Expedition im Karakorum - Am Ende entscheidet der Berg
Expedition im Karakorum

Am Ende entscheidet der Berg

2015 scheint für den Karakorum kein günstiges Jahr gewesen zu sein; zumindest nicht für K2 und Broad Peak, die Schulter an Schulter über den Baltoro Gletscher an der Grenze zwischen Pakistan und China wachen.

Billi Bierling, Islamabad

  • Billi Bierling
  • Kontributor
  • 1967 in Garmisch-Partenkirchen geboren und aufgewachsen. Seit 2004 lebt sie in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals und arbeitet für die mehr >
 
Autorin Billi Bierling: Glücklich trotz erfolgloser Expedition © Billi Bierling
Autorin Billi Bierling: Glücklich trotz erfolgloser Expedition

Ich lebte von 2009 bis 2011 in Islamabad, wo ich für die Vereinten Nationen (UNO) als Pressesprecherin arbeitete, und es war mir schon lange ein Anliegen, mich an einem der 8.000er in dem Land, das mir sehr am Herzen liegt, zu versuchen. Dann stellte sich die Frage, welcher der fünf dortigen Giganten innerhalb meiner bergsteigerischen Fähigkeiten lagen und aufgrund der technischen Herausforderungen des K2 oder Nanga Parbat kamen für mich nur einer der Gasherbrums oder der Broad Peak in Frage. Russell Brice, der neuseeländische Expeditionsleiter, mit dem ich bisher all meine 8.000er bestiegen habe, organisierte diesen Sommer eine Expedition zum K2 und Broad Peak und so entschied ich mich, mein Glück am zwölfthöchsten Berg der Welt zu versuchen.

Im Jahr 1957 gelang einer österreichischen Expedition bestehend aus Markus Schmuck, Hermann Buhl, Kurt Diemberger und Fritz Wintersteller die Erstbesteigung des Broad Peak, und ich musste während meiner Zeit am Baltoro Gletscher oft an Hermann Buhl denken, denn seine enorme Leistung am Broad Peak nahm ein tragisches Ende. Nach der erfolgreichen Besteigung des Broad Peak verunglückte Buhl tödlich an der 7,668 m hohen Chogolisa und konnte somit seinen Erfolg als Erstbesteiger nie feiern.

Zwar wird der Broad Peak oft als ‚leichter’ 8.000er bezeichnet, jedoch gibt es meiner Meinung nach keine leichten 8.000er; wenn man es genau nehmen will, gibt es wohl überhaupt keine leichten Berge und das hat der Karakorum dieses Jahr wieder einmal bewiesen.

Da Russel Brice ein kommerzieller Anbieter ist, stellt er bei seinen Expeditionen so ziemlich alles zur Verfügung: Zelte, Kocher, Schlafsäcke für die Hochlager, Schlafmatten, Solarpanelen, Verpflegung für ca. 35 Leute am Basis- und in den Hochlagern, und für die K2 Teilnehmer auch künstlichen Sauerstoff. Auf unserem acht-Tage-Trek, der sich über 120 km erstreckte, hatten wir 500 Träger für den Materialtransport ins Basislager angeheuert. Das bedeutet, dass sich trotz des relativ geringen Tageslohn von 12 USD pro Träger die Transportkosten auf 48.000 USD beliefen!

Harte Bedingungen

Außer uns waren jeweils fünf oder sechs andere Expeditionen am Broad Peak und K2 und ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell in solch abgelegenen Gegenden kleine Dörfer entstehen. Dazu muss ich sagen, dass der Karakorum nicht im entferntesten mit der Everest Region zu vergleichen ist. Der Trek über den 63-km-langen Baltoro Gletscher ist herausfordernder, die Bedingungen sind härter, das Wetter ist relativ unvorhersehbar, und es ist unmöglich, eine Expedition problemlos und günstig entweder per Pedes oder Helikopter zu verlassen. Hubschrauber sind zwar verfügbar, jedoch hat die Armee das Monopol und der einstündige Flug nach Skardu, der aus Sicherheitsgründen mit zwei Helikoptern durchgeführt werden muss, kostet um die 20.000 USD. Wer zu Fuss gehen will, kann auch nicht einfach aufs Geratewohl lostippeln, denn ohne Support Crew und Verbindungsoffizier geht gar nichts – schließlich ist der Erzfeind Indien nicht weit von dieser Region entfernt.

Wenn man Pech hat, kommt tage- oder gar wochenlang keine Wandergruppe, der man sich anschliessen könnte. So ging es zwei von unseren Expeditionsteilnehmern, denen nichts anderes übrig blieb als die restlichen drei Wochen bei der Expedition auszuharren. Ein hartes Brot, denn was tut man den ganzen Tag im Basislager? Aufstehen, frühstücken, aufs Mittagessen warten, Mittag essen, aufs Abendessen warten, und dann, wenn man endlich zu Abend gegessen hat, um 19 Uhr total erschöpft von den täglichen Anstrengungen in den Schlafsack fallen. Wenn ich es mir genau überlege, unterscheidet sich das jedoch gar nicht so sehr vom Tagesablauf der Gipfelaspiranten – die gehen nur ab und zu in ein Hochlager zum akklimatisieren. Ich denke, dass ich auf dieser Expedition mehr Zeit damit verbrachte, aufgrund des schnell schmelzenden Gletschers unzählig viele Steine zu schleppen und neue Zeltplattformen zu bauen als effektiv bergzusteigen.

Aber zurück zu den Bergen, denen dieses ungewöhnlich heiße Wetter auch sehr zu schaffen machte. Wer dieses Jahr die Expeditionen im Karakorum verfolgte weiß, dass von den ca. 60 Bergsteigern am Broad Peak trotz kontinuierlichem Traumwetter lediglich zwei den Gipfel erreichten. Mariano Galvan aus Argentinien stand wohl am 17. Juli alleine auf dem 8.047 m hohen Gipfel, gefolgt von Andrzej Bargiel aus Polen, dem am 25. Juli die erste vollständige Skiabfahrt gelang. Beeindruckend – besonders bei den Verhältnissen.

K2

Warum schafften es also Expeditionen wie unsere trotz der Unterstützung von neun jungen kräftigen Sherpa und viel ‚Manpower’ nicht? Diese Frage ist eigentlich sehr einfach zu beantworten: die Bedingungen am Berg waren horrend und die Verantwortung für einen Expeditionsleiter wie Russell einfach zu groß. „Ich kann weder meine Sherpa noch meine Teilnehmer in solchen Bedingungen an den Berg lassen“, erklärte er als er den Versuch, den K2 über die Cesen Route zu besteigen, abblies. Dies war keine leichte Entscheidung, denn außer der Tatsache, dass die Enttäuschung im Team groß war, hatten Teilnehmer und Sherpa zuvor das Lager 3 auf 7.200 m erreicht und Ausrüstung im Gesamtwert von etwa 60.000 Euro dort deponiert. „Natürlich hoffen wir, dass wir Teile des Materials, wie z.B. die 27 Sauerstoffflaschen, nächsten Sommer wieder holen können, jedoch denke ich, dass das meiste von Schnee und Eis verschluckt werden“, so Russell.

Nachdem am 24. Juli drei erfahrene Schweizer Bergsteiger ihren Gipfelversuch kurz über Lager 3 aufgrund von Lawinengefahr, hüfttiefem Schnee und artilleriegeschossartigem Steinschlag abbrechen mussten, war für Russell klar, dass er seine Leute nicht mehr in die Gefahr bringen wollte. „Ich denke, der Berg (K2) ist dieses Jahr einfach nicht zu besteigen,“ sagte Mike Horn, ein Schweizer Abenteurer, der in seinem Leben schon viel gesehen und erlebt hat, jedoch von den Bedingungen am Berg schockiert war. „Wenn ihr alle heil wieder heimkommen wollt, dann empfehle ich euch die Expedition abzubrechen.“

Chancen am Broad Peak

Die Stimmung im Zelt sank auf den Gefrierpunkt, denn das war definitiv das Ende der K2-Expedition. Aber da war doch noch der Broad Peak, der wegen des extremen Fokus auf den K2 schon fast in Vergessenheit geraten war.  „Die Wettervorhersage sagt zwar schlechtes Wetter voraus, jedoch hat sie sich in den letzten Wochen oft getäuscht“, erklärte Russell. „Wir haben noch eine kleine Chance für den Broad Peak und die packen wir jetzt am Schopf.“ Wir alle wussten, dass unsere Gipfelchancen relativ gering waren, da vier Tage zuvor, am 24. Juli, der Grossteil der Expeditionen dort ihren Gipfelversuch aufgrund der schlechten und gefährlichen Schneebedingungen abbrechen mussten.

Und so machten wir uns auf den Weg mit der Hoffnung am 28. Juli den Gipfel zu erreichen – jedoch verblasste dieser Hoffnungsschimmer schon bald. Als wir um 1 Uhr morgens Richtung Gipfel aufbrachen, mussten wir nach ca. einer Stunde wegen starkem Schneefall umkehren. „Das ist wohl das Ende“, dachte ich, als ich samt Daunenanzug und 8.000er-Stiefel wieder in meinen Schlafsack kroch. Der Schimmer flackerte jedoch noch einmal kurz auf als drei Stunden später Russells Stimme aus dem Funkgerät plärrte. „Hey Guys, steht auf! Das Wetter ist sagenhaft. Versucht es noch einmal.“ Inzwischen war es 5 Uhr morgens und auch wenn es bereits spät war, schälten wir uns alle noch einmal aus den Schlafsäcken und starteten einen weiteren Versuch. Aber auch dieses Mal sollte es uns verwehrt bleiben. Nachdem wir ca. 200 m über Lager 3 waren, fanden wir uns plötzlich hüfttief in einem lawinengeladenen Hang wieder. Mein Herz sank und meine Gipfelaspirationen waren wie weggeblasen; ich wollte nur noch so schnell wie möglich aus diesem unstabilen Hang. „Lasst uns umkehren“, hörte ich plötzlich unseren Bergführer Woody rufen. „Wir sind nicht am Seil und wenn dieser Hang nachgibt, dann gibt es ein riesiges Desaster.“

Glücklicherweise konnten wir ein solches Desaster verhindern und erreichten nach 20 Minuten unversehrt das Lager 3. Wir packten zusammen und machten uns rasch auf den Abstieg, denn wir wussten, dass dieser aufgrund des Steinschlages, der gewöhnlich mit steigenden Temperaturen einsetzte, herausfordernd sein wird. Die Hitze hatte in der Tat in nur zwei Tagen die Bedingungen am Berg weiterhin verschlechtert. Dort wo Eis war, rauschten Wasserfälle den Berg herab; dort wo Fixseile gut verankert waren, hingen diese nur noch nutzlos in der Luft herum; und dort, wo der Steinschlag zuvor noch moderat war, flogen uns pausenlos riesige Felsstücke um die Ohren. Wir hatten großes Glück und im Gegensatz zu manch anderen Expeditionen, die aufgrund des Steinschlages einige Verletzungen in Kauf nehmen mussten, kamen wir alle unversehrt im Basislager an.

Auf unserem Trek nach Askole, der Tagesetappen von bis zu 35 Kilometer beinhaltete, hatte ich Zeit zu reflektieren und wunderte mich, ob unsere Expedition denn nun eine ‚gescheiterte Expedition’ war. Nein, ganz im Gegenteil. Wir waren alle wohlauf und befanden uns auf dem Heimweg, was bei diesen Bedingungen fast ein kleines Wunder war. Und auch wenn wir in den sechs Wochen unserer Expedition effektiv nur 10 Tage am Berg verbracht hatten, war die Erfahrung im Karakorum für mich sehr wertvoll. Denn mir ist die Antwort zu einer Frage, die mir immer wieder gestellt wird, klar geworden: Der K2 wird trotz seiner steigenden Popularität niemals so überlaufen und kommerzialisiert werden wie der Everest. Dazu stellt der Karakorum einfach zu viele logistische, technische und meteorlogische Ansprüche.

Die Autorin

Billi BierlingBilli Bierling
1967 in Garmisch-Partenkirchen geboren und aufgewachsen. Seit 2004 lebt sie in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals und arbeitet für die "Everest-Chronistin" Elizabeth Hawley. Sie stand schon auf dem Gipfel des Mount Everest, sowie des Manaslu und des Makalu. Billi Bierling schreibt für Bergsportmagazine und Medien in aller Welt.

 
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