Andy Holzer: "Blindheit kann auch ein Vorteil sein" | BERGSTEIGER Magazin
BERGSTEIGER-Interview mit Andy Holzer

Andy Holzer: "Blindheit kann auch ein Vorteil sein"

Andy Holzer hat sechs der Seven Summits bestiegen. Über 200 Tage im Jahr verbringt der Osttiroler im Gebirge – beim Bergsteigen, Klettern und Skitourengehen. Dabei ist er von Geburt an blind. Ein Gespräch über die philosophische Dimension seiner Geschichte.
 
Andy Holzer: Ein Leben ohne Einschränkungen © Archiv Holzer
Andy Holzer: Ein Leben ohne Einschränkungen
BERGSTEIGER: Herr Holzer, sind Sie froh darüber, blind zu sein?
ANDY HOLZER: Das ist extrem ausgedrückt, ich kann es mir ja nicht aussuchen – aber ja. Denn es gibt auf dieser Welt keinen einzigen Nachteil, der nicht auch von Vorteil sein kann. Ein David Lama kann zum Beispiel klettern bis die Fetzen fliegen, ich werde diese Touren nie machen können. Aber David kann nicht meine Geschichte erzählen. Er wird sich allerdings auch gar nicht danach sehnen.

Welche Geschichte ist das? 
Mein Motto ist: Den Sehenden die Augen öffnen. Das ist keine überhebliche Ansage, sondern bedeutet, dass man seine scheinbaren Schwächen einmal von einer anderen Seite betrachten sollte und sie dadurch vielleicht sogar zu einem Werkzeug machen kann. Wenn ich nicht blind wäre, würden wir uns jetzt sicher nicht unterhalten.
Andy Holzer
Wie kann aus Blindheit ein Werkzeug werden?

Aufgrund meiner eingeschränkten Wahrnehmung sind bei mir einige Ressourcen im Gehirn frei. Ich werde nicht mit Seheindrücken überschüttet und kann die übrigen Eindrücke ganz anders analysieren und reflektieren. Von sehenden Partnern höre ich oft: Auf das wäre ich jetzt gar nicht gekommen. Mein Mentor, Hans Bruckner, der mich vor 25 Jahren zum ersten Mal mit zum Klettern genommen hat, sagte zu den vielen Skeptikern: Wenn ein Sehender und ein Sehender in einer Seilschaft klettern, ist deren Wahrnehmung äquivalent. Wenn ein Sehender und ein Blinder klettern, dann steht deren Wahrnehmung auf einem viel breiteren Fundament. Man muss nur gut kommunizieren.

Wie kommt ein Blinder eigentlich zum Bergsteigen? 
Ich bin in den Dolomiten aufgewachsen. Als Kind habe ich gar nicht gewusst, dass das Bergsteigen ist, was ich da mache. Ich habe nur gespürt, dass es im Steilen leichter ist sich zu bewegen als in der Ebene. Als Blinder orientierst du dich viel mit den Händen, das ist im aufrechten Gang schwierig. Am Fels hatte ich die Welt plötzlich unter Kontrolle. Und deshalb ist das Bergsteigen bis zum heutigen Tag die sichere Variante für mich.

Bergsteigen ist für Sie also eher Kontrolle als Freiheit? 
Kontrolle bedeutet für mich Freiheit. In den Bergen kann ich mich so bewegen, wie ich es spüre. Wenn ich keine Kontrolle mehr habe, muss ich mich so bewegen, wie es mir die anderen sagen.

Sie können Ihren Lebensunterhalt durch das Bergsteigen gut bestreiten. Ist es für Sie sogar leichter, Sponsoren zu finden als für sehende Kollegen? 
Am Anfang haben die Unternehmen das philosophische Potenzial meiner Geschichte nicht erkannt. Wenn ich heute meinen Laptop aufklappe, kann ich mir aussuchen, wohin ich gehe. Ich darf meine Geschichte in ganz Europa, in Dubai oder Indien erzählen und verdiene damit mein Geld. Außerdem bin ich nicht auf die Outdoor-Branche festgelegt. Mal rede ich vor Leuten aus der Automobil-Industrie, und dann stehe ich wieder vor 300 Ärzten bei einem Gynäkologen- Kongress. Das ist sehr spannend.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie das Bergsteigen nicht entdeckt hätten?
Ich weiß genau: Wenn ich in Hamburg aufgewachsen wäre, würde ich jetzt mit meinem Katamaran übers Meer fahren. Oder ich wäre Musiker. Ich war 28 Jahre lang Gitarrist und Sänger. Da wäre auch sehr viel Potenzial.

Viele Menschen gehen auf Berge, um herunter schauen zu können. Warum steigen Sie hinauf? 
Als ich ein kleiner Junge war, haben meine Spielkameraden von den Zacken der Dolomiten erzählt. Ich wusste: wenn ich die auch sehen möchte, muss ich halt raufsteigen und sie erfühlen. Deswegen besteige ich die Berge auch heute noch nicht nur von einer Seite, sondern von allen. So kann ich mir die Formationen und Silhouetten, ja sogar die Schattenwerfungen viel genauer vorstellen.



Ihr Kopf arbeitet also auch mit Bildern?
Natürlich. Ich habe einmal ein Haus für mich und meine Frau gebaut. Wie jeder, der ein Haus baut, habe ich mir vorher andere Häuser angeschaut. Aber wie geht das als Blinder? Ich bin zu den Leuten hingegangen und habe gefragt, ob ich aufs Dach steigen darf, um zu erspüren, wie die Häuser ausschauen. Das ist für mich Barrierefreiheit.

Gutes Stichwort: Wie sehen Sie die aktuellen Inklusionsbemühungen im Bergsport? 
Für mich gibt es keinen Unterschied, ob Inklusion in der Straßenbahn, in der Schule oder am Berg gelebt wird. Der erste Schritt kann eine Kampagne sein, die Einladung ist eine wahnsinnig wichtige Sache. Die Lösungen müssen aber von den Betroffenen selbst kommen. Der Spezialist der blinden Welt kann ja kein Sehender sein. Ich kann nicht erwarten, dass mich jemand auf einen Berg bringt oder mich über Gletscherspalten führt, weil ich blind bin. Damit überfordere ich alle und wir werden scheitern. Ich muss den Mut aufbringen und die Sehenden führen, damit sie mich ans Ziel bringen.

In der Folge bedeutet das dann aber auch eine große Abhängigkeit.
Ich musste auch erst lernen, was Abhängigkeit bedeutet. Ohne Hilfe käme ich im Café nicht vom Tisch bis zur Toilette. Aber ich habe gemerkt, dass das nicht so schlecht ist. Unsere Gesellschaft ist gesteuert von drei Werten: Reich sein, gesund sein und unabhängig sein. Wenn man diese drei Parameter erfüllt, hat man angeblich das glücklichste Leben. Für mich ist das vollkommener Schwachsinn.

Wie meinen Sie das?
Die Leute wollen immer alleine schalten und walten. Aber Unabhängigkeit gibt es auf dieser Welt nicht. Der Grashalm ist abhängig vom Wassertropfen, der wiederum von der Wolke abhängig ist, die ohne den Wind nicht sein könnte und so weiter. Einfach alles ist ein Netzwerk. Wenn man verstanden hat, dass diese Abhängigkeit nicht zu bekämpfen ist, sieht man in ihr vielleicht den Sinn des Lebens. Natürlich hat das auch Nachteile. Es kann auch mal ein Wahnsinniger dabei sein, der das ausnutzt. Aber wenn du unabhängig bist, hast du noch mehr Nachteile.
Andy Holzer Rucksacktechnik
Rucksacktechnik: Im flachen Gelände liest Holzer den Untergrund über die Bewegungen seines Vordermanns.

Am Mount Everest waren Sie zweimal den Naturgewalten ausgeliefert. Wird es ein drittes Mal geben? 
Dieses Jahr ist es für mich moralisch nicht vertretbar. Dafür waren die Tragödie und das Leid nach der Lawine und vor allem nach dem Erdbeben zu groß. Außerdem muss ich die Sehnsucht wieder spüren. Wenn ich wirklich für etwas brenne, dann bringe ich dort auch die nötige Leistung. Viele Leute wollen schon wieder mit mir losziehen, aber ich bin momentan noch in einer Grauzone. Ich war zwei Jahre lang nur auf dieses Projekt konzentriert. Wichtig ist mir ohnehin nur, dass ich es zweimal versucht habe und nicht zu feige oder zu faul war. Wenn ich die Sehnsucht wieder spüre, kann ich es in einer halben Stunde entscheiden.

Hatten Sie schon einmal den Gedanken, mit dem Bergsteigen aufzuhören? 
Ich werde ja immer als sehr selbstbewusst dargestellt, was einerseits an meiner Ausstrahlung, andererseits an der Rücksicht vieler Journalisten gegenüber behinderten Menschen liegt. Aber die Wahrheit ist ganz anders: Ich hab schon alles erlebt. Ich bin auf den höchsten Gipfeln, aber auch am offenen Grab meines Seilpartners gestanden und zwei kleine Kinder haben mich gefragt: »Andy, warum ist der Papa mit dir Klettern gegangen?« Ich kenne die Konsequenzen und habe für mich selbst die Rechnung aufgestellt, dass mir das Bergsteigen immer ein bisschen mehr geben als nehmen kann.

Zur Person Andy Holzer

Andreas Josef Holzer wird am 3. September 1966 in Lienz in Osttirol geboren. Auf Grund der Netzhauterkrankung Retinitis Pigmentosa ist er von Geburt an blind. Nach Abschluss der Hauptschule und einem polytechnischen Lehrgang beginnt er die Ausbildung zum Heilmasseur und Heilbademeister. Neben dem Beruf spielt er als Gitarrist, Bassist und Sänger in einer Tanzkapelle und betreibt verschiedene Sportarten, wie Langlauf und Surfen, vor allem aber Klett ern und Bergsteigen. 2010 macht sich Holzer als Bergsteiger, Testimonial und Vortragender selbstständig. Mit seiner Frau Sabine ist er seit 1990 verheiratet.
 
Interview: Stefan Moll
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 02/2016. Jetzt abonnieren!
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