Klettersteige in Savoyen

Hochspannung in Frankreich

Savoyen, die höchstgelegene Landschaft Europas zwischen dem Genfer See und dem Col du Mont-Cenis, bietet neben seiner aufregenden Gebirgsszenerie auch die vielleicht spannendsten Klettersteige ganz Frankreichs.
Von Iris Kürschner (Text und Bilder)
 
Adrenalin pur! Die einmalig ausgesetzte Hängebrücke an der Ferrata Roc de la Tovière (Val d'Isère) © Iris Kürschner
Adrenalin pur! Die einmalig ausgesetzte Hängebrücke an der Ferrata Roc de la Tovière (Val d'Isère)
Jeden Saisonbeginn das gleiche: Man muss sich erst wieder an die Ausgesetztheit am Fels gewöhnen. Deshalb wählten wir auch einen leichten Klettersteig zum Auftakt. Jetzt in der Wand bin ich nicht mehr so sicher, ob diese Ferrata als leicht zu bezeichnen ist. Bodenlose Tiefe unter den Füßen, die Griffe sind so gesetzt, dass der Körper nach außen gedrückt wird, womit sich die Luftigkeit noch verstärkt, und zu allem Übel bläst ein kräftiger Wind in die fragile Situation. Bloß keine Schwäche zeigen, denn Nachsteigende kommen schon näher. Also Zähne zusammenbeißen und den Abgrund ausblenden. In der Gemeinschaft geht es dann auch plötzlich leichter und die Routine kehrt zurück. Auf die Angst folgt die Euphorie. Das Adrenalin im Blut lässt einen stark werden. Aber nicht nur das macht Klettersteige so faszinierend. Es sind die ungewöhnlichen Perspektiven, die eine Landschaft ganz neu erlebbar machen.

Bergsteigen und baden in Savoyen

Direkt unter uns glitzert der See. Man möchte die Arme ausbreiten und hineinspringen, wenn da nicht 600 Meter Luft dazwischen wären. Jenseits des stahlblauen Wasserspiegels bäumen sich die Kalkriffe des Bauges-Massivs und der Chartreuse und dahinter die noch weiß verschneite Belledonne-Kette auf. Die Riviera der Alpen werden Savoyens Voralpenseen gerne genannt. Mit 4500 Hektar ist der Lac du Bourget sogar der größte natürliche Süßwassersee Frankreichs, wie auch mit 145 Metern der tiefste. Baden und bergsteigen lässt sich hier herrlich verbinden. Allein Savoyen bietet von den Palmen am Genfer See und am Lac du Bourget bis zu den Gletschern von Mont Blanc und Vanoise eine ungeheure Vielfalt. Auch bei den Klettersteigen. Von sportlich bis alpin, von tiefen Schluchten bis zu aufregenden Graten, vom Übungsparcours bis zur schwierigsten Ferrata Frankreichs ist für jeden Geschmack etwas dabei. Von den rund 80 Klettersteigen der französischen Alpen beansprucht Savoyen bereits 32.

Die im November 2007 eröffnete Via ferrata Roc de Cornillon ist Savoyens jüngster Klettersteig. Er befindet sich an der unverbauten Westseite des Lac du Bourget, wo die waldigen Flanken der »Chaine de l’Epine« steil zum Ufer abfallen. Als Blickfang überragt der legendenumrankte Felszahn des Dent du Chat (Katzenzahn) die Wipfel des Höhenzuges, der den See vor Schlechtwettereinflüssen aus Westen schützt. Etwas tiefer positioniert sich der Roc de Cornillon, ein aus dem Wald ragender Felskopf, der nun in Eisenklammern gelegt wurde. Die Erbauer haben aus dem aus zwei Teilen bestehenden Parcours ein Maximum an Luftigkeit herausgeholt.

Eine stabile Psyche braucht es vor allem für den »Parcours Primevère à Oreille d’Ours«, der seinen Namen durch eine seltene, hier in den Felsen wachsende Orchidee erhielt. Vis à vis lässt sich schon das nächste Ziel ins Auge fassen, die Via ferrata Jules Carret südseitig unter dem Mont Nivolet. Der beliebte Aussichtsgipfel bildet die südwestliche Abbruchkante des Bauges-Massivs.

Spektakuläres Szenario in Savoyen

Die Fahrt anderntags über Chambéry hinauf ins Bauges-Massiv, seit 1995 als Naturpark klassifiziert, ist nur ein Katzensprung und doch voller Kontraste: Am Lac du Bourget noch mediterranes Feeling, auf dem weitläufigen Hochplateau mit seinen Nadelwäldern fühlt man sich nach Kanada versetzt und der Cirque de la Doriaz am Zustieg zur Ferrata könnte auch irgendwo in den Tropen sein. Da ergießen sich bezaubernde Kaskaden über moosige Felsstufen mitten im »Urwald«, gespeist von einer Résurgence, einer Karstquelle, die das Trou de la Doriaz, ein gewaltiges Loch in der Felswand, ausspuckt. Ein mit Drahtseil gesicherter glitschiger Felsenpfad führt direkt hinter dem Wasserfallvorhang hindurch. Wenig später staunen wir dann über das gähnende Maul in der himmelhohen Wand. Die Höhle ist nach Jules Carret benannt, la Grotte à Carret, in der er ein Haus baute und von 1886 bis 1893 auch darin wohnte. Ein Eremit und Sonderling? Wahrscheinlich. Aber auch Arzt, Journalist und Politiker, der sich der Botanik und Archäologie verschrieben und nach seiner Zeit als Abgeordneter 1890 vielleicht nur noch Sehnsucht nach dem eindrücklichen Naturszenario am Mont Nivolet hatte. Während seines Aufenthaltes im Grottenhaus machte er bemerkenswerte Funde, wie die Entdeckung von Knochen eines Meschen aus der Cromagnon-Zeit.

Geblieben ist die Grotte mit der Ruine seines Hauses, die heute den Einstieg in die extrem schwierige Variante der Ferrata Jules Carret bildet. Schon beim ersten Blick wird klar, welches Kaliber da auf einen zukommt. Die Überhänge, um aus der Höhle in die Senkrechte zu turnen, sind beachtlich und auch weiter oben warten abdrängende Passagen, die nebst einem stabilen Nervenkostüm kräftige Arme erfordern. Wer sich’s nicht zutraut, dem bleibt als Alternative »le P’tchi«, was im Dialekt soviel wie »der Kleine« heißt. Diese zweite Route ist zwar leichter, darf aber dennoch nicht unterschätzt werden. Nach dem Nervenkitzel ist der Abstecher vom Ausstieg zum Croix du Nivolet erholende Belohnung. Zu Füßen glitzert der Lac du Bourget und weit kann der Blick vom Mont Blanc bis zur Chartreuse schweifen.

Welcher Klettersteig als nächstes? Nach Nordosten ins Bornes-Aravis-Massiv, das mit zwei Sportklettersteigen (am Col des Aravis und über Thônes) und zwei alpinen Routen (an der Tour de Jalouvre und über den Mont Charvin) aufwarten kann, sich dann vielleicht über Passy mit der Ferrata de Curalla dem Mont Blanc nähern? Oder nach Osten in die Tarentaise und Maurienne, die das Vanoise- Massiv umschließen, wo gleich 19 Klettersteige mitgenommen werden können. Darunter zwei ganz heiße Adressen: die Arc-Schlucht bei Aussois und die Felsenge bei Val d’Isère. Wahre Adrenalinbomben, nichts für schwache Nerven, und die Kondition sollte auch bestens bestellt sein, denn die Kletterstrecken sind lang, will man nicht auf die »échappatoires« zurückgreifen.

Extrem exponiert…

Die Via ferrata du Diable durch die Arc- Schlucht setzt sich allein aus sieben Abschnitten zusammen, die eine Gesamtlänge von 3760 Metern ergeben, womit sie gerne als die längste Ferrata der Welt gerühmt wird. Wir haben das nicht nachgeprüft, nur, dass eine durchgehende Begehung aller sieben Teilstrecken an einem Tag schwer zu schaffen ist. Schon die gegewaltige Festungsanlage der Forts de l’Esseillon über der Schlucht schindet Eindruck, ist Touristenmagnet, und der untere Zugang, die Pont du Diable, Zuschauertribüne ins Ferratistengelände und auf die gewagte Tyrolienne, wo Beherzte in rasender Fahrt über den Abgrund sausen. Aufregender lässt sich eine Schlucht kaum erkunden und auch Start und Ziel sind originell: Man muss durch ein Festungsfenster kriechen. Val d’Isère setzt noch eins drauf. Die Wintersportmetropole kann wohl kaum jemand als schön bezeichnen, doch das ist in der Talenge schnell vergessen. Da zählt nur noch jeder Griff, jeder Tritt. Wer in die Tiefe schaut, dem stehen die Haare zu Berge.

Exponiertheit in ihrem ärgsten Ausmaß auf gleich zwei Routen, der Via ferrata du Roc de la Tovière durch die Westseite der Talenge und der Via ferrata des Plates de la Daille durch die Ostseite. Mut, Können und Kraft sind gefragt. Vor allem für die Tovière-Route. Nicht nur durch den hohen Anspruch, sondern auch durch die Länge sind viele schnell einmal überfordert.Gerade dann, wenn die Kraft nachlässt, nämlich im oberen Teil beginnen die wahren Sensationen, die die Talenge unvergesslich machen: die extreme Ausgesetztheit und der enorme Abgrund der »Dalle du Lézard«, zu der eine 40 Meter lange Hängebrücke den Auftakt macht. Auch die folgende »Grande traversée « hält die Spannung, da Eisentritte nur sehr sparsam gesetzt sind. Oben auf dem weitläufigen Gipfeldach darf man sich dann wirklich beglückwünschen, einen der schwierigsten Klettersteige der Westalpen bewältigt zu haben.

Die spannendsten Klettersteige in Savoyen

Roc de Cornillon (845 m) - Via ferrata Roc de Cornillon, K3

Luftiger Balanceakt direkt über dem Lac du Bourget. Der Klettersteig gliedert sich in zwei Teile, den »Parcours Primevère à Oreille d’Ours« und den »Parcours Rocher de Cornillon«, der dem aus dem Wald ragenden Felskopf schließlich aufs Haupt steigt.
Wo? Der Roc de Cornillon befindet sich zwischen dem Col du Chat und dem Dent du Chat in der Chaine de l’Epine, dem Höhenzug auf der Westseite des Lac du Bourget.

Rocher de Charvetan (1222 m) - Via ferrata Jules Carret, K6/ K4

Die Via ferrata Jules Carret besteht aus zwei knackigen Routen, die im oberen Teil durch das sogenannte »Trottoir à Jules« miteinander verbunden sind. Die Ferrata »Grotte à Carret« spielt mit extremer Exponiertheit und hat nicht nur die Einstiegsgrotte, sondern auch eine obere Wandgrotte originell eingebaut. Etwas gemäßigter zeigt sich »Le P’tchi«, doch gleichwohl mit abdrängenden Felspartien.
Wo? Der Rocher de Charvetan befindet sich auf der Südseite des Mont Nivolet, Hausberg von Chambéry und südwestlicher Eckpfeiler des Bauges- Massivs.

Fort Victor-Emmanuel (1354 m) - Via ferrata du Diable, K2/3/4/5

Zweifellos die originellste Ferrata in der Maurienne, überaus exponiert, doch bestens gesichert. Sie setzt sich aus 7 Routen zusammen, die auch unabhängig voneinander begangen werden können. Der besondere Gag: Start und Ziel des Klettersteigs ist eine Festung aus dem 18. Jahrhundert, die auf einer Kinderferrata auch umkraxelt werden kann.
Wo? Die Arc-Schlucht befindet sich in der Maurienne zwischen Modane und Bramans an der sogenannten Barrière de L’Esseillon, einer aus fünf Festungen bestehenden Verteidigungsanlage.

Roc de la Tovière (2347 m) - Via ferrata du Roc de la Tovière, K2 – 6

An Superlativen lässt sich Val d’Isère wintersportlich ja gerne etwas einfallen. Für den unterversorgten Sommer musste also auch etwas ganz besonderes her. Und das ist gelungen. Seit 1998 wird die Talenge bei Val d’Isère von zwei Klettersteigen gesäumt, die es in sich haben. Die »Tovière « durch die westliche Seite ist die Prestige-Route. Maximale Ausgesetztheit vor allem im oberen Teil mit viel Felsberührung.
Wo? Val d’Isère (1809 m) in der obersten Tarentaise ist der letzte Ort vor dem Col de l’Iseran.

Führer: Iris Kürschner »Klettersteige Westalpen«, Bergverlag Rother, Oberhaching, 2010.

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Fotos: 
Iris Kürschner
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