Das große Bergsteiger-Interview mit David Lama

»Meine Eltern sind mit mir gewachsen«

David Lama gehört jener Generation von Kletterern an, die sich schon als Kinder durch Wände hangelten. Er schmiss die Schule, um sich als Profi dem Bergsteigen widmen zu können. Inzwischen gilt er als der Alpinist, der nach Meinung vieler den Klettersport in eine neue Dimension führen wird. Der BERGSTEIGER sprach mit dem Tiroler über Eigenverantwortung, den Neid der Szene und die Angst der Eltern.
 
Das große Bergsteiger-Interview mit David Lama © Ken Robinson/Red Bull Content Pool, L. Else/Red Bull Content Pool
Das große Bergsteiger-Interview mit David Lama
BERGSTEIGER: Sie gelten mit erst 22 Jahren nicht mehr nur als das hoffnungsvollste Talent des Alpinismus’, sondern als einer der besten Bergsteiger überhaupt. Wie fühlt sich das an?
Lama: Es geht nicht so sehr darum, wie sich das anfühlt, sondern was man gemacht hat, um dorthin zu kommen. Aber das zu hören, ist natürlich nett.

BERGSTEIGER: Hören Sie die Bezeichnung hoffnungsvollster oder gar bester Alpinist häufig?
Lama: In letzter Zeit immer öfter.

BERGSTEIGER: Das ist schon merkwürdig: Seitdem Sie Anfang des Jahres die Kompressorroute am Cerro Torre ohne Verwendung von Hilfsmitteln durchklettert haben, werden sie von der Szene gefeiert. Zwei Jahre zuvor, als Sie dort mit einem Kamerateam für die gleiche Aktion angerückt waren, bezogen Sie üble Schelte.
Lama: Zu Recht. Das muss ich auch zugeben. Man kann eben nicht von null auf hundert gehen. Trotz einiger alpiner Sachen, die ich vorher gemacht habe, war es für mich als reiner Wettkampfkletterer ein totaler Umstieg. Da war der Torre für den Anfang eine ziemlich große Aktion.

BERGSTEIGER: Wenn Sie jetzt mit drei Jahren mehr Erfahrung zurück blicken: Was haben Sie damals falsch gemacht?
Lama: Mmmh. Die ganzen Fakten, die zu der Kritik führten, sind ja bekannt …

BERGSTEIGER: Sie haben – unterstützt von einem großen, äußerst medienaffinen Sponsor – Bohrhaken und Fixseile für Kameramänner anbringen lassen, was viele Alpinisten als schlechten Stil verurteilten.
Lama: Schlussendlich habe ich einfach etwas probiert. Ich habe versucht, einen Film zu drehen. Zu dokumentieren, was wir dort oben tun. Dabei habe ich meine Fehler gemacht. Im Nachhinein bin ich für mich aber zu dem Schluss gekommen, dass ich lieber einen Schritt zu weit gehe und versuche, meine Visionen zu verwirklichen, als dass ich in der Entwicklung stehen bleibe. Nur so entwickelt sich auch der Bergsport weiter. Letztlich hat meine Aktion ja auch eine Debatte ausgelöst und in den vergangenen drei Jahren viel bewegt. Das Wort »Show-Alpinismus« ist beispielsweise plötzlich aufgekommen, von dem vorher keiner was wusste.

BERGSTEIGER: Fühlen Sie sich als Show-Alpinist?
Lama: Nein. Kein bisschen. Wenn man hinter seine Taten stehen kann, hat das nichts mit Show zu tun.

BERGSTEIGER: Einen Film über die Torre-Besteigung wird es dennoch geben.
Lama: Für mich war klar: Wenn man meinen Freikletterversuch am Torre dokumentieren will, muss es was Gescheites werden. Da kam nur ein Filmprojekt mit Red Bull in Frage. Ich denke, dass mit keinem anderen Sponsor der Welt eine derartige Produktion möglich gewesen wäre. Sowohl die Bilder und die Geschichte, als auch die Art und Weise, wie er letztendlich produziert wurde, sind einzigartig.

BERGSTEIGER: Sie haben von Ihrer Entwicklung gesprochen. Sind diese verbalen Prügel wichtig für Ihren persönlichen Reifeprozess gewesen?
Lama: Das glaube ich schon. Es war für mich wichtig, die Grundwerte, wie ich an ein Projekt herangehe, zu überdenken. Ich habe mich in der neuen Materie zurechtfinden und mir – aufgrund dieser Prügel – selbst sehr viele Fragen stellen müssen.

BERGSTEIGER: Glauben Sie, dass Neid bei der harschen Kritik eine Rolle spielte? Nach dem Motto: Da kommt ein junger Sponsorengünstling mit Geldgebern und einer Vision, die wir uns gar nicht leisten können?
Lama: Ja, da bin ich mir inzwischen ziemlich sicher. Aber letztlich ist der Auslöser für eine gerechtfertigte Kritik das eigene Verhalten. Die Bohrhaken und die Fixseile waren nun mal überflüssig.

BERGSTEIGER: Wobei Sie selbst diese Hilfsmittel nie verwendet haben?
Lama: Ich habe sie weder verwendet und auch nicht gesetzt, gelegt oder hinaufgetragen. Das machten alles die Bergführer, die für unsere Kameraleute gearbeitet haben. Aber letztlich war ich derjenige, für den sie angerückt sind. Das war eine der Erkenntnisse: Dass die Verantwortung bei mir liegt und das, was passiert, von mir entschieden werden muss.
Text: Dominik Prantl; Fotos: Ken Robinson/Red Bull Content Pool, L. Else/Red Bull Content Pool
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 12/2012. Jetzt abonnieren!
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