Eine Tour, zehn Tage, drei Berichte

Die »Tour du Mont Blanc«

Sie ist die großartigste Rundwanderung in den Alpen – kein Wunder, denn man umrundet den höchsten Berg, den Mont Blanc. Zehn Tage dauert die »Tour du Mont Blanc«, zu der im vergangenen Sommer drei Mädels aus Oberbayern aufgebrochen sind.

 
Er macht seinem Namen alle Ehre! »Der Monarch« Mont Blanc zeigt sich von Westen in seiner ganzen PrachtEr macht seinem Namen alle Ehre! »Der Monarch« Mont Blanc zeigt sich in seiner ganzen Pracht © Thomas Ebert
Er macht seinem Namen alle Ehre! »Der Monarch« Mont Blanc zeigt sich in seiner ganzen Pracht
Jeder Berg hat einen Charakter. Sobald ich ihm näher komme, verwandelt er sich vom leblosen, mit Eis überzogenen Steinhaufen zu einem Wesen mit menschlichen Zügen. Der Mont Blanc ist für mich der Großvater der Alpen. Die aufregenden Ereignisse um seine Entstehung und Entdeckung hat er längst hinter sich. Hie und da schüttelt er ein paar kitzelnde Ameisen ab – was juckt ihn das Leben Einzelner, es kommen ja ohnehin so viele von diesen winzigen Kreaturen nach und klettern auf ihm herum, als wäre er ein Spielplatz. Aber er ist Seine Majestät, der König der Alpen, vor Jahrhunderten von den Menschen gekrönt, und auch noch hat er das Zepter in der Hand. Ein dicker weißer Mantel umhüllt seine Schultern. Inmitten dieser weiten Wogen ruht er gelassen auf seinem Thron und sinniert ins Blaue über ihm. Unter ihm und um ihn herum drängen sich seine weniger bedeutsamen Familienmitglieder. Emsig buhlen sie mit jedem noch so kleinen verfügbaren Spitzelchen um die Aufmerksamkeit – um die der Welt da unten, wo es wuselt und lärmt und qualmt. Schließlich sind die winzigen Menschen ja diejenigen, die über die Bedeutsamkeit eines Steinhaufens entscheiden.

Seine Majestät der Mont Blanc lüftet den Schleier

Den Mont Blanc haben sie zu einem der bedeutsamsten Berge in den Alpen gemacht. Vielleicht nicht ganz so wie das Matterhorn, aber den Superlativ »Der Höchste« kann ihm keiner nehmen. »Der Höchste« – darunter habe ich mir, warum auch immer, unwirtliche Täler und raue, von Gletschern durchzogene Natur vorgestellt. Natürlich ist es das nicht, Dagmar, du Dummerchen! Die Täler platzen vor Infrastruktur: Straßengewinde am Talboden, Gondeln und Zahnradbahnen rechts und links hinauf, Souvenirstände an den entlegensten Ecken und überall Wegweiser, damit sich niemand auf seiner Aussichtstour verirrt…Gerlinde macht sich einen Spaß draus: Während alle emsig Postkartenfotos schießen, hält sie ihre Kamera auf die Beschilderung – mit den Worten »Ihr seid noch mal dankbar, wenn ihr ohne das hier nicht mehr aus dem Gewusel rausfindet.« Jeder will den Höchsten einmal gesehen haben. Alle versuchen sie, ihm möglichst dicht auf den weißen Pelz zu rücken, was Seine Majestät nachsichtig geschehen lässt – bei Gerlinde zumindest, als sie ihm vor einer Woche aufs Haupt gestiegen ist.

Von der französischen Seite aus, wo sein Mantel weit bis ins Tal hinunter wallt, sieht der Zugang einfacher aus. Überall an den umliegenden Hängen – La Flégère, Le Brévent und allen voran die Aiguille du Midi – führen Gondelbahnen nach oben und konkurrieren um die Auszeichnung »schönster Aussichtsplatz auf den höchsten Berg«. Ich gebe ja zu, ich bin auch eine von denen, die ihre Hälse recken und ihre Fotoapparate zücken, sobald Seine Majestät ein paar Minuten lang die Nebelschleier lüftet.

Am meisten genieße ich aber die Momente, wenn ich mich ganz mit ihm allein wähne. Wenn neben mir im Finstern der Cabane de la Flégère das gleichmäßige Atmen von Lisa und Gerlinde davon zeugt, dass sie sich weit weg im Reich der Träume befinden. Wenn dann ein dünner, seicht-blauer Streifen am Horizont auftaucht und die Gletscherströme vor mir tiefblau und geheimnisvoll zu leuchten beginnen. Und wenn plötzlich etwas aufglimmt dort droben, am höchsten Punkt der Alpen. Verschlafen schielt der Mont Blanc auf mich herunter, auf mich, die einzige vielleicht, die zu dieser Stunde in seine Betrachtung versunken ist. Von Gerlinde weiß ich, dass genau in diesen Minuten zahlreiche Alpinisten dem strahlenden Haupt entgegen schnaufen. Aber ich sehe diese Ameisenstraße von hier aus ja nicht. Nur den stillen, riesigen Rücken, über den sich – verschwenderisch, wie es einem König gebührt – langsam das Gold ergießt. Sein genüssliches Morgenbad.

Nur wenige Minuten später raschelt es rechts neben mir. Das verschlafene Gesicht von Gerlinde taucht aus dem Schlafsack auf: »Sieht man schon was?«, gähnt sie mich an. »Noch keine Wegweiser, Gerlinde«, spöttele ich. Dann überlasse ich ihr den Platz am Fenster – ich hatte meine Audienz bei Seiner Majestät unter vier Augen bereits gehabt…

(von Dagmar Steigenberger)

Die »Tour du Mont Blanc« – nach einer Hochtouren-Woche stelle ich mir das richtig erholsam vor. Kein Aufstehen mitten in der Nacht, kein Aufbruch im Dunkeln, kein schwerer Rucksack mit Pickel, Seil und Steigeisen. Mein Gepäck ist angenehm leicht. Beunruhigend leicht. Ich gehe den Inhalt immer wieder im Geiste durch und bin der Meinung, dass alle Wanderutensilien drin sind.

Am ersten TMB-Tag lädt der Blick aus dem Fenster nicht gerade zum Aufbruch ein. Aber es hilft ja nichts! Wir streifen die Regenhüllen über und ziehen los. Den ganzen Marsch lang frage ich mich, ob man von hier aus den Mont Blanc schon sehen könnte, wenn der Nebel nicht wäre. Als wir am See ankommen, reißt es leicht auf – wenigstens erkennen wir jetzt die Umrisse des Ufers. Ich gehe meiner Lieblingsbeschäftigung nach und fotografiere die Wegbeschilderung – etwas anderes sieht man ohnehin nicht. Mangels Sonnenbank beschließen wir, uns im Chalet du Lac Blanc mit einer heißen Schokolade und einer Suppe aufzuwärmen. Vielleicht wird’s ja derweil etwas mit dem Schönwetter. Pünktlich, als wir uns an den Abstieg zum Refuge La Flégère aufmachen, setzt Starkregen ein. So ungemütlich wie es hier ist, sehne ich mich fast schon wieder zurück auf die Cosmiques-Hütte. Da oben spucken sie wahrscheinlich gerade in die Nebelsuppe zu ihren Füßen. Als wir vor einer Woche dort waren, trübte kein einziges Wölkchen den blauen Himmel.

Der Mont Blanc führt Regie

Die folgende Etappe zum Brévent belohnt uns endlich mit einem Blick auf den Mont Blanc. Immer wieder betrachte ich fasziniert den höchsten Gipfel der Alpen. Wie er da liegt, erhaben und mächtig, als ob ihn nichts aus der Ruhe bringen kann. Ich zeige den Mädels den Routenverlauf unserer Mont-Blanc-Überschreitung: von der Cosmiques-Hütte den Gletscher hinauf zum Tacul – Wahnsinn, sieht das von hier steil aus –, rechts rüber zum Maudit, dann ein nerviges Auf und Ab, bis wir endlich den Gipfel erreicht haben. Bestimmt steht zu diesem Zeitpunkt wieder eine Seilschaft erschöpft dort oben und freut sich unbändig, es geschafft zu haben.  Wir indessen haben unser heutiges Tagesziel noch lange nicht geschafft. Die Mädels haben mir die Aufgabe zugewiesen, auf unseren Zeitplan zu achten. Gegenüber dem Mont Blanc bin ich jedoch machtlos. Immer wieder bleiben die beiden voller Bewunderung stehen, und ich suche derweil nach den Routen unserer Hochtouren der Woche zuvor: den Cosmiques-Grat, die Überschreitung, die Tour auf den Mont Blanc du Tacul und der Nordostgrat zum Mont Maudit. Hat auch seinen Reiz, die Routen von hier unten zu sehen, umgeben von soviel Grün.

Im Westen des Massivs wird es immer grüner. Wir lassen die Gletscher links liegen und treffen erst wieder zwei Tage später darauf. Diese meine letzte Etappe gehen wir entspannt an. Wir sparen uns eine langweilige Fahrstraße zu Fuß und nehmen den Shuttlebus bis nach Ville des Glaciers. Während des Aufstiegs zum Col de la Seigne kommt er wieder zum Vorschein: der Mont Blanc. Diesmal zeigt er uns seine schroffe und abweisende Seite. Steil führen die Wände nach oben, sein Gipfel scheint von dieser Seite aus unerreichbar.

Ohne Umwege zum Rifugio Torino

Je weiter wir Richtung Val Veni wandern, desto mehr Zacken kommen hinter ihm zum Vorschein. Einen der Zähne erkenne ich sofort wieder – den Dent du Géant, auf den ich vor einer Woche geklettert bin. Seine Spitze touchiert immer wieder die dahinziehenden Wolken. Genauso wie letzte Woche während unserer Klettertour hinauf zum Gipfel mit der kleinen, blitzgeschädigten Madonna. Mit Sorge beobachteten wir die Wolkenentwicklung, hatten aber Glück. Erst als wir den Glacier du Géant betraten, zog es zu. Dank GPS-Gerät gelangten wir ohne Umwege zum Rifugio Torino, wo die Küchenmannschaft extra mit dem Essen auf uns Nachzügler gewartet hatte. Von unserem Wanderweg aus erkenne ich sogar die Gondelstation der Pointe Helbronner und das Rifugio Torino.

Das unansehnliche Liftgewirr im Skigebiet von Courmayeur reißt mich aus meinen Gedanken. Wir sind ja schon da! In Courmayeur endet für mich die Tour mit den Mädels und damit auch mein Urlaub. Schade, eigentlich wäre ich jetzt wieder so richtig ausgeruht, um erneut eine Hochtour zu unternehmen…

(von Gerlinde Knöpfle)

Chamonix! Welch verheißungsvoller Klang in meinen Ohren: Weiße Gletscher, hohe Berge, dünne Luft, Freude, Spaß und Entdeckungslust. Die Landschaft mit ihrem Farb- und Formenreichtum ist fantastisch: weiß, grau, himmelblau, tannengrün und schwarz wechseln sich immer wieder ab, die Formen variieren zwischen sanft gewellt bis schroff abweisend. Und dann sind da noch die Menschen. An solchen Orten trifft sich immer eine bunte, internationale Mischung an natur- und bergsportbegeisterten Leuten. Ich mag solche Plätze und fühle mich unter diesen Gleichgesinnten immer wohl. Dagmar und ich brechen zur »Tour du Mont Blanc« allerdings nicht in Chamonix auf, sondern am Col de la Forclaz. In dem kleinen Hotel direkt an der Passstraße verbringen wir die erste Nacht. Der Entdeckergeist treibt uns schon am Abend ein Stück unseres morgigen Wanderweges entlang. Dagmar strahlt, ich mache ein Foto von ihr und der Landschaft. Wir packen die Karte aus, die abendlichen Sonnenstrahlen beleuchten Karte und Dagmar: wieder ein Foto. Als sie durchs Gras stapft, kann ich nicht anders als noch mal auszulösen.

Nach zwei Stunden ist der Akku der Kamera fast leer und die Kamera voller Bilder: Berg und Dagmar, Weg und Dagmar, Abendlicht und Dagmar. Unter uns das schattige Tal von Trient und links der weiße Gletscher sind wunderschön. Aber was wäre das alles, wenn wir selbst nicht mittendrin wären und es »er-leben«, »er-sehen« könnten? Für mich ist pure Landschaft irgendwie »unlebendig«. Also muss der Mensch mit hinein in meine Bilder: Berge, Menschen und Bewegung – deswegen bin ich hier.

Beim Namensvetter zu Besuch

Sieben Tage später ist es nicht mehr ganz so schön. Das Wetter hat umgeschlagen, es ist neblig und nieselt mal mehr, mal weniger. Schade, denn heute ist ein aufregender Tag: Wir treffen auf meine Namensvettern, die Grandes Jorasses. Wild, abweisend, steil, spitz, 4000 Meter und mehr – so sehen wir die Zacken auf den zahlreichen Fotos in der Bonattihütte. Genau auf der gegenüberliegenden Talseite der Grandes Jorasses gelegen, 400 Meter über dem Val Ferret und 2000 Meter unterhalb der höchsten Spitzen, ist die Hütte die perfekte Aussichtsloge. Aber leider verstecken sich die  Grandes Jorasses hinter einer dicken Wolkenwand. Nur ab und an schimmern ein paar steile Felsrippen durch den Nebel . Kein Postkartenwetter. Dafür machen die Wolken die Berge um so mystischer, spannender, unnahbarer. Ich weiß nicht: Wo fangen sie an? Wo hören sie auf?

Die Jorasses in Wolken

Durch die großen Fenster des Aufenthaltsraumes starre ich auf die Felsrippen gegenüber und versuche, die Wolkenschichten mit meinem Blick zu durchbohren. Ich skizziere die Grandes Jorasses im Nebel. Leider gelingt das gar nicht. Das Kugelschreibergemälde besteht schließlich aus Tausenden von Strichen, die wild in verschiedene Richtungen zeigen. Es sieht wirklich nicht aus wie Fels, aber irgendwie hat es dann doch was. Der Berg da draußen zeigt mit seinen Rippen und Kanten, Abstürzen und Rinnen, Schatten und Lichtern auch in tausend Richtungen – während für die Bergsteiger immer nur zwei entscheidend sind: nach oben und nach unten. Den gesamten Nachmittag verbringe ich damit, unruhig zwischen Aufenthaltsraum und Terrasse hin und her zu wandern: Vielleicht tut sich ja doch was am Wetter? Vielleicht sieht man ja jetzt schon mehr?

Während des Abendessens habe ich es schon aufgegeben, noch einen Blick auf meine Namensvettern zu erhaschen. Doch plötzlich stehen immer mehr Gäste am Fenster, reißen die Augen auf, schnappen sich ihre Kameras und rennen nach draußen. Ich beuge mich zu Fenster, und da stehen sie: wackelige Felstürme, wilde Zacken und ein milchig blauer Gletscher dazwischen. Ehrfürchtig blicke ich auf die riesig dastehenden Wände der Jorasses. Die Sonne hat sich verabschiedet und lässt die Temperatur auf knapp über null Grad sinken. Ich fröstle längst in meinem dünnen Fleece, aber ich kann den Blick einfach nicht von ihnen lösen – von »meinen Gipfeln«.

(Von Lisa Joras)
Dagmar Steigenberger, Gerlinde Knöpfle, Lisa Joras
Fotos: 
Dagmar Steigenberger, Gerlinde Knöpfle, Lisa Joras
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