Skitour auf die Berchtesgadener Reibn

Perfektes Skitourenwochenende Teil II

Im zweiten Teil unserer Serie geht es auf die grosse Berchtesgadener Reibn - 50 Kilometer Schnee! Ein Skitourenwochenende der besonderen Art.
Von Michael Pröttel (Text und Bilder)

 
Der Schneibstein ist der Hüttenberg des Stahl-Hauses und erster Gipfel auf der langen Berchtesgandener Reibn © Michael Pröttel
Der Schneibstein ist der Hüttenberg des Stahl-Hauses und erster Gipfel auf der langen Berchtesgandener Reibn
Manchmal sollte man halt doch einen Blick in den Tourenführer werfen. Peter Keills Warnung »Für die lange Etappe vom Torrenerjoch zum Funtensee ist es vor allem wichtig, dass es mindestens zehn Stunden lang hell ist« aus seinem Buch »Skidurchquerungen in den Alpen« hatten Kasi & Co. jedenfalls nicht gelesen. Ausgerechnet Ende Dezember brachen die Freunde in die spurlose Weite des Hagengebirges auf. Wer an den kürzesten Tagen des Jahres in dichten Nebel gerät, darf sich nachher nicht wundern, wenn der heiß ersehnte Winterraum bei Anbruch der Dunkelheit in unerreichbarer Ferne liegt. Auch am Folgetag mussten die drei nach achtstündigem Umherirren wieder ohne Schlafsack und Kocher im kalten Schneeloch biwakieren. Am dritten Tag war das Wetter dann zwar wieder okay, das Team aber auch vollkommen fertig. Stark unterkühlt und dehydriert wurden sie per Hubschrauber gerettet.

Wie dieses Bergdrama ohne Handyempfang ausgegangen wäre, stellen Thomas, Elias und ich uns lieber nicht vor und beschließen, die Große Reibn lieber im März anzugehen. Dass die Berchtesgadener Gewalttour für einen ambitionierten Skitourengeher ins Tourenbuch gehört, steht für uns außer Frage. Mit 50 Kilometern und 3350 Höhenmetern – den Hüttenzustieg nicht einmal hinzugerechnet – darf man den Ostalpenklassiker getrost als Skitourenmarathon bezeichnen.

Freudiges Zuprosten, erregte Debatten und eine Luftfeuchtigkeit, die der der Kruginhalte kaum nachsteht. Die Gaststube ist gut gefüllt, als wir nach dem standesgemäßen Aufstieg ohne Benutzung der Jennerbahn an einem Nachmittag mit Kaiserwetter das Carl-von-Stahl-Haus erreichen. Allein der Blick auf Minirucksäcke und Stirnlampen zeigt uns, dass die Anwesenden nicht wegen der Großen Reibn, sondern wegen eines sportlichen Feierabendbieres zum Torrenerjoch aufgestiegen sind. Der Hüttenwirt bestätigt, dass wir morgen auf der langen Etappe zum Kärlingerhaus wohl allein unterwegs sein werden. Zusammen mit seinem Hinweis, dass die letzen Reibn-Geher vor sechs Tagen unterwegs waren, löst das in meinem Magen ein flaues Gefühl aus. Ich gehe mit der Gewissheit ins Bett: Auf fremde Hilfe bei der anstrengenden Spurarbeit dürfen wir morgen nicht hoffen.

Aufbruch zum Skitourenmarathon in Berchtesgaden

Beim frühmorgendlichen Aufstieg zum Schneibstein wird mein mulmiges Empfinden keineswegs besser. Im Gegenteil. Viel früher als angesagt sind graue Wolken aufgezogen. Bleibt nur zu hoffen, dass angesichts des vor uns liegenden weißen Meeres aus unzähligen Mulden und Kuppen wenigstens die Wolkenuntergrenze so weit oben bleibt wie prognostiziert. Bis zur Windscharte ist die Wegfindung aufgrund der Spuren und Stangen der viel häufiger begangenen Kleinen Reibn kein Problem. Auf der darauf folgenden, langen Etappe zum Jägerbrunnentrog wird unser Orientierungsvermögen jedoch auf eine harte Probe gestellt. Das diffuse Licht lässt die Dolinen, Bodenwellen, Bergrücken und Gräben des Hagengebirges miteinander verschmelzen. Auch ohne Nebel kommen wir immer wieder vom kürzesten Weg ab. Mehr als einmal sind wir uns uneinig, welche Bergkuppe als nächste anzusteuern sei. Schließlich soll jeder unnötige Meter der anstrengenden Spurarbeit vermieden werden. Erst nach mehr als vier Stunden, als wir am Jägerbrunnentrog die richtige Einfahrt in den Eisgraben finden, lässt meine Anspannung nach. Endlich die erste gescheite Abfahrt des heutigen Tages. Und dazu die Gewissheit:  Wir haben zwar erst die Hälfte der Strecke, dafür aber den von der Orientierung her schwersten Teil hinter uns.

Abfahrt zum Kältepol Funtensee

Auf dem Gegenanstieg aus dem dicht bewaldeten Hennenloch über die Lange Gasse (Nomen est omen!) nimmt meine Euphorie proportional zu meiner Oberschenkelkraft ab. Immer seltener können meine schweren Beine die Freunde beim Spuren ablösen. Ich habe nicht die geringsten Einwände, als Thomas vorschlägt, auf die optionale Besteigung des Funtenseetauern zu verzichten. Der 2578 Meter hohe Gipfel wäre zwar die Krönung der Königsetappe. Aber irgendwann hat jeder vom Spuren die Nase voll! In einer zwar nur leicht ansteigenden, dafür aber einmal mehr nicht enden wollenden Querung umgehen wir den markanten Wildalmrotkopf und haben an der Niederbrunnsulzen-Scharte den ersten Tag der Reibn so gut wie im Rucksack. Über schöne, freie Hänge wedeln wir in gutem Pulver zum Kältepol Deutschland hinab. An Heiligabend 2001 wurde direkt am Funtensee, neben dem das Kärlingerhaus steht, ein Kälterekord von minus 45,9° C erreicht. Das ist die bisher tiefste, in Deutschland vom Wetteramt aufgezeichnete Bodentemperatur überhaupt.

Um so wärmer ist es keine Stunde später im heimeligen Winterraum. Das Kiefernholz knistert im Ofen, der mitgeschleppte Rotwein bekommt langsam Trinktemperatur und wir drei sind einfach stolz wie Bolle. Kein Geringerer als Alexander Huber hat zwei Tage vor uns auch schon hier eingeheizt! Ein Blick ins Hüttenbuch genügt, um außerdem zu wissen: Die Reibn ist trotz Skitourenboom keine Modetour geworden. Gerade einmal 18 Skidurchquerer haben sich den Winter bislang eingetragen. Und es ist immerhin schon fast April.

Endspurt der Skitour auf die Berchtesgadener Reibn

Genauso früh wie am Vortag lassen wir das Kärlingerhaus in seiner vollkommenen Wintereinsamkeit hinter uns. Noch funkeln die letzten Sterne am Himmel. Bummeln wollen wir trotzdem nicht. Denn erst für heute war der richtig krasse Wettersturz angekündigt. Und außerdem: 1100 Höhenmeter und 21 Kilometer Strecke sind kein Sonntagsspaziergang. Auf dem langen Anstieg zur Hundstodscharte fällt das Spuren im zumeist festgepressten Windharsch viel leichter als am Vortag. Zügig bewältigen wir den vorletzten Anstieg und die anschließende Querung zum Dießbachegg, wo uns kurz der Atem stockt. Hinter der letzten Kuppe hängt unvermutet ein  pechschwarzer Vorhang über den Felsgipfeln der Loferer und Leoganger Steinberge. Nichts wie weg mit den Fellen und runter in den tief unter uns gelegenen Hochwieskessel.

Der beinhart gefrorene  350-Höhenmeter-Hang schenkt uns zwar keinen Pulvergenuss, dafür dank messerscharfer Skikanten einen nicht unbedeutenden Zeitgewinn. In Windeseile fellen wir unten wieder an und steigen in bereits dichtem Schneefall zur Kematenschneid auf. Oben wird sich zeigen, ob wir im Nebel die Wimbachscharte und somit die Abfahrt durch den Loferer Seilergraben finden. Bergrücken haben zum Glück die Angewohnheit, dass man – auf ihnen angekommen – nur rechts oder links gehen kann. Wir entscheiden uns für die erste Möglichkeit und stochern vorsichtig entlang des teils schmalen Rückens nach Norden. Plötzlich reißt der Nebel auf. Der Wegweiser an der Wimbachscharte ist nicht mehr zu übersehen! Wir stürzen uns mit dem Gefühl, etwas wirklich Großes gemeistert zu haben, in den Loferer Seilergraben hinab. Und freuen uns fast etwas zu früh. Erstens löse ich im unteren Riesenhang eine große Nassschneelawine aus, der Elias zum Glück aus dem Weg fahren kann. Und zweitens liegt im Talboden zu wenig Schnee für eine Abfahrt zur Wimbachbrücke. Aber was sind schon acht Kilometer Skitragen zum Schluss einer dermaßen großartigen Skidurchquerung?
 
Die Große Berchtesgadener Reibn - Fünfzig Kilometer Schnee!
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