Klettern El Chorro: Südspaniens Kletterparadies | BERGSTEIGER Magazin
Klettern in Südspanien

Unter Geiern - Klettern in El Choro

Das Klettergebiet El Chorro bei Málaga ist für Anfänger wie Könner die perfekte Destination für die Wintersaison. Einziges Problem: Zu manchem Felsen führt ein gefährlicher Pfad.
 
Klettern in Südspanien © Silke Lode
Klettern El Chorro-Das Paradies auf einen Blick: im Vordergrund die Hauptwand, hinten der Eingang zur Schlucht
Der Zug von Málaga nach El Chorro braucht 42 Minuten. Verpassen sollte man das schon etwas ältere Gefährt besser nicht, denn an dem winzigen Bahnhof im andalusischen Hinterland hält der Triebwagen nur einmal am Tag. Die beiden wichtigsten Attraktionen des Ortes sind nicht zu übersehen: Die hohen Felswände samt dem Eingang zu einer tief eingeschnittenen Schlucht haben El Chorro zu einem der bedeutendsten Sportklettergebiete in Europa gemacht. Und Isabellas Bar, die aus ein paar Plastikstühlen auf dem Bahnsteig besteht und sich jeden Abend zum Treffpunkt der Kletterszene verwandelt.

Die Vögel ziehen ihre Kreise

Trotz seines in Kletterkreisen großen Namens ist El Chorro keines dieser Gebiete, in dem nur die Elite auf ihre Kosten kommt. Zwar sind auch die Routen im fünften oder sechsten Grad oft senkrecht, doch damit haben zumindest Kletterer, die bereits in der Halle Erfahrung gesammelt haben, meist kein Problem. Umso großzügiger fallen dafür die Griffe im wasserzerfressenen, hellgrau bis tieforange gefärbten Kalk aus. Die beeindruckende Hauptwand »Frontales«, die schon bei der Anreise auffällt, liegt fast den ganzen Tag in der Sonne. Erfrischung an heißen Tagen bieten die wilden Wände in der Schlucht oder die kleineren Felsen rund um die Stauseen, deren Routen schon vor fast 100 Jahren angelegt wurden. Lange Routen, die sich zehn oder mehr Seillängen durch die Wände hinaufziehen, gibt es in allen Schwierigkeitsgraden. Doch meist werden nur die untersten dreißig bis vierzig Meter der Frontales-Wand beklettert, während die tief zerklüfteten Strukturen darüber das Reich der Vögel sind.

Die Abendstunden in der Poema-Höhle, die innerhalb der Hauptwand einen eigenen Sektor bildet, sind auch ihretwegen ein besonderes Erlebnis: Wer die nötige Armkraft für überhängende Sintersäulen mitbringt, kann sich hier austoben, bis selbst das Heben eines kleinen Bierglases in Isabellas Bar wenig später zur veritablen Belastung wird. Für weniger muskulöse Sicherungspartner oder gemütliche Kletterer sind die eigentliche Attraktion hunderte Dohlen und Raben, die gegen die Schwerkraft kämpfende Menschen mit ihren Flugmanövern verspotten und unter wilden Schreien um den besten Platz für die Nacht streiten. Noch weiter oben ziehen derweil Gänsegeier und Adler ihre weiten Kreise. Steif segeln sie über das Tal, direkt von der Sierra de Huma hinüber zu den Stauseen, nur gelegentlich lassen sie sich zu einem Flügelschlag hinreißen. Für die Kletterer sind die Vögel schnell ein vertrauter Anblick.

Nervenkitzel am Königspfad

Während die Begegnungen mit der Tierwelt in der Regel harmlos verlaufen, wartet am Rande der Schlucht ein nicht ganz ungefährlicher Nervenkitzel. Als die Spanier zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Staudämme und Seen über El Chorro anlegten, um mit Wasserkraftwerken Strom zu gewinnen, musste ein Versorgungspfad durch die extrem abweisende Schlucht gebaut werden. Aus Stahlträgern, gerade so breit wie Eisenbahnschienen, Ziegeln und Zement bauten die Arbeiter einen abenteuerlichen Pfad etwa auf halber Höhe der 200 Meter hohen Wände. An der schmalsten Stelle quert er die Schlucht über einem Wasserrohr und führt parallel zu den Bahntunnels der alten Trasse von Málaga nach Ronda bis hinauf zu einem der Staudämme.

Der Besuch von König Alfonso XIII, der 1921 den Staudamm eröffnete, gab dem wilden Weg seinen Namen: Caminito del Rey. An dem Königspfad hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen, zahlreiche Löcher im Boden eröffnen schwindelerregende Tiefblicke. Manchmal ist über mehrere Meter nur noch das Skelett eines Stahlträgers übrig. Doch bis heute ist der Pfad – und nicht der verbotene Weg durch die Eisenbahntunnels – der wichtigste Zustieg zu den Kletterrouten in der Schlucht. Vor allem aber ist der Camino eine Attraktion für klettersteigerfahrene Wanderer, denn immerhin ist entlang der Felswand ein Drahtseil neueren Datums gespannt, an dem man sich mit der entsprechenden Ausrüstung sichern kann. Ob die Sanierung des Weges tatsächlich bis Frühjahr 2015 abgeschlossen ist, kann derzeit niemand verlässlich sagen. Bis dahin ist die Hilfe eines ortskundigen Führers ratsam – oder äußerste Vorsicht, um nicht doch auf dem Speiseplan der Geier zu landen.

 
Text: Silke Lode
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