20 Jahre Plaisirklettern

Vor 20 Jahren erfand der Schweizer Jürg von Känel das Plaisirklettern – ein Glücksfall für die Kletterszene. Bei der Entwicklung des Plaisirkletterns herrschte aber nicht immer nur eitel Sonnenschein – ein Rückblick.

 
20 Jahre Plaisirklettern © BERGSTEIGER
»Plaisir« heißt in der Sprache der Kletterer: gut abgesichert, fester Fels, keine Gefahr für Leib und Leben; die Wände über dem Tannheimer Tal sind ein Paradies für Genusskletterer.
Einige Kletterer hatten den Schrei gehört. Und erst einmal gedacht, was man so denkt, wenn man beim Klettern einen Schrei hört: »Da stürzt einer ins Seil.« Aber der Schrei war länger. Er war anders. Und er endete anders. Man wusste, dass etwas passiert sein musste – an jenem Frühlingstag 1997 starben an der Roten Flüh in den Tannheimer Bergen drei Menschen bei einem Seilschaftssturz. Weil ein Zwischenhaken und der einzige Standhaken nicht gehalten hatten.

Im Jahr 1997 waren die Ostalpen noch fast »plaisir«freies Gebiet. Die Dolomiten sowieso, aber auch die Nördlichen Kalkalpen. Gut, an der Schüsselkarspitze waren einige Klassiker saniert worden. Und auch im Kaisergebirge ging es ähnlich voran. Insgesamt gesehen war die Sanierung der Ostalpenrouten damals jedoch in etwa so weit fortgeschritten wie die Sanierung des griechischen Haushalts Anfang 2012. Außerdem: Was heißt schon Sanierung? Mehr als gebohrte Standplätze und vereinzelte Bohrhaken dazwischen darf man da nicht erwarten. »Plaisir« geht anders.

»Plaisir« steht für Genuss

In der Schweiz gab es im Jahr 1997 bereits zahlreiche gut gesicherte leichtere Routen. Wirklich gut gesicherte Routen. Also Routen, die auch ohne jahrzehntelange alpine Erfahrung mit überschaubarem Risiko geklettert werden können. Und es gab seit 1992 einige Kletterführer mit dem Titel »Schweiz plaisir«. Kurz gesagt: Die Schweiz war schon damals ein Paradies für Plaisirkletterer. Der Grund für die Zustände in Helvetia hieß Jürg von Känel. Mit vielen harten Erstbegehungen hatte sich der Bergführer aus dem Berner Oberland in den 70er und 80er Jahren einen Namen gemacht, bevor er einen Schritt tat, der mit dem Normalkarriereverlauf eines Spitzenkletterers wenig zu tun hat: 1992 setzte er den legendären Satz »Reichenbach, an einem furchtbar kalten Wintertag« unter das Vorwort eines Kletterführers – es war das Vorwort zum ersten Band von »Schweiz plaisir«. Einen Auswahlführer für leichte und gut gesicherte Alpinrouten hatte es zuvor tatsächlich noch nicht gegeben. Und einen wie »Schweiz plaisir« erst recht nicht: Um einen üppigen Inhalt bieten zu können, reiste Jürg von Känel nicht nur kreuz und quer durch die Schweizer Berge und suchte nach Routen, die den von ihm definierten Plaisir- Ansprüchen genügten. Darüber hinaus richtete er selbst viele Routen ein, die sich vor allem durch hervorragende Absicherung mit soliden Bohrhaken auszeichneten.

Warum steckt ein Spitzenkletterer seine gesamte Energie in die Erschließung und Beschreibung von Routen, die weit unter seinem eigenen Kletterniveau liegen? Ist es die Lust am Ungewöhnlichen? Oder Perfektionismus? Der Spaß an der Erschließung von Neuland? Selbst Bernhard von Dierendonck, ein guter Freund Jürg von Känels, weiß die Frage nicht wirklich zu beantworten. Fest steht: Auf die Plaisir-Idee kam Jürg von Känel dank seiner Frau und seiner drei Kinder. Bei Kletterurlauben mit ihnen stellte er fest, dass in Südfrankreich nicht nur der Fels hervorragend war, sondern auch die Absicherung in leichten Routen – im Gegensatz zu den heimischen Gefilden. Wahrscheinlich liegt es auch an Südfrankreich, dass Jürg bei der Suche nach einem passenden Begriff für sein Werk auf »Plaisir« gekommen ist. »Plaisir« – vielleicht nicht unbedingt naheliegend, aber immer noch besser als »Genussklettern«. Leicht frivoler Unterton gegen Sexappeal eines Ackergaules. Außerdem historisch unbelastet. Auf jeden Fall hatte Jürg von Känel den richtigen Riecher für einen neuen Trend im Felsklettern. Und deshalb verbreitete sich das Plaisirklettern nicht nur immer stärker über die Schweiz, sondern griff auch auf die Ostalpen über.

Zwei Spielarten des Kletterns

»Euch g’hört d’Fotz’n vollg’haut«, bekamen zum Beispiel Fritz Amann und Josef Brüderl, zwei Erschließer von Plaisirrouten in den Berchtesgadener Alpen, immer wieder von Kollegen aus der Kletterszene zu hören. Auf hochdeutsch: »Man sollte euch verprügeln«. Das Vergehen der beiden war, dass sie das Känel’sche Routenkonzept auf die Berchtesgadener Alpen übertragen haben. »Ihr bohrt uns die Wände kaputt«, lautete das Argument, das ihnen und ihren immer zahlreicher werdenden Mitstreitern von den Traditionalisten entgegen gebracht wurde. Der Widerstand gegen Plaisir ging so weit, dass sich die Bewahrer der Klettermoral im Herbst 2002 in Innsbruck zu einem Kongress trafen. Zwar ging es dort um die Ethik beim Bergsteigen im Allgemeinen, wichtigster Programmpunkt war nach Bekunden namhafter Teilnehmer allerdings »die Aussprache über das durch Bohrhaken gesicherte Klettern«.

Im Abschlussdokument des Kongresses, der so genannten »Tirol Deklaration«, steht denn auch: »Wir sind bestrebt, den ursprünglichen Charakter aller Kletterführen zu erhalten.« Jetzt kann man natürlich fragen, was der ursprüngliche Charakter von Kletterrouten sein soll, und, falls es ihn gibt, ob es möglich ist, diesen über die Jahrzehnte zu erhalten. Nur zur Erinnerung: Bei den Erstbegehungen der heutigen Klassiker begaben sich die damals Besten zumeist auf Himmelfahrtskommandos… Zehn Jahre nach der »Tirol Deklaration« und 20 Jahre nach der Erfindung von Plaisir wissen wir: Der Widerstand gegen die Plaisirwelle war zwecklos. Plaisirrouten gibt es mittlerweile überall in den Ostalpen, wo mehr als hundert Meter fester und griffiger Fels am Stück geboten sind. Und wenn man ehrlich ist, sind es vor allem diese Routen, die die alpine Kletterszene lebendig halten. Während zum Beispiel die sonnige Südseite des Kaisers mit ihren Routen rund um das Schneekar oder die Klettereien am Totenkirchl-Sockel äußerst beliebt sind, gibt es kaum noch Kletterer, die sich für die schattigen Eingeweide der brüchigen Laliderer-Nordwand begeistern mögen.

Wer hat Angst vor »Plaisir«?

Es sind doch genau die vielen Möglichkeiten, sich zu verwirklichen, die das Klettern bietet und diesen Sport so wunderbar machen. Warum also der erbitterte Widerstand gegen Plaisir? Die Antwort ist einfach: Weil einzelne Gruppen in der Kletterszene, die sich für besonders wichtig halten, Angst um ihre Pfründe haben. Die Bergführer fürchten um ihre Arbeit; sie glauben, ihre Dienste seien in Plaisirrouten nicht mehr gefragt. Die Extremkletterer fürchten um ihren Spielplatz; sie meinen, Plaisir überziehe allen Fels flächendeckend mit Bohrhaken. Und die Traditionalisten fürchten um die heile Bergwelt; sie glauben, mit der Plaisirwelle walze der Kommerz den hehren Alpinismus platt. Den Bergführern kann man entgegenhalten: In der Schweiz ist der Markt eher größer geworden. Durch Plaisir gibt es viel mehr Kletterer, die von den Bergführern was lernen wollen. Den Extremen sei versichert: Es bleibt genug Platz, und keiner will die schwierigen und gefährlichen Wandfluchten in Plaisirgelände verwandeln. Nur die Traditionalisten wird man nicht wirklich trösten können … In den Dolomiten haben sich die Bergführer mit den Traditionalisten zusammengetan und das Plaisirklettern aus ihren Wänden weitgehend ferngehalten.

Das Ergebnis ist allerdings recht merkwürdig, wie das Beispiel der klassischen Schleierkante in der Palagruppe zeigt: keine Bohrhaken weit und breit, nur Normalhaken, und die sind auch nicht besonders üppig gestreut. Spannend ist das vor allem am zweiten Steilaufschwung, der Schlüsselpassage. Der Normalkletterer muss dort nach der ersten Seillänge mit einem Schlingenstand an mäßigen Normalhaken Vorlieb nehmen. Einheimische Bergführer und ihre Kunden haben es da schon besser: Die führen nämlich eine Bohrhakenlasche und eine Mutter mit sich, schrauben beides auf eine Gewindestange, die um die Ecke in einer versteckten Einbuchtung steckt, und schon ist der sichere Standplatz perfekt – Plaisirklettern exklusiv sozusagen.

Toni Freudig ist auch ein Bergführer, einer aus dem Allgäu. Beim Thema Sicherheit hat er andere Schlüsse gezogen als seine Kollegen aus dem Süden. Drei Tage nach jenem grausigen Unfall im Jahre 1997 stieg er entlang der Blutspuren durch die Südwand der Roten Flüh und setzte sichere Bohrhaken als Stand- und Zwischensicherungen. Wie zu erwarten war, musste er dafür herbe Kritik einstecken. Vor allem aber erntete er Zuspruch: Bei einer Veranstaltung im Allgäu einen guten Monat später spendeten Kletterer auf Anhieb fast 2000 Mark für die weitere Sanierung der Routen an Gimpel & Co. Heute ist das Tannheimer Tal bei Plaisirkletterer sehr gefragt. Bohrhakenlaschen und Muttern wie an der Schleierkante muss dort keiner dabei haben.
20 Jahre Plaisirklettern
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2012. Jetzt abonnieren!
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