Das Meer unter dir - Fünf Tage durch das Tennengebirge

Überschreitung des Tennengebirges

Die Weite, der Mangel an Wasser, das Balancieren zwischen Höhlentrichtern – eine Überschreitung des Tennengebirges ist eine Herausforderung. In der Regel bleibt man für sich allein.
 
Überschreitung des Tennengebirges © Iris Kürschner
Überschreitung des Tennengebirges
So viel wir uns durch Zeitschriften und Bücher wühlen, vom Tennengebirge gibt’s nicht viel. »Terra incognita« nannte es dereinst Freiherr Guido von Sommaruga, und so scheint es geblieben zu sein. Sommaruga gehörte zu jener Gruppe bergbegeisterter Männer, die 1862 den Österreichischen Alpenverein ins Leben rief. Drei Jahre später machte sich der damals 23-jährige Jurastudent mit seinem Bruder auf, um eine Überschreitung des Tennengebirges zu wagen. Allerlei Schauergeschichten wurden ihnen aufgetischt »von Jägern und Hirten, die, einer Gämse folgend oder verstiegenes Vieh suchend über die steilen Felswände sich zu Tode gestürzt, von Touristen, die vom Nebel überfallen trotz dem besten Führer aus dem Felsgewirre den Ausweg nicht zu finden gewusst hätten und eines elenden Hungertodes gestorben wären«, schreibt Sommaruga in seinem 1866 veröffentlichten Bericht. Der einzige Führer, den sie fanden, bat, zur Verstärkung noch eine zweite Person mitnehmen zu dürfen. Schlussendlich mussten die Brüder aber wegen mangelnder Geländekundigkeit der Begleiter ihre Pläne umschmeißen und erkundeten das Karstplateau von den Randbereichen aus. So wie das auch heute die meisten tun. Das mag an der bescheidenen Hütteninfrastruktur liegen oder an der Beschwerlichkeit der Wege. Bei Nebel ist die Orientierung ein ernsthaftes Problem.

Tennengebirge - Oase in der Wüste

Der isoliert stehende Gebirgsstock, durch die Salzach vom Hagengebirge und Hochkönig, durch die Lammer vom Dachsteinmassiv getrennt, wirkt wie eine unnahbare Trutzburg. Himmelhohe Wandfluchten, zwischen denen es nur wenige Zugänge gibt. Durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Die bisher etwa 1000 dokumentierten Höhlen sind nur ein Bruchteil. Die Eisriesenwelt in den Südabstürzen des Hochkogels, dort, wo die Burg Hohenwerfen den Durchbruch der Salzach bewacht, ist die berühmteste.

Der höchste Gipfel in der westlichen Randumwallung des unter Naturschutz stehenden Hochplateaus ist der Tiroler Kogel (2323 m), ein verhältnismäßig kurzer Abstecher auf dem Weg zum Happisch-Haus. In der gemütlichen Hüttenstube bullert der Schwedenofen und die Küche tischt Köstlichkeiten auf: Gamssuppn, Gsöchts, Kasspozn und eine Megaportion Kaiserschmarrn. Am nächsten Morgen lässt die Sonne in der gläsernen Wasserschale vor der Hütte Juwelen glitzern. »Brunnen der Ewigen Jugend« steht dran. Ein mehr als zwei Kilometer langer Schlauch leitet das Wasser von einer der raren Quellen heran. Fehlendes Oberflächenwasser setzt der Hütteninfrastruktur starke Grenzen.

Wie auf einem steinernen Gletscher

Die kargen Grasmatten gehen bald wieder in Gesteinswüste über, als wir vom Happisch-Haus bergwärts steigen. Von der Edelweißer Hütte wollen wir anderntags unsere Überschreitung fortsetzen. Die Mitglieder des Edelweiß-Clubs bewarten sie nur an Wochenenden. Unter der Woche, wie jetzt, steht ein Winterraum mit vier Betten und ohne Ofen zur Verfügung. Vom Streitmandl wirkt der Bleikogel so nah. Doch es geht nur langsam vorwärts. Das wild zerklüftete Gelände, der oft messerscharf gerippte Fels erfördert höchste Konzentration. Überall Risse und Spalten, kleine und große Löcher. Als wären wir auf einem steinernen Gletscher unterwegs.

In einer grünen Karstwanne, überm »Mankeibuckl«, dem Zuhause unzähliger Murmeltiere, thront die Laufener Hütte. Liegestühle stehen bereit, in die wir uns reinplumpsen lassen. Wenig später zischt Bier durch die trockenen Kehlen. Auch wenn das Haus umwelttechnisch auf den neuesten Stand gebracht wurde, bleibt die einstige Hüttenphilosophie erhalten. Der Gast versorgt sich selbst, die Küche steht ihm zur Verfügung. Die wöchentlich wechselnde Crew ist nur für die Getränke zuständig, serviert auf Wunsch aber gerne eine Suppe. Dem vom DAV Laufen geführten Haus wurde 2001 das Umweltgütesiegel der Alpenvereine verliehen.

Klippentour – fast wie am Meer

In den Halden der Tagweide nordöstlich der Laufener Hütte sollen sich Massen an Korallen und Seelilien befinden, am Grießkogel versteinerte Schnecken und Kopffüßler. Geologisch gesehen ist das Tennengebirge eine mächtige Riesenscholle verfestigter Meeressedimente, während der Alpenfaltung über zweitausend Meter empor gedrückt. Wie eine Brandung wogen Wolken an den jähen Abstürzen. Schwindelnd der Blick vom Kleinen Fritzer Kogel in die Gamsmutterwand. Für noch mehr Adrenalin sorgt eine kurze Kletterpartie in eine scharf eingerissene Scharte, dann macht das breite Rasendach des Hochbretts eine schnellere Gangart möglich. Ganz nah nun der Dachstein, in der Ferne die erhabene Gletscherwelt der Tauern und unter uns die weißen Wellen des Hochplateaus. Erst im Steilabstieg von der Tauernscharte zur Hackel-Hütte merken wir, wie müde unsere Beine sind. Der Salzburger Almenweg ist beschaulicher Ausklang zwischen Jausenstationen und den haarsträubend steilen Wänden der »terra incognita«.
Text: Iris Kürschner, Dieter Haas
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 12/2014. Jetzt abonnieren!
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren