Mister Kühtai - Lukas Ruetz im Porträt | BERGSTEIGER Magazin
Er kennt alle Skitouren im Kühtai

Mister Kühtai - Lukas Ruetz im Porträt

Niemand geht derart viele Ski-Touren im Sellrain und bloggt darüber wie Lukas Ruetz. Der 21-Jährige hat so viele Höhenmeter auf dem Buckel, wie sie die allermeisten von uns nicht in zwei Skitourenleben zusammenbringen würden. Eine Begegnung samt Skitour. 
 
Steil und herausfordernd: Abfahrt über die Nordflanke des Hinteren Spiegelkogels in den Ötztalern © privat
Steil und herausfordernd: Abfahrt über die Nordflanke des Hinteren Spiegelkogels in den Ötztalern
Da steht er also, der Skitourenblogger aus dem Sellrain. Jung, drahtig und zierlich sieht er aus. Wären wir hier – am Parkplatz der Dreiseen-Bahn in Kühtai – nicht verabredet, ich könnte mir nicht vorstellen, dass es sich bei diesem jungen Kerl um Lukas Ruetz handelt. Auf seinem Blog hat der 21-Jährige pro Monat regelmäßig mehr als 5000 Besucher, doppelt so viele wie der Tourismusverband Sellrain. Aber auf Touren, erzählt Ruetz, wird er nur selten angesprochen. Vielleicht auch, weil er in seine Tourenberichte und Blogposts ganz selten Fotos von sich selbst stellt: »Die Leute interessieren sich dafür, wie die Verhältnisse sind. Nicht dafür, wie ich aussehe.«

900 Höhenmeter – pro Stunde

Für unsere gemeinsame Skitour hat Lukas Ruetz den Sulzkogel ausgesucht. Über die Piste geht es in Richtung Staumauer. Lukas hat sein übliches Tempo – 800 bis 900 Höhenmeter in der Stunde – netterweise heruntergefahren. Mit dem Tourengehen angefangen hat er mit 15. Damals nahm ihn sein Vater, der bis zu einer Rücken- und Wirbelverletzung selbst ein passionierter Skitourengeher war, in die Lehre. »Mein Vater ist früher auch viel gegangen, wenn auch nicht so extrem viel wie ich: Der hat mehr arbeiten müssen…«, erzählt Lukas Ruetz mit einem verschmitzten Witz, der immer wieder auch in seinem Blog aufblitzt. Von seinem Vater habe er viel gelernt: »Das Skifahren, die Tourenplanung, wie man richtig und sicher aufsteigt, Spitzkehrentechnik, das Einschätzen der Verhältnisse, bis hin zu den Berg- und Flurnamen.«

Noch heute bespricht sich Lukas bei der Tourenplanung mit seinem Vater. Der könne die Verhältnisse aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung oft immer noch besser einschätzen als er, selbst wenn er gar nicht mehr selbst ins Gelände komme. Wenn er von einer Tour zurückkommt, könne es der Vater oft kaum erwarten, sich die mitgebrachten Fotos anzuschauen. Wenn Lukas Ruetz von Engelbert Ruetz erzählt, bekommt man den Eindruck, dass hinter dem Blog ein bisschen auch eine Vater-Sohn-Geschichte steckt. Eine sehr schöne Vater-Sohn-Geschichte.

Mit Airbag und Jadghund auf Skitour

Richtig ernsthaft betreibt Lukas Ruetz das Tourengehen seit vier Jahren. Erst knackte er die 100 000 Höhenmeter pro Saison, dann die 150 000. Im Winter 2013/14 waren es rund 150 Touren und 205 000 Höhenmeter, die er mit Tourenskiern aufgestiegen und abgefahren ist. Sein Meisterstück: Eine zwölfstündige Riesen-Runde vom Lüsener Ferner auf die Ruderhofspitze, den Schrankogel, den Schrankarkogel und zurück nach Lüsens am 2. Juni 2014. Manche Tour kann er zwischen der Arbeit im elterlichen Kuhstall und der Univorlesung in Innsbruck hineinzwängen. Der Student der Geographie und Biologie geht oft und auch gerne allein, weil er da sein eigenes Tempo machen, gut nachdenken und alles intensiver erleben kann.

Stets dabei: ein Lawinenairbag. Oft dabei: der Jagdhund seines Bruders, der immer dann stehenbleibt und brav wartet, wenn es steiler als 45 Grad wird. Seitdem Ruetz gelernt hat, Schneeprofile zu graben und zu analysieren, wird es öfters ziemlich steil. »Ich bin von Haus aus eigentlich ein ziemlicher Hosenscheißer.« Mit dem Schneeprofil-Graben versichere er sich persönlich, dass die Verhältnisse eine steilere Abfahrt zulassen. Oder eben nicht. Hinterher berichtet Ruetz in seinem Blog über seine Touren. Dass er von so vielen gelesen wird, hat einerseits damit zu tun, dass Sellrain und Kühtai so viele Skitourengeher wie kaum ein anderes Gebiet anziehen. Es hat aber auch mit einer sehr gelungenen Blog-Mischung zu tun: Kompetent und oft meinungsstark geht es nicht nur um Touren, sondern auch um Lawinenunfälle, das Für und Wider von Skitourenlenkung und Wildschutzzonen, Tipps zur Fellpflege et cetera.

Futtern im elterlichen Gasthof

Unsere Tour Richtung Sulzkogel ist für Ruetz nur eine Spritztour. Den Gipfelhang – eine unangenehme Mischung aus vereisten Buckeln und einer Schicht aus windgepresstem Neuschnee – erklimmt er wie eine Zahnradbahn. Den Gipfel sparen wir uns, als es uns am Skidepot beinahe umbläst. Die Abfahrt bis zum Stausee ist unterhalb des Gipfelhangs unerwartet gut. Danach geht es mit dem Auto zur Gastwirtschaft und Pension seiner Eltern, das Basecamp des Lukas Ruetz, von dem er auf seinem Blog einmal geschrieben hat: »Zum Glück werde ich daheim bestens gefüttert … Wenn ich mir die Menge an Essen selber zahlen müsste, die man bei den weiten Frühjahrstouren braucht, könnte ich mir das Tourengehen nicht leisten.«

Zur Person:
Lukas Ruetz, geboren 1993, lebt in St. Sigmund im Sellrain. Student der Geographie und Biologie in Innsbruck. Verdient sein Geld mit der Arbeit am Hof und in der Gastwirtschaft seiner Eltern. Fährt Ski seit er drei ist (»eine Saison mal umgestiegen auf Snowboard, aber das war nicht das Wahre«). Hat Tourengehen mit 15 angefangen. Seit Beginn bekennender Lowtech-Geher (»alles andere braucht man nicht als Tourengeher«). Auch als Bergretter und Beobachter des Lawinenwarndienstes aktiv. Mehr auf seiner Homepage unter www.lukasruetz.at
 
Claus Lochbihler
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 03/2015. Jetzt abonnieren!
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