Die schönsten Klettersteige auf der Südseite der Alpen

Klettersteige im Aosta- und Susatal

Im mediterranen Sustatal erlebt der Tourengeher drei Schluchtklettersteige und macht sich auf die Spuren der am tiefsten angesiedelten Gämsenkolonie der Alpen. Weiter südlich in den Dolomiten von Cuneo ist Nervenkitzel angesagt. Vor lauter Überhängen und gewagten Hängebrücken bleibt dem Klettersteiggeher hier kaum Gelegenheit, die wilde Blumenpracht des imposanten Felsengartens zu bestaunen.
 
Wie von Geisterhand angeklebt – die Rocca Senghi; eine atemberaubende Ferrata zieht sich entlang ihrer Kante © Iris Kürschner
Wie von Geisterhand angeklebt – die Rocca Senghi; eine atemberaubende Ferrata zieht sich entlang ihrer Kante
Zwischen Comer See und Biella ist quasi Brachland, wenn man von der nicht sonderlich attraktiven Via ferrata Emilio Detomasi mitten im Skigebiet von Alagna einmal absieht. Westlich von Biella bohrt sich das Aostatal ins Gebirge, wo der Monte Emilius ein Highlight im Ferratistenhimmel ist. Mit 1500 Metern Klettersteiglänge auf über 3000 Metern Höhe, dazu auf Augenhöhe mit den berühmtesten 4000ern (Mont Blanc, Matterhorn, Monte Rosa, Gran Paradisio), ist er ein bergsteigerischer Knüller, – aber auch eine ernste Unternehmung, die zwei Tage in Anspruch nimmt, inklusive Biwakübernachtung.

Klettersteige im Susatal

Mediterran geht es wieder im Susatal zu. Drei Schluchtklettersteige, wovon die Ferrata dell’Orrido di Foresto die atemberaubendste ist, weil man mitunter direkt in der Gischt von Wasserfällen klettert. Das Wasser gurgelt mit Getöse durch Gletschertöpfe, der Himmel zeigt sich nur als schmaler Schlitz über dem Kopf. Auch das kulturelle Wahrzeichen des Tals, die Sacra di San Michele, lässt sich auf ungewöhnlichem Wege nehmen. Gerüchten zufolge soll die beeindruckende Klosteranlage Umberto Eco zu seinem Bestseller »Im Namen der Rose« inspiriert haben. Die Via ferrata Carlo Giorda führt über roten Gneis hinauf, und die Felsen dort sind das Zuhause der am tiefsten angesiedelten Gämsenkolonie der Alpen.

In den Dolomiten von Cuneo

Weiter südlich befinden sich in den Dolomiten von Cuneo nur drei Klettersteige, ein jeder mit viel Nervenkitzel und in traumhafter Umgebung. Die besondere Lage an einem wie von Geisterhand angeklebten, gewaltigen Felsblock macht die Via ferrata Rocca Senghi im Talschluss der Varaita di Bellino einzigartig. Spannung pur im senkrechten Part der Ferrata, wie auch der Durchstieg eines alten Kriegsstollens an der Nahtstelle zwischen Fels und Hang. Im Mairatal führt die Via Ferrata di Camoglieres durch einen wilden Felsengarten, der sich am schönsten im Frühling entfaltet. Da leuchten Ginster, Ringelblumen und Orchideen um die Wette, duften Rosmarin, Thymian und Lavendel. Muße dafür wird man wahrscheinlich erst im Abstieg haben, denn diverse Überhänge und die gewagte Hängebrücke nehmen allen Mut und Konzentration in Anspruch. An der Pforte zum Naturpark Alpi Marittime spannt sich die Via ferrata dei Funs di Entracque durch die eindrucksvollen Kalkfluchten hoch über dem Gessotal. Ideal lässt sich die Tour mit einem Besuch im neuen Wolfspark von Entracque verbinden.

Klettersteige im Aosta

Monte Emilius (3559 m)

K4, 13 Std.
Höchster Klettersteiggipfel der Westalpen. Eine alpine Unternehmung, die aufgrund des enormen Höhenunterschieds und des langen Zu- und Abstiegs zwei Tage in Anspruch nimmt. Übernachtung im Bivacco Federigo direkt am Einstieg.
Ausgangspunkt: Pila oberhalb von Aosta

Klettersteige im Susa-Tal

Schlucht der Dora Riparia (620 m)

K2/3, 4 Std.
Der leichteste Schluchtsteig im Susatal. Auch eine schöne Familienunternehmung. Bei Hitze angenehme Kühle. Felsquerungen wechseln sich mit Gehpassagen ab, wo sich immer wieder eine Badegelenheit ergibt.
Ausgangspunkt: Giaglione bei Susa

Orrido di Foresto (750 m)

K5, 21⁄2 Std.
Knackige Route durch eine zu faszinierenden Formen ausgewaschene naturgeschützte Schlucht. Kommt man am Eingang nicht über den Bach, ist das ein Zeichen umzukehren, denn die Wasserfälle sind bei zu hohem Wasserstand für die Route gefährlich.
Ausgangspunkt: Foresto bei Bussoleno

Monte Pirchiriano (962 m)

K3, 4 Std.
Ein Kulturdenkmal als Ziel. Eindrücklich thront die Sacra di San Michele über dem Taleingang. Die Via ferrata Carlo Giorda lässt erfreulich viel Felsberührung zu. Eisentritte sind nur sparsam gesetzt, es gibt genügend Risse und Kanten.
Ausgangspunkt: S. Ambrogio

Klettersteige in den Dolomiten von Cuneo

Rocca Senghi (2450 m)

K5, 4 Std.
Landschaftliches Highlight mit aufregend viel Luft unter den Sohlen. Kriegsstollen am Ausstieg. Wer eine Taschenlampe dabei hat, kann in der »Galleria« mit Eisentritten und Stahlseil gesichert durch den Berg steigen.
Ausgangspunkt: Sant’ Anna, Varaita- Tal

Crocetta Soprana (1416 m)

K4 – 5, 3 Std.
Die Via ferrata di Camoglieres führt durch eine wild zerklüftete, nach Kräutern duftende Felswand über Camoglieres. Zwischenausstiege ermöglichen eine Umgehung der Überhänge.
Ausgangspunkt: Camoglieres im Maira-Tal

Funs di Entracque (1605 m)

K5, 41⁄2 Std.
Wanderer zieht es zur wilden Schlucht der Gorge della Reina, Ferratisten gleich daneben in die den Dolomiten ähnlichen Felsfluchten hoch über Entracque.
Ausgangspunkt: Santa Lucia
Weitere Klettersteige in den Südalpen
Iris Kürschner
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 04/2011. Jetzt abonnieren!
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