Berg- und Hochtouren rund um den Vernagtferner

Vernagthütte - Ausgangspunkt für 3000er-Touren

Die Vernagthütte ist als Basis-Camp der ideale Ausgangspunkt für Berg- und Hochtouren rund um den Vernagtferner. Sei es ein einfacher Dreitausender oder eine anspruchsvolle Gletscherwanderung.
Von Christian Schneeweiß

 
Sicherer Hafen bei Wind und Wetter: die 2755 Meter hoch gelegene Vernagthütte © Bernd Ritschel
Sicherer Hafen bei Wind und Wetter: die 2755 Meter hoch gelegene Vernagthütte
Das schöne Wetter ist trügerisch. Und so stehen wir, nachdem wir uns mit Steigeisen über den beinhart gefrorenen Firn gearbeitet haben, trotz prallem Sonnenschein bibbernd am Fluchtkogel auf 3497 Metern. Eilig steigen wir hinab zum Oberen Guslarjoch (3361 m), dem einfacheren der beiden Übergänge von der Vernagthütte zum Brandenburger Haus. Und schon – was für eine Wohltat – spüren wir schlagartig die Strahlungswärme des Guslarferner. Seit sie aufgegangen ist, heizt die Sonne hier die stehende Luft auf. Am Gletscherbeginn klafft denn auch schon die erste offene Spalte im aufgeweichten Schnee.

Glücklicherweise habe ich die leichtgewichtige Carola vorne eingebunden. Sie hüpft einfach hinüber, während die Seilschaft mit gespanntem Seil bereitsteht, um sie – sollte sie einbrechen –, gar nicht erst in die Spalte rutschen zu lassen. Zwischen meist tückisch verborgenen Eisklüften winden wir uns allmählich über Schnee- und Eispassagen durch das faulige Gletscherlabyrinth. Dabei folgen wir nur dem Instinkt und keineswegs immer den Spuren. Plötzlich hängt der Führer einer anderen Seilschaft mit einem Bein in einer Spalte. Auf dem Moränenrücken zur Vernagthütte begegnen uns anschließend zwei Weitwanderer ohne Gletscherausrüstung: Wie denn der Weg zum Brandenburger Haus sei. Welcher Weg?

Der Weg zur Vernagthütte beginnt harmlos

Dabei fängt der Aufstieg in die Gletscherregion der Vernagthütte so harmlos an: Hinter Rofen (2011 m), dem letzten und höchsten ganzjährig bewohnten Ort des Ötztals, breitet sich die blumensatte Alpe an der Rofenache aus. Den Weiterweg scheint eine wilde Schlucht mit dunklen Schrofenwänden zu versperren. Mit Steigeisen und Eispickel ausgerüstete Hochtourengeher können über steile, sonnseitige Almhänge nach oben ausweichen.

An grasenden Schafen vorbei führt der Weg um eine Ecke ins Vernagttal. Plötzlich dominieren Gletschermoränen und Schutt die Szenerie. Tief unten bahnt sich der Vernagtbach weiß schäumend seinen Weg. Darüber erheben sich Gletscherflächen, die sich mit jedem Schritt zu weiten scheinen, bis zu Urgesteinsgraten und -gipfeln. Die weiße, im Hochsommer zunehmend ergrauende Fläche des Vernagtferners liegt im Herzen des Ötztaler Weißkamms zwischen Wildspitze und Weißkugel. Kaum zu glauben, dass sich noch bis 1850 Gletschermassen bis zu zwölf Meter am Tag von dort hinten neben dem jetzigen Wanderweg durch das Vernagttal hinab bis zur Rofenache gewälzt haben. Die Folge: Der Wildfluss hinter der Rofenschlucht staute sich auf; der See, der so entstand, entlud sich von 1845 bis 1848 mehrmals und sorgte im Ötztal für Überschwemmungen.

Deshalb begann man hier schon früh mit systematischer Gletscherforschung. 1893 entstand daraus die erste Gletscherkarte des Ötztals. Die entscheidenden Massenbilanzmessungen wurden aber erst ab 1952 mit Dampfbohrer und Radargerät durchgeführt, die Fließgeschwindigkeit in jüngerer Zeit mit Laser und GPS-Gerät gemessen.

Hotelkomfort auf der Vernagthütte

Unterhalb der glaziologischen Messstation des Instituts für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck geht es über den Gletscherbach zur wuchtigen Vernagthütte (2755 m). Auf ihrer breiten Sonnenterrasse flitzt die Bedienung zwischen den voll besetzten Tischen hin und her. Der Eingangsbereich überrascht mit der Weite eines Hotelfoyers mit 1,6 Meter breiter Treppenflucht. Dem angegliedert ist ein großzügiger Schuh- und Trockenraum.

Über eine Treppe gelangt man in einen gemütlichen, hölzernen Hüttengastraum mit großzügiger Theke, von dem wiederum verwinkelte Nebenräume in die diversen Anbauten abzweigen. Trotz ihrer Lage setzt die Hütte auf Zutaten aus der Region, und führt daher das Gütesiegel »So schmecken die Berge«. Während früher hauptsächlich ältere Hochtourengeher und geführte Gruppen die Gaststube bevölkerten, unternehmen heute immer mehr Jüngere Gletschertouren, erzählt Martin Scheiber, der kernige Hüttenwirt. Im Sommer kommen auch Wanderer den weiten Weg von Vent herauf – nicht nur um die Hüttenromantik inmitten des Hochgebirges zu genießen, sondern immer öfter, um einen der umliegenden gletscherfreien Dreitausender zu besteigen.

Üppige Verdauungstour auf die Hintergraslspitze

Als kurze Verdauungstour nach dem Mittagessen bietet sich der Hüttenberg der Hintergraslspitze (3268 m; Hauptgipfel 3325 m) an. Bis zum Hintergrasleck führt ein verfallener Grasschrofensteig hinter der Vernagthütte zügig hinauf. Noch in diesem Jahr soll er saniert und neu markiert werden. Die folgenden hundert Höhenmeter am scharfen Südostgrat (I, stellenweise II) sind für Alpinisten ein Hochgenuss in griffigem Urgestein, gekrönt von einem umfassenden Ausblick über das Gebiet. Stattdessen ließe sich aber auch im Süden die Hintere Guslarspitze (3147 m) am Winterübergang zum Hochjochhospiz besteigen.

Der von Steinmännchen markierte Steig ist allerdings länger und teils mühsam. Seit 2011 ist er frisch hergerichtet, so dass man nicht mehr auf den nordseitig eingelagerten Minigletscher ausweichen muss. Der bisher vernachlässigte Unterhalt der Wege in der »subglazialen Zone« ist also aktuell in vollem Gange.

Der Vernagtferner ist zur Sonne hin ausgerichtet, und so sprudelt das Wasser nachmittags als braungraue Brühe aus dem eindrucksvollen Gletschertor. Entsprechend stark ist der Gletscher seit dem Beginn der systematischen Messungen 1893 zurückgewichen, und die Spaltengefahr damit zurückgegangen. Trotzdem lohnt es sich, zu den Hochtouren früh aufzubrechen.

Gletschertour par excellence zum Vernagtferner

Verschlafene Augen im Sonnencreme-verschmierten Gesicht, müdes Rühren im Tee, schlurfender Gang zum Buffet. Mit klimpernder Gletscherausrüstung am Gurt begeben sich die ersten Hochtourengeher in den überdimensionalen Schuhraum, öffnen die schwere Tür und schlüpfen hinaus in die graublaue Morgendämmerung. Im Schein der Stirnlampe stolpern sie auf der Seitenmoräne zum westlichen Vernagtferner. Mit Seil und Steigeisen steigen sie im rauen, allmählich steiler werdenden Firn hinter Felsinseln dorthin, wo der Gletscher im Himmel zu enden scheint. Wer mehr oder weniger alleine auf einem Gipfel stehen will, der zweigt dort links zur Schwarzwandspitze (3466 m) ab. Dort hat man einen tollen Blick auf das in der Morgensonne glitzernde Plateau des Gepatschferner. Nach der Pasterze am Großglockner ist er der zweitgrößte Gletscher Österreichs.

Die meisten aber halten Kurs auf die Hochvernagtspitze und überwinden dafür rechts eine eventuell vereiste Stufe. Anschließend breitet sich das kleine Hochplateau zur Hochvernagtspitze (3530 m; Ostgipfel 3539 m) aus. Ihre Firnkuppe ist in den vergangenen Jahrzehnten bis auf den Felsgrund abgeschmolzen. Während der Gipfel sich nach Norden mit Firnflanken und Gletscherbrüchen panzert, brechen westseitig düstere Urgesteinswände bis zu 400 Meter tief auf den Wannetferner im Kaunertal ab.

Das unerwartet weite Panorama zeigt die höchsten Gipfelmajestäten der Ötztaler Alpen – von der janusköpfigen, südseitig schrofendunklen Wildspitze (3774 m), vor deren gletscherweißen Nordflanke sich der Hintere Brochkogel (3628 m) erhebt, bis zum scharfen Eisgrat der Weißkugel (3738 m) über der Grenze zu Südtirol im Süden; von dem Firnrücken des Similaun (3599 m) neben der felsgekrönten Gletscherrampe der Hinteren Schwärze (3624 m) bis zu den wild durcheinandergewürfelt wirkenden Zyklopenköpfen und Granitwänden des Kaunergrats mit der schwarzen Felswarze der Watzespitze (3532 m) im Norden.

Abwechslungsreiche Hochtour in den Ötztaler Alpen

Es gäbe noch einige weitere Gipfel im Kranz der Grate über dem Halbmond des weiten Vernagtferners. Im Norden wird er nur vom Taschachjoch (3236 m) zum Taschachhaus und dem Pitztal durchbrochen. Wirklich lohnenswert ist allerdings nur der anspruchsvollere Hintere Brochkogel im Nordosten mit seiner berühmten, meist blanken Nordwestwand. Von der Moräne geht es hinüber zum Beginn des Vernagttals mit dem Gletschertor des Vernagtferners.

Seine Weite lässt sich auf ausgetretener Spur überschreiten wie eine Miniaturversion des patagonischen Inlandseises. Hier ziehen ganze Karawanen über das steile Brochkogeljoch (3423 m) zur Wildspitze, während nur wenige den Firnbuckel der Petersenspitze (3482 m) mitnehmen oder gar vorher rechts abzweigen zur Firnkammer am Vernagtjoch (3400 m; kein Übergang! Nicht vorher zum Felsgipfel des Vorderen Brochkogels!).

Zwei wunderschöne Varianten warten an der Südseite des Hinteren Brochkogels (3628 m) auf den Allround-Hochtourengeher: Eine elegante Gletscherrampe mit abschließender Firnflanke, für die man mit zwei eistau-glichen Pickeln ausgerüstet sein sollte; oder der griffig-blockige Südgrat, der oben über den ausgesetzten Südostgrat zum eventuell überwechteten Firngipfel führt. Die Bergszenerie ist hier fast so weit wie auf der Wildspitze – mit Ortler und Presanella im Hintergrund. Der einzige Unterschied: Während sie sich dort gegenseitig auf die Zehen treten, herrscht hier angenehme Stille.
 
Basis-Camp Vernagthütte - Fotos: Bernd Ritschel
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