Hüttenporträt: Müllerhütte am Wilden Pfaff

»Iceparade« auf der Müllerhütte

Die Müllerhütte ist ein Parade-Beispiel für die Kreativität einer neuen Generation von Hüttenwirten. Für die »Iceparade« nehmen Eiskletter-Fans und Musiker samt einer Schar Tanzwütiger den Aufstieg auf mehr als 3000 Meter Höhe in Kauf.
Von Michael Pröttel
 
Die Müllerhütte im Ausnahmezustand: Party mit Live- Gigs am Vorabend der Iceparade © Michael Pröttel
Die Müllerhütte im Ausnahmezustand: Party mit Live- Gigs am Vorabend der Iceparade
Mitten in der Hochsaison wünscht sich Heidi von Wettstein zwei, drei Tage schlechtes Wetter. Für eine Hüttenwirtin ist das ungewöhnlich. Aber angesichts der Umstände verständlich: Ein Tag Erholung reicht nicht, wenn man bis zwei Uhr nachts tanzt und vier Stunden später Kaffee serviert, um die ebenfalls nicht ganz frischen Gäste auf das Finale der »Iceparade « im Gletscherbruch über der Müllerhütte vorzubereiten.

Spontanes Ja zur Müllerhütte

Muellerhuette Wirtsleute
Heidi und Lukas, die Wirtsleute der Müllerhütte
Heidi, in Kopenhagen aufgewachsen und um die Jahrtausendwende nach Tirol ausgewandert, ist eine Freundin unkonventioneller Entscheidungen. Anders ist ihr spontanes Jawort auf den Antrag des Elektrikers Lukas Lantschner nicht zu deuten. Der fragte die hübsche Dänin beim Reparieren ihres defekten Heizkörpers unvermittelt, ob man nicht gemeinsam die gerade vakante Müllerhütte bewirten wolle. Direkt am Stubaier Hauptkamm zwischen Wildem Freiger und Wildem Pfaff gelegen, verspricht die Müllerhütte auf 3145 Metern Herausforderungen in jeder Hinsicht: nicht nur in Sachen Bewirtschaftung, sondern auch was den Zustieg anbelangt.

Selbst die kürzeste Variante vom Stubaital erfordert Gletschererfahrung und Kraxeln im II. Grad. Vom Ridnauntal aus gelangt man zwar seilfrei zur Hütte, muss dafür aber fit für satte 1700 Höhenmeter sein. Die Mühe lohnt sich: Sieben Stunden lang wandert man auf einem der landschaftlich schönsten und abwechslungsreichsten Hüttenanstiege der gesamten Ostalpen. Auf der Zielgeraden queren die Gäste sogar den größten Gletscher der Stubaier Alpen. Und der stellt für die Müllerhütte einen entscheidenden Standortvorteil dar. Während sich das Eis der Alpen nahe vielen anderen Hütten rasant zurückzieht, bietet der Übeltalferner nach wie vor bestes Trainingsgelände für Gletscherkurse.

Keine halbe Stunde Gehzeit von der warmen Gaststube entfernt, gibt es im obersten Gletscherbruch beinharte Eiswände für jedes Schwierigkeitsniveau. Diese Umstände waren es auch, die Heidi und Lukas zusammen mit befreundeten Bergführern schon in ihrem zweiten Hüttenjahr auf die Idee zu einem einzigartigen Event brachten. Nach sieben Durchgängen hat die »Iceparade« der Müllerhütte bereits Kultstatus. Südtiroler Bands stehen Schlange um am Vorabend auf dem Wolkenhaus ohne Gage aufspielen zu dürfen. Coole Combos wie 2014 »Cash and go« lassen für diese Ehre sogar lukrative Tal-Engagements sausen. Selbst für Gitarristen wie den Brixener Christian Losso, der »erst ein einziges Mal auf einem Gipfel« stand, ist es Ehrensache, nicht den Versorgungs-Helikopter zu nehmen, sondern den weiten Anstieg aus eigener Kraft zu bewältigen.

Abrocken auf Gipfelniveau

Dass die Luft nach oben ziemlich dünn wird, merkt der bekennende Raucher nicht nur beim Aufstieg, sondern auch beim Singen beim umjubelten Gig. Doch spätestens der Stones-Klassiker »Sympathy for the devil« bringt die Hütten-Statik dann an ihre Grenzen. Angesichts des tanzwütigen Publikums musste Lukas im Vorjahr die Kellerdecke mit Holzbalken abstützen. Die Eisschrauben entlang der Spalte sind hingegen bombenfest. Jedes Jahr bereitet ein bis zu zehnköpfiges »Ice-Team« zwei Tage lang absolut sichere Startbedingungen für den Eiskletter-Wettbewerb vor. Während die harmlose »Chicken«-Tour selbst für den blutigen Anfänger Losso machbar ist, fordert die knackige »Hardcore«-Variante gleich zu Beginn ihren Tribut. 

Nach einem etwas hastigen Start (es geht schließlich um die beste Zeit) kämpft sich der erste Teilnehmer im überhängenden ersten Abschnitt nur noch zentimeterweise weiter. Mit letzter Kraft schlägt der Südtiroler den Pickel … und stürzt ein gutes Stück ins Gletscherinnere. Seildehnung können auch die besten Fixpunkte nicht verhindern. Insgesamt meistern 2014 nur zwei Teilnehmer den kraftraubenden Hardcore-Spaltenquergang. Beschwerden gibt es keine. Wohl wissend, dass da auch die vergangene Nacht mit im Spiel war.

Hütteneinmaleins Müllerhütte

Lage: Die Müllerhütte liegt auf 3145 Metern Höhe direkt südlich des Stubaier Hauptkamms zwischen Wildem Pfaff und Wildem Freiger.
Zugänge: Der kürzeste Zustieg erfolgt von der Timmelsjochstraße über Schwarzwandscharte und Übeltalferner (Markierungsstangen, 1400 Hm, 4–5 Std.). Vom Ridnauntal geht es über die Teplitzer Hütte zum ebenfalls mit Stangen markierten Gletscheranstieg (1700 Hm, 7 Std.). Die wenigsten Höhenmeter sind unter Seilbahnbenutzung zum Schaufeljoch mit anschließendem Übergang über den Wilden Pfaff und den Pfaffengrat (II) zu bewältigen (250 Hm, 4–5 Std.)
Kapazität: 20 Betten, 70 Lager, Winterraum mit 6 Plätzen
Öffnungszeiten: Ende Juni bis Mitte September
Internet: www.muellerhuette.eu
Kontakt: 00 39/3 29/2 34 69 43 (Lukas), 00 43/6 99/18 67 89 65 (Heidi)

Abrocken und Gipfel sammeln auf der Müllerhütte

»Wir heizen den Ofen ein für Schuhe und Seele, kochen mit Liebe und Fantasie, fördern Tanz und Musik« und zwar am 2. August 2015 zur Iceparty mit Livekonzert, dem am 3. August der Eiskletter-Wettbewerb folgt. Ansonsten ist der Selbstdarstellung auf der Homepage der Müllerhütte nichts mehr hinzuzufügen; bis auf eine Kleinigkeit. Nämlich die Tatsache, dass sich das Hütten-Team auch für den Erhalt der wilden Bergnatur engagiert: Als Mitglied der weltweiten, von Patagonia-Gründer Yvon Chouinard initiierten Kampagne »1% for the planet« spendet die Müllerhütte ein Prozent ihres Jahresumsatzes an gemeinnützige Umweltschutzorganisationen gemäß dem Leitsatz: »Die Berge schützen, damit wir sie wild erleben können.«
Fotos: 
Leo Werth, Michael Pröttel
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 08/2015. Jetzt abonnieren!
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