Bergsteiger-Legende Luis Trenker im Porträt

Luis Trenker lebt!

Luis Trenker starb vor 25. Jahren. Trotzdem gilt er noch immer als der Inbegriff des Bergfexes. Aber konnte der Mann überhaupt Bergsteigen?
Von Sandra Zistl
 
Der Film »Berge in Flammen« basiert auf den Erfahrungen aus dem Gebirgskrieg. © picture-alliance, picture-alliance/akg-images
Der Film »Berge in Flammen« basiert auf den Erfahrungen aus dem Gebirgskrieg.
»Das Wichtigste beim Bergsteigen ist, dass man recht lang lebt.« Luis Trenker wusste, wovon er sprach. Schließlich wurde er 97 Jahre alt – und lebt auch 25 Jahre nach seinem Tod am 12. April 1990 noch als äußerst lebendige Erinnerung in den Köpfen der Menschen. Die meisten der 48 Episoden der ARD-Serie »Luis Trenker erzählt«, ausgestrahlt zwischen 1959 und 1963, begannen mit den Worten: »So Buam und Madln, jetz‘ horcht‘s amal her.« Sie taten es, Millionen von ihnen, und bald auch ihre Eltern. Bei anfangs nur einem Fernsehprogramm genoss Trenker eine einzigartige mediale Präsenz. Nur wenige erinnern sich heute noch an die bergsteigerischen Leistungen, die Trenker für diesen Job legitimierten: Zwischen 1912 und dem Ende des Ersten Weltkrieges gelangen ihm sechs Erstbesteigungen, davon drei im vierten und fünften Grad. »In ganz jungen Jahren war Trenker ein großes Bergidol für mich«, erzählt Hans Kammerlander. Er sei dessen Routen in den Sellatürmen nachgeklettert, die er als »alles andere als 08/15« bezeichnet.

Trenker und die Berge

Als Zehnjähriger besteigt Luis mit dem Vater zum ersten Mal einen Gipfel, den Sass Songher (2665 m). Er träumt davon, Bergführer zu werden und Teil dieser »stolzen Mannsgesellschaft« der »Verwegensten und Kühnsten« zu werden, die das Grödnertal zu bieten hatte und »der zuzugehören mein ganzer Ehrgeiz war«. Es klappt, seine Ausbildung an der Technischen Hochschule in Wien finanziert er sich zum Teil dadurch, indem er Gäste in die Dolomiten führt. Doch Trenker und die Berge, das ist auch viel Kriegsgeschichte. In einer Episode von »Luis Trenker erzählt« schildert er, »wie mich der Erste Weltkrieg aus meinem idyllischen Bergleben riss«: »Ich hab mich nicht gekümmert, Zeitungen hat man nicht gelesen gehabt, natürlich, wir sind immer auf Schutzhütten g‘wesen und so. Um Politik haben wir uns überhaupt nicht gekümmert. Plötzlich war der Krieg da und es hieß: einrücken.«

Der knapp 22-Jährige ist einer der wenigen Männer aus St. Ulrich, die die Gefechte in »Russisch-Polen« überleben. Als nächstes muss er an die Dolomitenfront. Als Bergführer bekommt er einen Offizierskurs und dann eine Bergführer-Kompanie unterstellt. Von der Bergfront am Lagazuoi blickt er von oben auf sein Dorf – und auf die Stellungen der italienischen Alpini, die sich von unten in den Berg bohren, um die gegnerischen Truppen in die Luft zu sprengen. »Das habe ich mir später mit ,Berge in Flammen‘ von der Seele geschrieben«, sagt Trenker. Sein Debüt als Regisseur, gedreht am Hafelekar, an der Tofana, an Lagazuoi und Fanesturm, wird 1931 uraufgeführt.

Trenker und die Politik

Die Dreißigerjahre sind in Europa eine heroische Zeit des Alpinismus, in der die sogenannten »letzten Probleme« gelöst werden. In diesem Klima sind Bergfilme Erfolgsgaranten. Trenker, der selbst durch einen Zufall vom Bergführer zum Darsteller in Filmen Arnold Fancks geworden war und unter anderem mit Leni Riefenstahl vor der Kamera stand (»Der heilige Berg«, 1925/26), hat auch als Regisseur und Kameramann Talent. Beim Stummfilm »Der Kampf ums Matterhorn« (Mario Bonnard / Nunzio Malasomma,1928) wirkt Trenker noch als Darsteller mit. Zehn Jahre später legt er seine eigene Tonfilm-Version nach: »Der Berg ruft«. Der Film, dessen Titel sich bis heute als geflügeltes Wort erhalten hat, gilt als Trenkers bester. Sein Faible für Heimatthemen und heroische Berggeschichten bringt ihn zugleich in Bedrängnis. Adolf Hitler und Joseph Goebbels werden Fans seiner Filme, die Kritiker später als »Blut- und Bodenromantik« kritisieren.

Es ist viel darüber geschrieben worden, ob Trenker sich den Nazis zu sehr andiente. Sein anfänglicher Opportunismus, der - so der aktuelle Stand der Forschung - vor allem der Tatsache geschuldet war, dass er weiter Filme machen wollte, führt allerdings dennoch zum Arbeitsverbot. Den von Rolf Hochhuth herausgegebenen Tagebüchern Goebbels sind klare Ansagen zu entnehmen. »12. Februar 1940 - Neuer Trenkerfilm ,Der Feuerteufel‘. Ein fürchterlicher Schmarrn. (...) Trenker macht nationale Filme, ist dabei aber ein richtiges Miststück.« Drei Wochen später bezeichnet der Propagandaminister ihn in seinen Notizen als »Vaterlandsverräter und patriotischen Heuchler«. Schnell wird daraus der «Fall Trenker«, der Goebbels etwas vom Deutschtum vorschwafele und dieses kaltlächelnd verrate. Der Plan sei deshalb: »Hinhalten und eines Tages erledigen.« Es folgt das Berufsverbot und eine Odyssee Trenkers durch Italien und Österreich. Er schafft es dennoch, weiter Filme zu drehen. Zu diesem Zeitpunkt ist Trenker berühmt. Zur lebenden Legende wird er nach dem Krieg mit seiner Fernsehkarriere als kerniger, vitaler Bergmensch.

Trenker und das Fernsehen

Hermann Magerer, langjähriger Leiter der Sendung »Bergauf – Bergab« im Bayerischen Rundfunk, stand als junger Mann hinter der Kamera, wenn Trenker für die ARD erzählte. Im Buch »Luis Trenker ungeschminkt« (Tyrolia / Athesia, 2009) erinnert er sich an eine Anekdote aus den Siebzigern. Für eine sechsteilige Serie über typische Bergunfälle will Magerer den nicht mehr ganz jungen Trenker als Moderator gewinnen. Er bittet ihn, am Ende jeder Episode zu sagen, dass das Wichtigste beim Bergsteigen sei, »dass man ein hohes Alter erreicht«. Der antwortet nur: »Na, des sog i net!« Einen Grund nennt er nicht. Als Magerer vorschlägt, zu sagen, das Wichtigste sei, »dass man recht lange lebt«, willigt er sofort strahlend ein. Womit auch das Geheimnis um die prägnanteste Antwort auf die Gretchenfrage im Gebirge gelüftet wäre.
Sandra Zistl
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