Hochwertige Pornografie - Das große Bergsteiger-Interview | BERGSTEIGER Magazin
Das große Bergsteiger-Interview mit Stefan Glowacz

Hochwertige Pornografie - Das große Bergsteiger-Interview

Seine Karriere begann mit einem Paukenschlag. 1987 gewann Stefan Glowacz in Arco den Rock Master, Italiens wichtigsten Kletterwettkampf. Seit Mitte der neunziger Jahre erobert der Profi entlegene Bergregionen. Glowacz, 47, offenbart im BERGSTEIGER seine Freude an gut gemachten Pornos, verrät, warum er Top-Kletterinnen nicht weiblich findet und was die stressigste Reise seines Lebens war – mit seinen Drillingen.
 
Das große Bergsteiger-Interview © K. Fengler, G. Heidorn
Das große Bergsteiger-Interview mit Stefan Glowacz
BERGSTEIGER: Herr Glowacz, beim International Mountain Summit in Brixen beklagten Sie, dass die einschlägigen Bergmedien selbst Teil der Szene geworden seien. Kurz: Sie taugten nicht als kritisches Korrektiv. Wir wollen das jetzt mal ändern. Bereit?
GLOWACZ: Ja, okay.

BERGSTEIGER: Sind Sie ein Selbstdarsteller?
GLOWACZ: Wenn man Profi ist, muss man in gewisser Weise Selbstdarsteller sein. Aber ich lasse mich nicht verbiegen. Deshalb sage ich wirklich das, was mir am Herzen liegt und nicht das, was mein Gegenüber vielleicht von mir erwartet.

BERGSTEIGER: Sie haben sich von Anfang an nicht verbiegen lassen? Das ist schwer zu glauben.
GLOWACZ: Gut, in den Anfangsjahren habe ich Sachen gemacht, die würde ich heute nicht mehr tun. Ich dachte damals, das gehört dazu.

BERGSTEIGER: Zum Beispiel?
GLOWACZ: Ich kletterte irgendwelche Hochhäuser hoch, weil es eine spektakuläre Aktion war.

BERGSTEIGER: Auf Geheiß eines Sponsors? 
GLOWACZ: Ja, damals für Swatch. Die Werbeidee war eigentlich ganz witzig: Wir vereinbarten, eine fiktive rote Linie durch Frankfurt zu legen, und ich sollte alles überklettern, was sich auf der Linie befand.

BERGSTEIGER: Also eine Show-Veranstaltung.
GLOWACZ: Ganz genau. Heute würde ich das wesentlich kritischer angehen. Ich werde zwar im nächsten Jahr beim Wolkenkratzerfest in Frankfurt dabei sein. Aber nur, weil ich die Aktion des lokalen Radiosenders super finde. Die Öffentlichkeit darf Türme betreten, in die man normal nicht reinkommt.

BERGSTEIGER: Sie hinterfragen Ihr Tun mehr als früher?
GLOWACZ: Nicht nur meines, auch das der anderen Protagonisten. Es ist unser einziges Regulativ. Es gibt im Klettersport keine Funktionäre, keine Schiedsrichter – mit Ausnahme des Wettkampfkletterns – , die den Ehrenkodex immer wieder überprüfen würden.

BERGSTEIGER: Also eine Art freiwillige Selbstkontrolle innerhalb der Szene?
GLOWACZ: Es muss eine gewisse Kritik da sein. Das Faszinierende ist ja: Der Hochleistungsklettersport ist eine der ganz wenigen Sportarten weltweit, der ohne eine feste Wettkampfform auskommt und sich immer wieder selbst neu definiert – nur durch den eigenen Antrieb der Szene.

BERGSTEIGER: Sie haben eine eigene PR-Agentur, sie vermarkten Ihr Tun. Ist das nötig?
GLOWACZ: Wenn man davon leben will, ja: Bücher, Vorträge oder auch Kataloge – das ist alles natürlich auch Selbstdarstellung. Wenn sie gut gemacht ist und in den eigenen Händen bleibt, finde ich das absolut in Ordnung. Man kriegt ja kein Geld nur dafür, dass man sich an kleinen Griffen festhalten kann.

BERGSTEIGER: Es gibt Live-Berichte aus dem Biwak, Twitter-Meldungen aus der Wand. Der Südtiroler Bergsteiger Hanspeter Eisendle hat die Problematik in eine pointierte Frage gepackt: »Wo hört die Erotik auf und fängt die Pornografie an?« Ihre Antwort, bitte.
GLOWACZ: Ich mag Pornografie. Gut gemachte Pornografie finde ich sogar sehr gut. Alle, die in Brixen auf der Bühne saßen, waren mit Ausnahme David Lamas Old-School-Bergsteiger. Sie haben in einer Zeit angefangen, in der man noch analog fotografierte. Man ging auf Expedition, und drei Wochen später hatte man vielleicht die ersten Bilder auf dem Leuchttisch. Bevor man überhaupt etwas in einem Magazin lesen konnte, waren zwei oder drei Monate vergangen. In der jetzigen Generation haben sich die neuen Medien in einer rasenden Geschwindigkeit entwickelt und die ganze Kommunikation verändert.

BERGSTEIGER: Sie wehren sich gegen den Spruch: »Früher war alles besser«?
GLOWACZ: Man kann doch den jungen Bergsteigern die digitale Revolution nicht zum Vorwurf machen. Die gehen selbstverständlich damit um. Ich brauche mir nur meine eigenen Kinder anschauen: Wenn die etwas wissen wollen, dann googeln sie und holen sich ganz gezielt Informationen.
Text: Dominik Prantl, Michael Ruhland; Fotos: K. Fengler, G. Heidorn
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 07/2012. Jetzt abonnieren!
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