Auf dem »Tälli« Klettersteig über Meiringen

Das Haslital im Berner Oberland

Das Berner Oberland besteht bei weitem nicht nur aus Grindelwald und Eiger, Mönch und Jungfrau. Weiter im Osten baut sich – an der Grenze zwischen Kalk- und Urgestein – eine vielfältige Bergwelt auf: das Haslital über Meiringen.

Von Eugen E. Hüsler (Text und Fotos)

 
Gut hat’s die Kuh: ein Sommertraum auf der Alp – und das Wetterhorn schaut zu… © Eugen E. Hüsler
Gut hat’s die Kuh: ein Sommertraum auf der Alp – und das Wetterhorn schaut zu…
Natürlich weiß jeder echte Haslitaler, was das Kürzel KWO bedeutet, dass es sich beim Zwirgi um keinen Zwerg handelt und was ein Gumpesel ist. Und den ältesten Haslitaler kennt er auch. Den mag man im Tal allerdings weniger, ist er doch schuld daran, dass in Meiringen nicht mehr viele wirklich alte Häuser stehen. Mehr als nur einmal hat hier der Föhn verheerend gewütet, Brände angefacht und das halbe Dorf in Schutt und Asche gelegt, letztmals 1891. So ist aus dem Bauerndorf halt ein Ort mit fast schon neuzeitlichem Ambiente geworden. Und mit einem Hotel, dessen Name nur Eingeweihte gleich mit dem Oberland in Verbindung bringen: dem »Sherlock Holmes«.

Es steht mitten im Ort, und von einigen Zimmern aus hat man freie Sicht auf den Reichenbachfall und jenen Felsvorsprung über den stiebenden Wassern, wo der Meisterdetektiv im Kampf mit seinem Widersacher Professor Moriarty ums Leben kam. Der Tod war allerdings ein vorübergehender, denn die Leser wollten sich partout nicht mit dem brutalen Ende ihres Idols abfinden…In Meiringen lebt das Erbe der legendären Figur von Sir Arthur Conan Doyle weiter in einem kleinen Museum; das befindet sich – durchaus passend – im Untergeschoss der alten englischen Kirche.

Der Föhn und der »Tälli«

Wir sind beide keine Krimifans und achten bei unseren Bergtouren stets darauf, heil heimzukehren. Heute leben wir allerdings etwas gefährlich, denn unser alter, aber quicklebendige Haslitaler, der schon mal Häuser abdeckt oder Strommasten knickt, pfeift ganz ordentlich von den Gipfeln herab und bringt uns mehr als einmal aus dem Gleichgewicht. Das ist nicht gut, denn wir sind unterwegs auf dem »Tälli«. 1993 eingeweiht, ist er der älteste Klettersteig der Schweiz – und einer der schönsten dazu. Drei genussvolle Kletterstunden liegen zwischen der Hütte gleichen Namens und dem Gipfelpunkt oben am Grat der Gadmerflue.

»Magst du einen Schluck?« Hildegard nickt. Ich schnappe mir einen Ovo-Riegel, schäle ihn aus seiner Folie und lasse die Schokolade-Malz-Mischung im Mund zergehen. Schmeckt immer noch wie damals, als der kleine Eugen in kurzen Hosen am Sydefädeli »Räuber und Poli« spielte, sich dabei gelegentlich einen »Blätz« am Knie abholte. »Hab’ ich dir schon mal erzählt, dass ich mit Ovomaltine, Bündnerfleisch, viel Brot und Buchstabensuppe groß geworden bin?« Hildegard lacht und meint: »Und jetzt musst du die Buchstaben halt wieder loswerden, mit der ganzen Schreiberei…«

Gletscherforscher

Wir steigen weiter. Die Route verlangt Konzentration, nicht nur wegen des Föhns. Manche Passagen sind herrlich luftig, und die Aussicht ist vom allerfeinsten, am südlichen Horizont gleißt das Alpeneis. Um das ist es allerdings nicht besonders gut bestellt. Einen starken Schwund erfuhren auch die größten Eisfelder des Haslitals, jene im Quellgebiet der Aare. Dort forschten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwei Pioniere der Glaziologie, Franz Josef Hugi und später vor allem Jean Louis Agassiz. Er gilt als Begründer der Eiszeittheorie und führte erste Tiefenbohrungen durch, maß die Fließgeschwindigkeit und bestimmte die Dicke des Eises. Agassiz verbrachte mehrere Sommer auf dem Unteraargletscher, im so genannten »Hôtel des Neuchâtelois«, einer recht einfachen Bleibe unter einem mächtigen Felsblock – gewissermaßen am Ende der Welt.

Seit Agassiz’ Zeiten hat sich der Unteraargletscher um zweieinhalb Kilometer zurückgezogen, und dann haben ihm die Menschen sogar eine Betonsperre vorgesetzt, um das abfließende Wasser zu nutzen. Das liefert seit Jahrzehnten brav Strom in die Schweizer Städte – aber scheinbar längst nicht mehr genug. Deshalb ersannen sich die Manager und Ingenieure der Kraftwerke Oberhasli (KWO) ein gigantisches Ausbauprojekt. Der Spiegel des hinteren Grimselsees sollte mittels einer 220 Meter hohen Mauer (die in den alten Stausee zu stehen gekommen wäre) um gut hundert Meter angehoben werden. Inzwischen sind diese Ausbaupläne vom Tisch, eine direkte Folge des anhaltenden Widerstands von Umweltorganisationen und der einheimischen Bevölkerung.

Richtig aufatmen können Naturschützer allerdings noch nicht, haben die KWO doch ein neues, abgespecktes Projekt vorgelegt, das eine Vergrößerung des Grimselsees auf fast das doppelte Volumen bei einer Anhebung des Stauziels um 23 Meter vorsieht. Die Grimselstraße würde im Bereich der Sperrmauern umgeleitet; geplant ist eine 400 Meter lange Hängebrücke vom Nollen übers Wasser zum Nordufer. Fünf Jahre Bauzeit sind veranschlagt; der Hochstau dürfte vielleicht 2014 erfolgen…
Text und Fotos: Eugen E. Hüsler
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