Rudolf Hauser meistert zwei Solo-Begehungen an einem Tag

Doppeltes Solo im Tennengebirge

Im Oktober 2014 gelang Rudolf Hauser ein doppeltes Solo im Tennengebirge. Er kombinierte mit Laufen und Radfahren, aber ohne Seil und Partner die Routen "Freier als Paul Preuß" (Gr. Bratschenkopf, 900m, VII) und "Pipeline" (Hochvogel Nordwestwand, 1100m, VII+) an einem einzigen Tag. Hier erzählt er seine Geschichte.
 
Rudi Hauser in © Eduardo Gellner
Rudi Hauser in "Freier als Paul Preuß"

Die ersten Schritte über den Almboden fühlen sich vertraut an. Die Luft ist klar und es hat bereits zu dämmern begonnen. Mein Freund Lukas Seiwald begleitet mich ein Stück. Sein Zuspruch ist in diesem Moment für mich sehr wichtig. Dennoch fühlt es sich an wie der Weg zum Pranger? Monatelange Vorbereitung, Entbehrungen und Ungewissheit prägten dieses Projekt. Ich habe viele schöne, Erinnerungen an meine Bergfahrten, doch diesmal hat es aber auch sehr viele Enttäuschungen und Unsicherheiten gegeben.

Die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Unternehmungen stellt sich immer wieder, wenn du  deine Komfortzone verlässt. Wenn du dich nicht wohl fühlst dabei, lernst du gezwungenermaßen, Prozesse zu verstehen und entwickelst Methoden um stärker und effektiver zu werden. Schlussendlich geht es ums Überleben!

Die Idee ist, zwei eintausend Meter hohe Mauern aus Kalkgestein ohne Seil und ohne Partner zu klettern. SOLO. Für wen oder was mache ich diese Grenzgängerei und welchen Nutzen haben sie für mich oder mein Umfeld. Das sind die Fragen die letztendlich für mich bestimmend werden. Ich werde versuchen diese Wände, die ca. 15Km Luftlinie voneinander getrennt sind, durch einen Berglauf und einer Radeinheit zu verbinden. Alles aus eigener Kraft.

Freier als Paul Preuss

Gedankenströme fluten mein Gehirn. Bilder des Triumphes und Bilder des Absturzes und Tod. Dennoch gehe ich weiter und bewege mich zielstrebig zum Einstieg der ersten Route. Meine Beine haben keine Mühe den anstrengenden Zustieg zu bewältigen, denn sie haben das gleiche in unzähligen Trainingsstunden immer und immer wieder gemacht. Mein Körper ist bereit. Er wurde hart trainiert, ist dabei gewachsen und wurde stärker. Aber reicht das aus? Kannst du mit diesen Eigenschaften allein überleben? Oder ist es die Psyche! Wird Sie entscheiden, was ich mit meinen erlernten Fähigkeiten und erlebten Emotionen anzufangen vermag?

Die ersten Sonnenstrahlen lassen mich Hoffnung schöpfen. Nun ist es soweit! Diese Barriere aus Stein ragt vor mir in den Himmel und scheint unüberwindbar zu sein. Gedanken weichen der Leere und mein Wesen ist auf das Elementare  reduziert. Die Instinkte haben die Kontrolle übernommen. Ich komme dem Archetyp näher als je zuvor.

Die Route „Freier als Paul Preuss“ ist die Linie die ich mir vorgenommen habe. Eine gewaltige Kletterei durch eine 900 Meter hohe Wand im besten Kalkstein mit sehr exponierten Stellen. Über jeden Zweifel erhaben, werde ich nun um das Leben klettern, das ich gewählt habe. Keiner hat mich dazu gezwungen! Ich habe selbst aus freien Willen entschieden. Endlich werden alle meine Fragen beantwortet werden.

Die steile Einstiegswand  lässt keinen Platz für Kompromisse. Nun gibt es kein zurück mehr. Totale Entschlossenheit muss sich in meinen Bewegungen abzeichnen, wenn ich nicht abstürzen will. Die ersten Meter versuche ich einen guten Rhythmus zu finden um mich in der Sache total zu verlieren.Zuerst langsam und präzise beginnen, um später im vermeintlich leichteren Gelände Tempo zu machen. Die Zeit wird ein entscheidender Faktor an diesem Tag sein, da die Tage schon kurz geworden sind.

Eine extrem ausgesetzte Passage charakterisiert den unteren Teil der Wand. Ein senkrechter Piazriss und ein langer Quergang führen durch glatte Platten im perfekt geformten Fels. Es sind diffizile Bewegungen auf dem Weg nach oben. Die Exponiertheit und Verletzlichkeit meines Körpers erlebe ich nur am Rande meines Tuns. Der Focus ist unbeschreiblich. Sicher und ohne zu Zögern überwinde ich die Schwierigkeiten des unteren Drittels. Die langen unendlich erscheinenden Platten im Mittelteil erlauben mir die Geschwindigkeit zu erhöhen, obwohl jeder kleinste Fehler den Absturz bedeuten würde. Ich denke nicht weiter über die Konsequenzen nach. Die Koordination von Armen und Beinen läuft  perfekt ab. Nie habe ich das Gefühl einer Unsicherheit.

Kein Herumtasten, kein Stehenbleiben! Es ist ein harmonischer Bewegungsablauf. Es fühlt sich unbeschreiblich gut an, seinen Körper so intensiv zu erleben.
Ich habe vollstes Vertrauen in ihn. Steile, tiefe Wasserrillen leiten den oberen Teil der riesigen Wand ein. Ein regelrechtes System ausgewaschenen Felsens, führen mich zum nahezu senkrechten Ausstiegspfeiler dieser fantastischen Tour. Am Fuße des Pfeilers gönne ich mir die Kohlehydrate und den halben Liter Wasser, den ich dort Wochen zuvor deponiert habe. Auf einem schmalen Sims sitzend blicke ich in die Tiefe und genieße die Leere und Stille, die mich umgibt.
Mein Wesen ist zur Gänze sensibilisiert und nimmt alles mit höchster Aufmerksamkeit wahr.

Die Sonne steht hoch am Himmel. Tiefenentspannt fange ich wieder an zu klettern und finde mich nach weiteren 100m am herausragendsten Punkt dieser Wand. Ich brauche nahezu keine Kraft beim Klettern. Die Bewegung und das erhabene Gefühl über die Situation verschmelzen zur puren Extase. Mit Sehnsucht blicke ich zurück auf diese unbeschreiblichen Eindrücke, als ich die letzten Meter zum höchsten Punkt beschreite. Tief atmend und schweissgebadet richtet sich mein Blick auf das handgefertigte, eiserne Kreuz am Gipfel des großen Bratschenkopfes. Dicke Stahlseile halten es in der Verankerung und lassen es den Gezeiten trotzen. Erleichtert bewege ich mich auf dieses Monument des Berges zu und bekunde meinen Respekt. Nach gut zweieinhalb Stunden Kletterzeit und Schwierigkeiten bis zum siebten Grad, stehe ich auf 2860 Meter und habe den ersten Abschnitt meines Vorhabens geschafft.

Am 24. und 25. April 2015 strahlte Servus TV eine Dokumentation darüber aus. Hier geht's zur Mediathek.

Rudolf Hauser
Fotos: 
Eduardo Gellner
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