Kanzianiberg - Topo und Routen | BERGSTEIGER Magazin
Klettergarten am Kanzianiberg in Kärnten

Kanzianiberg - Topo und Routen

Was tun, wenn Mitteleuropa mal wieder im Sommerregen versinkt? Auf nach Kärnten! Am Kanzianiberg gibt es massenhaft Routen für alle Ansprüche.
Von Michael Pröttel
 
Klettergarten am Kanzianiberg in Kärnten © Michael Pröttel
Wie von Riesenhand hingeschleuderte Felsquader: der Große (links) und der kleine Prasvale
Nicht einmal aufs »global warming« ist mehr Verlass! Ausgerechnet im Sommer stellten sich in den letzten Jahren in Mitteleuropa kühlfeuchte Tiefdruckgebiete ein. Und Kletterer stellten sich die Frage, wo trockene Felsen zu finden sind. Am Gardasee, selbstverständlich. Arco ist deshalb seit Jahren überfüllt, und niemand denkt an Villach. Dabei ist das inneralpine Becken, in dem die Kärtner Hauptstadt liegt, klimatisch ausgesprochen begünstigt: Die Hohen Tauern halten teutonisches Gruselwetter fern, und von Süden strömt oft warme Mittelmeerluft ein. Außerdem ist die Anreise 50 Kilometer kürzer als zum Gardasee. Hauptargument für einen Klettertrip nach Kärnten ist aber ein Kalksteinmassiv, das in dieser Größe nur selten in einem Talboden zu finden ist: der Kanzianiberg.

Fels-GmbH

Dem Neuankömmling wird gleich klar, dass es am Kanzianiberg einiges zu tun gibt: Die beiden Hauptsektoren, zwei kompakte Riesenwürfel, sind schon aus der Ferne sichtbar. Dabei sind die nur das Eingangsportal zu einem Klettergebiet, das insgesamt nahezu 400 Routen umfasst. Ein Gebiet allerdings, das Ende der 90er Jahre um ein Haar geschlossen worden wäre: Damals drohte ein behördliches Kletterverbot, und die Kärntner Kletterszene war ratlos. Bis drei findige Bergführer die »Kanzianiberg-Betriebs-Gesellschaft« gründeten, die Felsen pachteten und eine Klettergartenordnung aufstellten. Somit waren ein paar offene Rechtsfragen geklärt und das Klettern fortan für jeden möglich. 

Auch für gehfaule Softmover. Die können sich zum Beispiel an den unweit des Parkplatzes verstreut herumliegenden Felsblöcken austoben. Oder zusätzliche 200 Meter Fußmarsch investieren: Im Sektor Unterer Sonnwendkopf gibt es eine reiche Auswahl an Routen im IV. und V. UIAA-Grad – »Obelix« (4c) zum Beispiel, »Falballa« (5a) oder »Asterix« (5b). Alle drei Routen weisen sehr moderate Bohrhakenabstände auf. Und alle drei Routen bieten sowohl technisch anspruchsvolle, als auch kraftige Kletterstellen – ideal zur Gewöhnung an das vielfältige Kärntner Felspotential. Da ist es auch zu verschmerzen, dass der Kalk nicht mehr ganz frisch ist. 

Kanonenfutter

Dem Flo wird die Kletterei in den leichten Routen schnell langweilig. »Das ist ja Wandern mit Seil!«, frotzelt er, belässt es aber nicht bei diesem Beitrag zur Gestaltung unseres ersten Kanzianiberg-Tages. »Lasst uns zur Westwand gehen, da gibt es nicht nur für euch einige gute Routen, sondern auch für mich!« Zwanzig Minuten später plagen wir uns steile Schotterserpentinen hinauf und befinden uns schließlich am Einstieg von »Kanonenfutter«. Eine 7b, die sich Flo nach eingehendem Studium des Kletterführers und einem Spähvorstoß ausgesucht hat. Das Schöne an dieser Route für uns Softmover: Ein bisschen weiter rechts zieht die »Kleine Westwand« empor. Eine derart homogene und lange 5c gibt es nicht oft – anhaltend senkrecht geht es an guten Leisten und schönen Löchern glatte 30 Meter dahin – da muss ich rauf! Allerdings mündet der Klettergenuss bei mir nach 25 Metern in schweren Kampf: Mit aufgepumpten Unterarmen wird der gefühlte Hakenabstand nämlich schier unendlich. Die Nähmaschine an meinen Füßen gibt mir den Rest. So weit es geht, strecke ich mich, clippe die vorletzte Sicherung – und halte mich schließlich an der Exe fest. Kurze Verärgerung, die aber schnell wieder verflogen ist und der Erkenntnis weicht, dass diese Route einen weiteren Durchstiegsversuch wert ist. 


Strahlende Sieger

Zwischendurch verdienen sich auch die anderen das abendliche Bad im Faaker See. Während Birgit und Kookie sich in »Alles palletti« auspowern, kämpft sich Silke durch eine Route mit dem durchaus ernstzunehmenden Namen »Schmidchen Schleicher« (6b+). Immer wieder gleiten ihre Finger von den fiesen Auflegern der Schlüsselstelle ab, und immer wieder münden die Ausrutscher in satten Stürzen.

Der nächste Tag sieht unsere fünfköpfige Truppe mit vier strahlenden Gesichtern. Wegen erfolgreich abgeschlossener Vortages-Projekte. Nur ein Gesicht ist noch etwas angespannt – Flos. »Kanonenfutter« steht darauf. Nach einem recht kurzen Aufwärmprogramm verschwindet er mit Silke zu seinem Projekt. Zuvor hat er uns noch ein Toprope eingehängt – den »Suppenkaspar« (6a+/6b). Zum Glück ist niemand da, der zuschaut, wie wir uns die steile Reibungsroute hinaufzittern. Recht schnell vergeht uns die Lust am Plattenschleichen, und so machen wir uns recht bald wieder in Richtung Westwand auf. Kaum dort angekommen, läuft ein nun auch strahlender Flo die Schotterhänge herunter. Seine 7b hat er in der Tasche! 

Befreit von der Last des Projektes (wer schon mal mehrere Versuche in eine Route investiert hat, weiß, wie angespannt man da sein kann!) tänzelt Flo die  überhängende Südwestkante am Kleinen Prasvale hoch. War ein Wunsch von mir, dass er die fotogene Route klettert. Per Teleobjektiv bin ich ganz nah an seinen Bewegungen dran. Verfolge seine Moves, halte 36 Positionen auf einem Diafilm fest, bin nur darauf konzentriert vorwegzudenken, welcher Move als nächster kommt und wie der im Foto ausschauen könnte. Bis Flo die Umlenkung clippt. Ich öffne die Brennweite, und plötzlich springt mir durch den Sucher der ganz besondere Reiz des Kanzianiberges ins Auge: Hohe, klare und senkrechte Kanten und Wände inmitten des lieblichen, von der Sonne verwöhnten Drautales.

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Text und Fotos: Michael Pröttel
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