Das große Bergsteiger-Interview mit Ines Papert

»Ich hasse Alleinsein«

Ines Papert entdeckte erst als 20-Jährige ihre Begeisterung für die Berge und stieg steil auf. 2001 gewann sie den Gesamtweltcup im Eisklettern – nur ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes. Nach vier Weltmeistertiteln beendete sie ihre Wettkampfkarriere und realisiert seither neue Routen in Fels und Eis. Papert (38) spricht über ihren Ehrgeiz, über Gleichberechtigung und das Leben als Kletterprofi und Mutter.
 
Das große Bergsteiger-Interview © Rainer Eder, Hans Hornberger, Franz Walter
Das große Bergsteiger-Interview mit Ines Papert
BERGSTEIGER: Frau Papert, Sie haben öfters mal Männer abgehängt am Eis. Was ist das für ein Gefühl?
PAPERT: Ich hatte nie das Gefühl, dass ich gegen Männer als Konkurrentin antrete. Die Kletterszene ist ja eng vernetzt, jeder gibt sein Bestes. Wenn ich dann mal besser abschneide, dann schlucken die Jungs zwar. Sie gönnen einem das aber auch.

BERGSTEIGER: Müssen Sie sich als Frau im Alpinismus gegenüber Männern behaupten?
PAPERT: Nein. Es ist schon lange her, dass die Frau im Gebirge schräg angesehen wurde. Helma Schimke aus Salzburg hat diese Zeiten noch erlebt. Sie ist heute über 80 Jahre alt, war eine gute Bergsteigerin, deren Mann Konrad in der Watzmann-Ostwand verunglückte. Sie blieb mit drei Kindern zurück, wollte aber nicht mit dem Bergsteigen aufhören. Sie musste sich schlimmste Vorwürfe von ihrem gesamten Umfeld anhören. Hüttenwirte verwehrten ihr den Zutritt. Heute ist das zum Glück anders.

BERGSTEIGER: Also Gleichberechtigung am Berg?
PAPERT: Eigentlich schon. 

BERGSTEIGER: Sie fühlen sich nie benachteiligt?
PAPERT: Am ehesten beim Rucksackschleppen. (schmunzelt) Wenn wir auf Expeditionen das Material transportieren müssen, trägt jeder das gleiche Gewicht. Die Rucksäcke werden regelmäßig gewechselt, damit auch jeder die gleiche Masse hoch trägt. Ich wiege nun aber mal zehn oder fünfzehn Kilogramm weniger als die Männer, trage also im Verhältnis mehr.

BERGSTEIGER: Sie waren es leid, Männern immer den Vorstieg zu lassen. Lassen Sie sich dennoch im Leben auch mal gerne führen?
PAPERT: Beim Gleitschirmfliegen ist es beispielsweise so. Wir arbeiten gerade an einem Projekt, das vor meiner Haustüre startet. Wir gehen auf den Predigtstuhl, fliegen zur Loferer Alm, klettern eine nicht ganz einfache Route, machen einen weiten Flug zum Hohen Göll, klettern eine richtig alpine Route, fliegen weiter zum Untersberg, wo ich ein langjähriges Projekt, eine Erstbegehung, von mir frei klettern möchte, und fliegen wieder zur Haustür zurück. Daran tüfteln wir schon seit einem Vierteljahr. Fürs Fliegen ist Achim Joos dabei, und ich hab’ kein Problem damit, mich an ihn ranzuhängen und von seinen Erfahrungen zu profitieren.

BERGSTEIGER: Was würden Sie Frauen raten, die Sie um Ihr Selbstvertrauen beneiden?
PAPERT: Sich selbst zu vertrauen, lernt man im Grunde nur, wenn man selbst der Stärkere im Team ist. Sonst neigt jeder Mensch dazu, die Verantwortung abzugeben. Anfangs war das bei mir auch so. Ich merkte aber bald, dass ich mir, um weiter zu kommen, selbst Routen planen und umsetzen musste.

BERGSTEIGER: Wie halten Sie es: Sollte der Partner bedingungslos mitziehen beim Sport?
PAPERT: Früher war das bei mir schon so, weil ich wahnsinnig ehrgeizig war und noch so vieles erreichen wollte. Heute bin ich der Überzeugung, dass es sogar besser ist, wenn der Partner nicht genau das Gleiche macht. Es kommt sonst immer ein ungutes Konkurrenzdenken auf, wenn man sich auf einem ähnlichen Niveau bewegt. Das bleibt nicht aus. Das ist so.

BERGSTEIGER: Sie sagen: »Eis kann man lesen« – was steht da zum Beispiel geschrieben?
PAPERT: Wenn das Thermometer unter zehn Grad minus anzeigt, dann ist die Spannung im Eis gewöhnlich sehr hoch. Es bricht sehr schnell. Entsprechend gefährlich sind diese Spannungsrisse. Wenn das Eis blau schimmert und durchsichtig ist, dann ist es sehr kompakt und ohne Lufteinschlüsse. Hat es eine blumenkohlartige Struktur, dann ist es fragil; wird es weiß, war es lange Zeit warm, und das Eis hat sehr viele Lufteinschlüsse, und es ist sehr große Vorsicht geboten.

BERGSTEIGER: Wie viel Zeit nehmen Sie sich, das Eis zu lesen?
PAPERT: Das ist nicht wie meditieren. Meistens reicht ein Blick, und ich weiß Bescheid.

BERGSTEIGER: Noch so ein Papert-Ausspruch: »Ich habe ein freundschaftliches Verhältnis zum Eis«. Bei einer Freundschaft bekommt man auch etwas zurück. Was wäre das in Ihrem Fall?
PAPERT: Das Schöne am Eis: Es kommt und geht. Im Sommer sieht man nur eine nasse Felswand, im Herbst bilden sich dünne Eisglasuren, die immer mehr anwachsen. Irgendwann sagt das Eis zu mir: Komm und klettere da hinauf. Ohne das Eis würde ich die Wand gar nicht hochkommen. Deswegen sehe ich das Eis als meinen Freund. Es sagt mir immer, wie die Bedingungen sind.
Text: Michael Ruhland; Fotos: Rainer Eder, Hans Hornberger, Franz Walter
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