Hüttenzauber: Die Franz-Senn-Hütte und deren Namensgeber

Franz Senn Hütte im Stubaital

Der Tourismuspionier und DAV-Mitbegründer Franz Senn würde heute wohl seinen Augen kaum trauen: Die nach ihm benannte Hütte verfügt über WLAN und Webcam.

 
Bekanntester Stützpunkt am Stubaier Höhenweg: Die Franz-Senn-Hütte © Mark Zahel
Bekanntester Stützpunkt am Stubaier Höhenweg: Die Franz-Senn-Hütte
Wenn man so möchte, hat Franz Senn es geschafft. Unten am Parkplatz in der kleinen Siedlung Seduck reihen sich selbst unter der Woche Autos an VW-Busse und Transporter. Ein gutes Dutzend Skitourengeher jeglichen Alters und Fitnesszustands schnallt sich gerade die Ski unter. Wer sich dann auf den dreistündigen Weg macht, über Stücklenalm und Oberissalm hinauf zur Franz-Senn-Hütte, ist selten allein. Oben kann es passieren, dass Thomas Fankhauser, Wirt der bis zu 180 Hochtouristen fassenden Hütte, erklärt: »Wir sind ausgebucht.«

Franz Senn konnte von einem derartigen Ansturm nur träumen. Er durfte nicht einmal die Eröffnung der nach ihm benannten Hütte, einer der frühen Bauten im hochalpinen Gelände, erleben. Dafür ist er im Januar 1884 etwa 20 Monate zu früh verstorben. Aber Senn ist ein Pionier des Alpentourismus. Zu seiner Zeit gab es keine Autoreihen in abgelegenen Alpentälern, keine Tourengeherkolonnen; ja, selbst den Deutschen Alpenverein musste Senn 1869 erst noch mit ein paar Gleichgesinnten gründen. Senn glaubte an die positiven Effekte des Fremdenverkehrs und dass dieser ein Motor in den von Industrialisierung und Wohlstand weitgehend abgeschnittenen Alpenregionen sein könnte.

So wie in Vent im hinteren Ötztal, wo er als Priester anno1860 freiwillig die Kuratie St. Jakob übernahm. Oder in Neustift, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, ehe er an Tuberkulose starb. Nach allem, was der Literatur zu entnehmen ist, war Franz Senn ein Hochbegabter aus dem Ötztal, dem ein Gönner das Studium finanzierte.

Der vom Schicksal derart Begünstigte dachte fortan keineswegs nur an sich selbst. Bitterarm waren die Menschen in seiner Heimat und an seinen Wirkungsstätten damals, weil noch keine Teerstraßen ans Talende führten, wo die Navigationssystem-gelenkten VW-Busse perfekt ausgestattete Freizeitalpinisten in Powerstretch und Hardshell ausspucken.

Senn plädierte schon damals – vor 150 Jahren – dafür, Hütten, Steige und Wege anzulegen, wo andere nur wertlose Bäche, Almen und Berge sahen. Diese Almen und Bäche sind freilich immer noch da, die Berge sowieso. Groß und schön und stolz sind sie in menschlichen Dimensionen gemessen ein nahezu zeitloses Kapitel.

Der Tourismus hat allerdings nicht nur die Wege und Mittel geändert – wer möchte kann sich sein Gepäck gegen einen Aufpreis hoch zur Hütte transportieren lassen –, er unterliegt selbst einer ständigen Veränderung. Wurden für das Jahr 1891 insgesamt 97 Bergsteiger auf der Franz-Senn-Hütte registriert, trifft diese Zahl heute manchmal innerhalb weniger Stunden ein.

Horst Fankhauser, der vor seinem Sohn Thomas hier oben 31 Jahre lang als Wirt und Bergführer Gäste betreute, hat eine Beschleunigung registriert. Er nennt es »ein ständiges Kommen und Gehen«. Früher seien die Bergtouristen im Normalfall eine Woche geblieben, manchmal auch 14 Tage; und wenn das Wetter nicht passte, wurde gespielt, gelesen, oder was den Menschen sonst eben so auf einer Hütte einfällt.

Heute stornieren die Bergliebhaber ihren Aufenthalt bei negativen Wetterprognosen, oder erkundigen sich vor Schönwetterperioden kurzfristig nach einem Bett. Vorzugsweise im Doppelzimmer. Hüttengefühl ist schön und gut, aber am besten doch bitte bei strahlendem Sonnenschein und in privater Atmosphäre.

Dabei kostet eine Übernachtung im Doppelzimmer mit Halbpension für Nicht-Alpenvereinsmitglieder auf der Franz-Senn-Hütte fast so viel wie eine feine Unterkunft unten in Neustift. Angesichts der steigenden Nachfrage hat der Wirt die Grundsätze Senns längst weiterentwickelt. »Wir sollten den Mut haben, mehr zu bieten und mehr zu verlangen«, sagt Thomas Fankhauser.

Es geht nicht mehr darum, wie man die Leute in die Berge lockt, sondern was man ihnen dort bieten sollte. Die großen Schlafeinheiten seien nicht mehr zeitgemäß, außerdem übersteige die Nachfrage nach Doppelzimmern das Angebot. In anderen Bereichen hat Fankhauser (wie auch schon dessen Eltern) das Erbe in die Moderne überführt. Mit Webseite und Webcam informieren die Pächter über die aktuelle Lage am Berg; auf der Hütte kann der Gast wiederum per WLAN mit der Welt in Verbindung bleiben. Das Essen schmeckt sowieso besser als in den meisten Wirtshäusern im Tal, und man weiß nicht so recht, ob das nun an der Höhenluft oder der Küche liegt. Wie viele andere alpinen Unterkünfte verliert die Franz-Senn-Hütte damit langsam den Status als Zufluchts- und Schutzstätte abseits der Zivilisation.

Sie dient den Menschen mehr als Tapeten- oder besser: Panoramenwechsel. Und der ist natürlich großartig, weil die umliegenden Dreitausender der Stubaier Alpen bis weit in den Frühling hinein nur so vor Schnee strotzen. Bis Anfang Mai wird die Saison laufen, ehe die Natur die umliegenden Hänge während einer relativ kurzen Betriebspause von etwa fünf Wochen neu einkleidet.

Fankhauser selbst mag den Winter, trotz der etwas komplizierteren Logistik, denn »er ist für uns gemütlicher.« Seine Winterbesucher reservieren in 95 Prozent der Fälle und buchen beinahe ebenso häufig die Halbpension mit mehrgängigem Abendessen. Sie ist das tägliche Brot des Hüttenwirts, da er an den vom Alpenverein vorgegebenen Übernachtungspreisen kaum etwas verdiene.

Außerdem starten Wintergäste frühmorgens schon allein wegen der im Tagesverlauf steigenden Lawinengefahr beinahe gleichzeitig. Dem Wirt gibt das Planungssicherheit und auch etwas Zeit zum Durchschnaufen. Um halb acht zieht die Tourengeher-Karawane zum Alpeiner Gletscher und dann auf die umliegenden Gipfel und Scharten.

Im Sommer, wenn Alpinisten und Wanderer eher spontan vorbeischauen, ist das ständige Kommen und Gehen noch viel ausgeprägter. Franz Senn, den eine Tafel an der Hüttenwand als »Seelsorger, Tourismuspionier, Mitbegründer des Alpenvereins, Alpinist« würdigt, würde sich wohl sommers wie winters ganz schön wundern. Vor allem aber wäre er ein bisschen stolz auf seine Hütte.

Eckdaten zur Franz-Senn-Hütte:

Die Franz-Senn-Hütte ist der größte und wohl auch bekannteste Stützpunkt in den Stubaier Alpen, ein gefragtes alpines Ausbildungszentrum, unentbehrliches Etappenziel auf dem Stubaier Höhenweg, aber auch frequentierter Anlaufpunkt für Tageswanderer (vgl. BERGSTEIGER 4/13). Der Bau im Jahr 1885 ging auf eine Anregung des »Gletscherpfarrers« Franz Senn zurück, der zuletzt in Neustift wirkte. Mit einem Dutzend vergletscherter Gipfelziele ringsum ist das Tourenrevier ausgesprochen ergiebig. Im Laufe der vergangenen Jahre wurde zudem ein breit gefächertes Angebot an modernen bergsportlichen Aktivitäten geschaffen: Klettergärten, kurze Sport- und Action-Klettersteige, eine permanente Slackline und der »Flying Fox« über die Schlucht des Gschwezbachs. Auf neudeutsch: ein alpiner Funpark. Dazu passt die komfortable Ausstattung des Hauses. Gleichwohl bemüht sich die Pächterfamilie Fankhauser seit jeher, den Platz als Bergsteigerheim zu erhalten. Zur Skitourenzeit, wenn viele der Hochgipfel sogar deutlich mehr besucht werden, bekommt dieser Aspekt stärkeres Gewicht.

Eigentümer: OeAV Sektion Innsbruck
Baujahr: 1885
Schlafplätze: 80 Betten, 90 Lager
Bewirtschaftet: Mitte Juni bis Anfang Oktober und zur Skitourenzeit
Kontakt: Tel. 00 43/52 26/22 18
Internet: www.franzsennhuette.at
Zustieg: von der Oberisshütte (1742 m) im Oberbergtal 1¼ Std.
Hüttenzauber: Franz-Senn-Hütte. Text: Dominik Prantl; Fotos: Horst Fankhauser, Dominik Prantl
Fotos: 
Horst Fankhauser, Dominik Prantl
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