Warme Füße an kalten Tagen

Winterstiefel - darauf sollten Sie achten

Wandern im Winter wird immer beliebter. Aber dazu sollten die Schuhe im wahrsten Sinn des Wortes »passen«! Welche Anforderungen an Wanderstiefel für die kalte Jahreszeit gestellt werden und wofür sie taugen, sagen wir Ihnen in unserer großen Marktübersicht.

 
Das sollten gute Winterstiefel können © BERGSTEIGER
Das sollten gute Winterstiefel können
So unterschiedlich im Winter Schneebedingungen und Temperaturen sind, so unterschiedlich sind Konstruktion, Material und Verarbeitung der getesteten Winterstiefel. Eines gilt für alle jedoch gleichermaßen: Sie sollten möglichst wasserdicht und vor allem robust sein.

Vom Leder ziehen – das Material
Viele Hersteller statten ihre besseren Modelle mit Rundum-Verstärkungen aus Kunststoff aus. Zumeist bestehen diese aus PU-Mischungen (Polyurethan) und sind an Fersen und Zehen hochgezogen; bei Hochtourenschuhen aus Plastik gibt es einen Gummirand. Leder wird kaum verarbeitet, denn es würde wegen des Schneeabriebs mit der Zeit geschädigt (auch Glattlederwie beispielsweise Nubuk) und kann sich dann mit Feuchtigkeit vollsaugen. Während die Fersenverstärkung fürs Winterwandern nicht nötig wäre (fehlt bei Northland), ist für Schneeschuhe eine robuste Zehen- und Fersenkappe enorm wichtig. Nicht so bei Plattenbindungen von Kunststoffschneeschuhen. Praktisches Detail ist eine in die Fersenkappe eingearbeitete Kerbe (Salomon, Kamik), die bei der Verwendung von Grödelndem Fersenriemen Halt bietet. Anders hingegen die Kerben gut isolierter Hochtourenschuhe: Sie sind für die Steigeisen gedacht (LaSportiva, Scarpa). Im Schnürungs- und Schaftbereich variiert das Obermaterial zwischen atmungsaktiverem Kunstfaser-Material (z. B. Adidas) und robusterem Leder (z. B. Lowa). Sobald der Schuh allerdings mit einer wasserdichten Membran und/oder vielen künstlichen Isolierungen (Alufolie, Thinsulate, Aerogel, Primaloft) gefüttert wird, spielen die Dampfaufnahme des Textil-Innenfutters und die Schweißweiterleitung der Strümpfe eine größere Rolle als die Atmungsaktivität des Schuhs. Goretex verwendet übrigens als Membran-Isolierung offenzelligen, also dampfdurchlässigen Schaumstoff.

Beim Futter kommen interessanterweise auch Naturprodukte wie Loden oder besonders kuscheliges Lammfell (Meindl) zum Einsatz. Deren Wärmeleistung ist zwar nicht sehr gut, dafür atmen diese Materialien ohne Kombination mit einer Membran umso besser (Hanwag). Pelziges Kuschelfutter und schnelltrocknendes Gestrick (z. B. Columbia) machen den Einstieg in den Schuh besonders angenehm. Und auch beim Tragefeeling kann das Gestrick angenehm überraschen. Dennoch sollte dieser Fakt nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kälteisolation dieser Stoffe leider zu wünschen übrig lässt. Die oben erwähnten, künstlichen Materialien isolieren wesentlich effektiver.

Mit Haken und Ösen –der Schaft
Ein hoher Schaft mit ergonomischer Form und großer Beweglichkeit oberhalb des Knöchels (nach vorn und hinten) ist optimal fürs Winterwandern geeignet. Besonders auf ungeräumten, gespurten Wegen und bei der Verwendung von Schneeschuhen ist diese Bauart von Vorteil. Nicht mehr als Stiefel im eigentlichen Sinne können Schuhe mit mittelhohem Schaft gelten (Icebug sogar nur knöchelhoch): Mit ihnen  benötigt man immer Gamaschen, außer vielleicht beim Spazieren auf geräumten Wegen. A propos Gamaschen: Die sind bei den Allroundstiefeln von LaSportiva bereits eingebaut, erfordern aber wegen ihres Miniformats bei Stapferei in tieferem Schnee wasserdichte Hosen. Sehr hohe Schäfte wärmen mehr, aber stoßen an die Grenzen der Schuh-Beweglichkeit (Lowa: oberste Schnürung stört beim Aufstieg, Meindl: Knick überm Ristbeim Gehen). Zum Einsteigen ist eine hinten am Schaftabschluss angebrachte Schlaufe sehr hilfreich – besonders bei ergonomisch geformten Schäften, die über dem Knöchel enger werden (Icebug, Salomon).

Für den Halt am Fuß ist hauptsächlich ein Element verantwortlich: die Schnürung. In bekannter Weise wird mit Ösen oder Textilschlaufen unten und Haken oben gearbeitet. Erstaunlicherweise gibt es dabei keinen Unterschied zwischen dem Handling eher leichtgängigerer Schlaufen (Adidas: hakelig) und konventionelleren Ösen (Kamik: sehr leichtgängig). Bei allen mittleren bis hohen Schuhtypen ist ein Tiefzug an der Fußkehle nützlich, der die Zunge und damit den Fuß in den Schuh drückt (z. B. Lowa). Idealerweise lässt sich damit auch die Schnürung fixieren, um ihre Härte und Druckverteilung anzupassen (Hochtourenstiefel LaSportiva und Scarpa, auch Hanwagund Icebug).

Einlage im Profil – die Sohle
Sie ist unerlässlicher Bestandteil der Kälteisolation eines Winterstiefels: die Mittel- und Innensohle muss gut isolieren, denn von unten ist es bei Schneelage besonders kalt. Als Faustregel gilt: Je dicker die Sohle (»Standhöhe«), desto besser die Isolation. 2,5 Zentimeter Höhe sollten allerdings das Minimum sein (Salomon und Lowa sogar über 3 cm). In Sachen Fußbett-Qualität siehtes nicht ganz so gut aus. Die meisten Winterstiefel besitzen leider Standardeinlagen aus Schaumstoff mit schweißabsorbierender Textilauflage. Immerhin haben sie häufig gelochte Vorderteile. Raffiniertere Einlagen wie von Meindl (kuschelig und atmungsaktiv), Lowa (nicht atmungsaktiv, aber gut isolierend) und Icebug (mit Fersendämpfer) oder gar mit ergonomischem Fußbett (Hanwag) sind eher die Ausnahme. Durch die relativ große Standhöhe ist die Gefahr größer umzuknicken. Viele Hersteller statten ihre Winterstiefel daher mit Supinationsstützen (gegen Umknicken nach außen) für den Vorderfuß aus, manche auch mit Pronationsstützen für die Ferse (Umknicken nach innen; Lowa).

Mit Ausnahme von Salomon (Standhöhe 3,8 cm!) und klettertauglichem Scarpa ist die Umknickgefahr vor allem bei Schneelage eher gering. Bei der Profilsohle lassen sich grob Schnee- und Eis-Profile (»S&E«) von Eis-und-Schnee-Profilen (»E&S«) unterscheiden. Letztere haben meist flacheres Profil und eine eistaugliche Gummimischung wohingegen erstgenannte normalerweise ein mitteltiefes (5 mm), aggressives oder grobstolliges Profil besitzen. Es gibt aber auch reine Schneeprofile wie von Northland. Die Sohle von Hanwag mit ihren Einsätzen aus Glasstaub ist ein echter Alleskönner: Nur die Spikes von Icebug halten auf Eis besser, dafür aber kaum in weichem Schnee. Die Kunststoffspikes von Adidas haltendagegen auf mehr oder weniger festgetretenem Schnee –weshalb sich beide Modelle nur fürs Winterwandern eignen.

Bewertungen und Gewicht
Die wichtigste Aufgabe eines Winterstiefels ist zweifellos das Wärmen des Fußes und (unteren) Unterschenkels (bei Meindl, Lowa auch des kälteanfälligen mittleren). Bis minus 40 Grad Celsius schützen die Schuhe von Salomon laut Hersteller den Fuß vor Unterkühlung – und das bei dem unglaublich geringem Gewicht von nur 1,4 Kilogramm pro Paar! Ein sehr beachtlicher Wert für den wärmsten Schuh dieser Kaufberatung. Einziges Manko: der auf tiefere Temperaturen begrenzte Einsatzbereich. Die beiden amerikanischen Hersteller Kamik und Columbia sind besonders wegen dünnerer Sohlen eher an mitteleuropäische Temperaturen angepasst. Alle übrigen Schuhe dieser Übersicht sind auch im Hochwinter für Winter- und Schneeschuhwanderungen warm genug. Verfrorene können jedoch in den Modellen von Northland und Hanwagkalte Füße bekommen. Die Gummi-Profilsohlen der meisten Stiefel eignen sich sehr gut für Schneestapfen und geräumte Wege – mit Ausnahme nicht wirklich wintertauglicher Sohlen (v. a. Keen). Manche Trittflächen weisen aber Mängel wie flaches Profil (Kamik), seitliches Rutschen (Columbia) oder nicht vorhandene Glätteeignung (Northland) auf. Spikes-Schuhe sind dagegen kaum (Icebug) oder nur schlecht (Adidas) in weichem Schnee zu verwenden. Sie haben jedoch ein sensationell niedriges Gewicht (um 1,2 Kilogramm) und halten am besten bei Eis bzw. Schneeglätte. Das Alleskönner-Profil von Hanwag hält sowohl auf Eis wie auch auf Schnee hervorragend. Bei den anderen Winterstiefeln ist der Halt auf Eis eher durchwachsen und ohne Test für den Käufer kaum zu bestimmen.

Einmal ins Rutschen geraten, was gerade bergab schnell geschehen kann (außer bei Icebug), hilft kein Qualitätsunterschied mehr. Beim Sitz des Schuhs am Fuß schneiden erwartungsgemäß Winterstiefel mit sehr hohem Schaft und Hochtourenstiefel relativ gesehen am besten ab (plus: Adidas). Überraschend auf Basis bisheriger Erfahrungen ist hingegen der durchwegs gute Fußhalt aller anderen vorgestellten Winterstiefel! Herauszuheben ist dabei Salomon mit super Fußhalt und Keen mit nur mäßigem Halt. Schuhe mit weichen Sohlen lassen sich ebenfalls erwartungsgemäß hervorragend abrollen (v. a. Adidas). Modelle mit mittelharter Sohle rollen noch gut ab. Tatsächlich ist letztere Kombination abseits geräumter Wanderwege eindeutig die geeignetste – nur übertroffen von Columbia und Salomon mit sehr gut abrollender Sohle. Steigeisen feste oder -taugliche Schuhe rollen zwar wegen fehlender Zehenaufbiegung tendenziell schlechter ab (v. a. Scarpa); aber der Allrounder von LaSportiva (2,05 kg) zeigt, dass es dennoch etwas besser geht. Der robuste und schwere (2,2 kg) Geländeschuh von Lowa ist übrigens eine Ausnahme im Sortiment der Firma, die hauptsächlich leichte Winterwanderschuhe für geräumte Wege herstellt.

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