasser. Im Inneren der zwei Alphütten finden wir wahre Schätze an Nahrungsresten anderer Trecker, – ganze Familienpackungen an Pasta, Tomatensoße, Espresso. Die Selbstversorgerunterkünfte des Nationalparks, sogenannte Bivacchi, sind erst in den letzten Jahren eingerichtet worden und befinden sich durchwegs in wieder aufgebauten, traditionellen Alphütten. Gerade auch das macht die Wanderungen durch den Nationalpark Val Grande im Hinterland des Lago Maggiore so reizvoll, denn unglaublich romantisch lässt sich in diesen übernachten. Jedenfalls für den, der das einfache Leben liebt! Denn die Ausstattung ist karg. Tisch, Bank, Feuerstelle, hie und da auch Bettgestelle, aber ohne Matratzen und Decken. Zweimal jährlich wird der Holzvorrat von der Forstbehörde aufgestockt. Doch auch wenn das Holz schon aufgebraucht ist, findet sich leicht Brennmaterial in der nahen Umgebung. Wenn dann ein gemütliches Feuer im Ofen oder Kamin knistert, die Nachtigall ein Schlummerlied trällert, keine Zivilisationsgeräusche ans Ohr dringen, dann wünscht man sich, dass die Zeit stehen bleibt.

Im Frühling und Herbst lässt sich das Naturparadies Val Grande am besten erforschen. Dann, wenn noch keine Schlangen herumkriechen, für die der Nationalpark verschrien ist. Dann, wenn noch keine Hauptsaison ist und man tagelang keiner Menschenseele begegnet. Dann, wenn im Norden fröstelndes Schmuddelwetter grantig macht und hier unten mediterrane Temperaturen umschmeicheln.

Ein traumhaft schönes Finale beim Trekking im Val Grande

Bereits am frühen Morgen haben wir uns zum großen Gipfelkreuz am Monte Zeda hoch gearbeitet. Ein Adlerpärchen kreist über uns, scheint wie wir das klare Licht zu genießen, bevor der Dunst der Tiefebene aufsteigt. Wir können den ganzen Gratverlauf des Sentiero Bove überblikken, der das Val Pogallo hufeisenförmig umschließt. Ein bisschen stolz sind wir auch, denn die Wegstrecke sieht von hier wirklich heftig aus. Was jetzt noch folgt ist vergleichsweise leicht; zwar auch exponiert, aber besser gesichert. Das mag daran liegen, dass der Monte Zeda und der nur wenig später folgende Pizzo Marona durch relativ nah herankommende Militärstraßen leichter erreichbar sind und demzufolge häufiger besucht werden. Aber so früh und dann noch außerhalb der Saison ist natürlich nichts los. Auch das Rifugio auf dem Pian Cavallone ist geschlossen. Dort weicht der raue Grat einem breiten Wiesenrücken, auf dem es sich gemütlich ausschreiten lässt. Eigentlich wollten wir noch am selben Tag bis Cicogna absteigen, doch dann entdecken wir das Bivacco der Alpe Curgei. Eine Hütte, so liebevoll eingerichtet, so traumhaft gelegen, wir können gar nicht anders als bleiben, den Abschied wenigstens noch eine Nacht hinauszögern. Schon schmieden wir Pläne am großen Holztisch vor dem Chalet mit dieser einmaligen Gebirgsumrahmung. Tatsächlich kommen wir im nächsten Frühling wieder, steigen auf dem Klassiker (dreitägige Transversale Malesco – Premosello) über die Alpe Scaredi in das waldige Paradies ein, entdecken ein völlig neues Gesicht, üppige Bärlauchwiesen, Seidelbast und Orchideen, Wasserfälle und glasklare Badepools, in die wir springen, wie Gott uns geschaffen hat.
Iris Kürschner
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 03/2011. Jetzt abonnieren!
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