Free Solo am Grand Capucin | BERGSTEIGER Magazin

Free Solo am Grand Capucin

Er ist ein gewaltiger Granitobelisk im Schatten des Mont Blanc. Seine senkrechte Ostwand zählt zu den schönsten Wänden in den Alpen. Eine Herausforderung für jeden Felskletterer. ALEXANDER HUBER hat diese Herausforderung in letzter Konsequenz angenommen. Von Andreas Kubin (Text) und Heinz Zak (Fotos)

 
Phantastischer Fels und eine hochalpine Umgebung – Faszination Grand Capucin; im Hintergrund Aig. Noire, Aig. Blanche und Mont Blanc du Courmayeur © Heinz Zak
Phantastischer Fels und eine hochalpine Umgebung – Faszination Grand Capucin; im Hintergrund Aig. Noire, Aig. Blanche und Mont Blanc du Courmayeur
Die beiden Dohlen am Gipfel des Grand Capucin staunten nicht schlecht, als plötzlich ein einzelner Kletterer aus der Südostwand ausstieg. Kletterer sind dort oben ja keine Seltenheit, aber ein Alleingeher durchaus, zumal dieser weder Seil noch Sicherungsmaterial dabei hatte. Er setzte sich auf eine Felsplatte, nahm den Steinschlaghelm ab und öffnete die Kletterschuhe. Neugierig kamen die beiden Dohlen näher, in der Hoffnung, etwas Essbares zu ergattern. Aber der Kletterer hatte scheinbar nichts zum Essen dabei — er saß nur da und schaute in die gewaltige Bergwelt ringsum…

In einer anderen Umgebung wäre der Grand Capucin mit seiner Gipfelhöhe von 3838 Metern ein gewaltiger Granitberg. Aber er steht buchstäblich im Schatten der höchsten Berge der Alpen und verblasst als Abschluss-Gendarm des Teufelsgrates am Mont Blanc du Tacul. Deshalb dauerte es auch bis ins Jahr 1924, ehe das erste Mal Menschen auf seinem Gipfel standen. Doch das bergsteigerische Interesse am »Großen Kapuziner« erwachte erst 1951, als der legendäre Walter Bonatti zusammen mit Luciano Ghigo in vier Tagen durch die 400 Meter hohe, senkrechte Ostwand kletterte – unter Einsatz aller damals bekannten künstlichen Hilfsmittel wie Haken, Holzkeilen und Trittleitern. Seitdem zählt die Ostwand zu den begehrtesten Zielen für Extremkletterer im Mont-Blanc-Gebiet. Der perfekte, rotgelbe Granit, die großartigen Risslinien in der Ost- und der Südostwand, die Schönheit der Kletterei und letztendlich die hohen Schwierigkeitsgrade der Routen locken Felskletterer aus aller Welt an. Heute durchzieht ein gutes halbes Dutzend Routen die Wand, und am oberen Ende der Schwierigkeitsskala steht die »Voie Petit« (8b, nach UIAA X), erstbegangen im Jahr 1997 von dem französischen Sportkletterer und Bergführer Arnaud Petit; seit der ersten Rotpunkt-Begehung durch Alexander Huber im Jahr 2005 ist dies die vermutlich schwierigste Felskletterei im Mont-Blanc-Massiv.

Kompromisslos und brutal
Und dieser Alexander Huber ist nun zum Grand Capucin zurückgekommen. Er ist es, der am 5. August am höchsten Punkt sitzt, und von dem die beiden Dohlen unbedingt etwas Essbares erwarten. Eine knappe Stunde nur hat es gedauert, bis er am höchsten Punkt war – nachdem er free solo durch die markante Rissreihe der »Voie des Suisses« geklettert war. 1956 hatten vier Genfer Kletterer  diese Route durch die Südostwand entdeckt und mit den damals üblichen Hilfsmitteln durchstiegen, meist im V. und VI. Schwierigkeitsgrad, weiter oben auch hakentechnisch. Da diese hakentechnischen Passsagen jedoch oft feucht sind und zudem splittrigen Fels aufweisen, hatte Alexander für seinen Alleingang eine Variante durch ein verstecktes Risssystem gewählt, das im VII. Schwierigkeitsgrad  links der Originalführe zum Gipfel leitet.

Free solo – die kompromissloseste Form des Kletterns! Die Regeln sind so einfach wie brutal: Seilsicherung ist ebenso verboten wie die Benutzung von Haken als Griff- oder Trittersatz, Klettern ohne Netz und doppelten Boden, jeder Fehler wird mit dem Tod bestraft. Nur mit der kompletten Hingabe von Körper und Geist an die gestellte Aufgabe ist der Erfolg möglich: »Leben an den Fingerspitzen«, nannte es Sportkletter-Pionier und Solokletterer Patrick Edlinger einmal. Alexander Huber hatte schon mehrmals durch kühne Free-Solo-Begehungen für Aufsehen in der Kletterwelt gesorgt. So 2002, als er solo durch die legendäre »Direttissima« (VIII+) an der Nordwand der Großen Zinne kletterte oder 2006, als er free solo durch die Südwand des Dent du Géant (4013 m) in unmitelbarer Nachbarschaft des Grand Capucin stieg (VII+). So war  es die logische Konsequenz, dass Alexander auch die schönste Granitwand im Mont-Blanc-Massiv auf seiner Wunschliste  stehen hatte.

In diesem Jahr war es dann soweit: Im Juli unternahm er zusammen mit seinem Freund Werner Strittl eine Erkundungstour zum Grand Capucin und kletterte in Seilschaft zum ersten Mal durch die »Voie des Suisses«. Aber beim Free-Solo-Klettern muss  man nicht nur seilfrei hinauf-, sondern auch wieder hinunter klettern. Als Alexander und Werner über den nordseitigen Normalweg abklettern wollten – normalerweise wird nach einer Durchsteigung der Ostwand über die Wand wieder abgeseilt –, war die Überraschung perfekt! Die Erstbesteiger (Adolphe und Henri Rey sowie E. Augusto und L. Lanier) hatten in eine kompakte, senkrechte Granitplatte im Abstand von fünf Metern dicke Eisenstangen gebohrt, welche sie damals wohl mit Seilen und Leitern zu einer Art »Klettersteig« verbunden hatten. In freier Kletterei absolut unmöglich! Es musste also eine andere Möglichkeit gefunden werden, um ohne Seilhilfe wieder vom Gipfel herunterzukommen…

Der schwierigste Alpengipfel
Eine Woche später war Alexander wieder am Grand Cap – diesmal mit dem Südtiroler Kurt Astner, um nach einer freien Abstiegsmöglichkeit zu suchen: Aber es gab  nur eine – die »Voie des Suisses«! Sie ist in freier Kletterei die leichteste Route am Berg und der Grand Capucin damit der Alpengipfel mit dem schwierigsten Normalweg! Eine kleine Sensation, denn bislang war der formschöne Granitzacken zwar von allen Kletterern wegen seiner Ostwand bewundert worden – die Tatsache jedoch, dass er einen »Normalweg« mit dem Schwierigkeitsgrad VII aufzuweisen hat, macht ihn nun tatsächlich zum schwierigsten Berg in den Alpen. Wenn dies keine Herausforderung für einen Kletterer ist! Noch dazu für jemanden, der sich wie Alexander Huber dem Free Solo verschrieben hat. Aber die »Voie des Suisses« im Abstieg? 350 Meter senkrechten Granit, teilweise im VII. Schwierigkeitsgrad, abklettern? Ein Job, bei dem bereits der Gedanke daran einem »Normal«kletterer Schauer den Rücken hinunter jagt. Ein Job, dem sich ein Ausnahme-Alpinist wie Alexander jedoch zu stellen bereit ist…

Der 5. August soll zum Tag der Wahrheit werden. Die Wetterbedingungen sind perfekt, der Himmel bedeckt, sämtliche Risse in der Ostwand trocken, der Firn auf dem Glacier du Géant hart gefroren, die Brücken über die Gletscherspalten – für Alleingeher stets ein großes Risiko – tragen solide. Die hundert Meter durchs Einstiegscouloir dienen für Alexander zum Warmlaufen, auf den Bändern am Beginn der Kletterei werden die Bergschuhe und Steigeisen deponiert, die Füße schlüpfen in die weichen Kletterpatschen. Tief durchatmen, zwei-, dreimal in den Magnesiabeutel gelangt, um den Handschweiß zu trocknen – und durchstarten. Die Kletterbewegungen sind rhytmisch, gleichmäßig – Riss, Verschneidung, wieder Riss, klemmen, spreizen, piazen. Manche behaupten ja, dass Granitklettern eintönig sei – nicht für Alexander, der immer wieder betont, dass der Fels am Grand Cap für ihn der schönste auf der Welt sei. Nach 59 Minuten ist ein Klettertraum aus Granit zu Ende und die Ostwand hat ihre erste Free-Solo-Be-gehung…

Abklettern im VII. Grad
Die beiden Dohlen haben keine Chance, der Kletterer hat nichts Essbares bei sich. Die Vögel kreisen über ihrem Gipfel, sind in ihrem Element, lassen sich treiben im Luftzug des Windes. Alexander Huber zieht die Laschen seiner Kletterschuhe fester und macht sich an den Abstieg – 350 senkrechte Meter hinab, über die Gipfelabdachung einsteigen in die Vertikale. Ungewohnt sind Bewegungen des Abkletterns, höchste Konzentration ist gefragt, um nicht die Orientierung zu verlieren, dazu der ständige Blick nach unten ins Einstiegscouloir 400 Meter tiefer, durch das hin und wieder ein vereinzelter Stein hinunterpoltert… Nach eindreiviertel Stunden ist Alexander unten bei seinen Schuhen und Steigeisen. Die Luft ist kalt, Schritt für Schritt hinab durch das Einstiegscouloir, dessen Firn immer noch  halbwegs durchgefroren ist. Die Firnbrücke über der Randkluft ist die letzte heikle Passage für Alexander, dann steht er unten auf dem flachen Glacier du Géant.

Der Blick zurück ist voller Emotionalität: Der Einsatz war gewaltig – das Leben. Aber es war kein Spiel mit dem Leben – jeden Augenblick, da ist sich Alexander sicher, hatte er seine Aktion »im Griff«. Bei der Höhe dieses Einsatzes sind die Gefühle gigantisch, die der Berg dem Kletterer in solchen Augenblicken schenkt: einen Moment, in dem es weder Gestern noch Morgen gibt – nur das Jetzt, das sich unauslöschlich in die Erinnerung einbrennt. Emotionen sind subjektiv und lassen sich mit Worten nicht beschreiben. Objektiv bleibt die erste Free-Solo-Besteigung des Grand Capucin und – wenn man es genau nimmt – die Erstbesteigung des schwierigsten Alpengipfels »by fair means«. Während Alexander Huber langsam über den Glacier du Géant Richtung Turiner Hütte absteigt, kreisen über dem Gipfel des Grand Capucin zwei Bergdohlen…
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