Stille Helfer: Klettersteigsets

Lebensretter Klettersteigset?

Mit der steigenden Zahl der Klettersteiggeher wurden in den vergangenen Jahren auch die Klettersteig-Sets verfeinert. Eine Garantie für folgenlose Stürze gibt es bislang trotz aller Bemühungen der Industrie jedoch nicht.
 
Seil für die Massen: Klettersteiggehen bedeutet für viele Bergwanderer den ersten Kontakt mit dem Fels. © www.mammut.ch
Seil für die Massen: Klettersteiggehen bedeutet für viele Bergwanderer den ersten Kontakt mit dem Fels.
Klemmende Fensterheber, falsch auslösende Airbags, rutschende Fußmatten: Die vergangenen Jahre waren für Toyota nicht lustig. Kaum ein Quartal, in dem der Autohersteller nicht Millionen Autos in die Werkstätten zurückbeordern musste. Kommentatoren und Konkurrenten spotteten, Image und Umsatz litten. Vor allem, weil die Rückrufaktionen Verkaufsschlager wie das Modell »Corolla« betrafen. Die Bergsportbranche kannte so etwas bis dahin kaum, bei den Herstellern gehört gewissenhafte Produktentwicklung zum Markenkern. Kein Wunder, denn manchmal hängt das Leben der Kunden im Wortsinne von der Qualität der Produkte ab.

Doch im Sommer 2012 war es soweit: Die Branche hatte ihren Toyota-Moment. Nach einem tödlichen Unfall mussten Klettersteig-Sets in Rückrufaktionen massenhaft ausgetauscht, ihre Konstruktioktion und Haltbarkeit neu überprüft werden. Die Kunden waren verunsichert, der Schaden enorm. Ähnlich wie bei Toyotas Kleinwagen Corolla traf es mit den Klettersteig-Sets ein Produkt, das sich in der jüngeren Vergangenheit fast wie von selbst verkaufte.

Spektakuläre Blicke aus und auf Felslandschaften, Grenzerfahrungen bei luftigen Passagen, das Drahtseil immer in Griffweite – Klettersteige sind für viele Berggänger attraktiv, die sonst nicht unbedingt zu den Nordwand-Gesichtern zu zählen sind. Die Eisenwege sind scheinbar mit wenig Vorwissen zu begehen, den Erfahrungsschatz der Alpinkletterer braucht es nicht. So entwickelte sich der Sport in den vergangenen Jahrzehnten zu einem wahren Massenphänomen.

45 Prozent der Mitglieder des Deutschen Alpenvereins (DAV) gaben bei einer Befragung 2009 an, regelmäßig mit Hilfe von Eisenleitern und -seilen Felswände zu durchsteigen, auf Skitour gehen zum Vergleich nur 30 Prozent. Die Zahlen haben sich zwar seit der Befragung fünf Jahre zuvor kaum verändert, die Anzahl der Vereinsmitglieder ist aber im gleichen Zeitraum um 20 Prozent gestiegen. Hinzu kommen all jene, die ohne Vereinsausweis losziehen. Heißt unterm Strich: deutlich mehr Klettersteig-Geher – in deutlich mehr Klettersteigen.

Denn am besten lässt sich der Boom an der Anzahl der Wege ablesen: Jedes Jahr entstehen in den Alpen 50 neue Anlagen, etwa 1400 sind es laut der Datenbank www.klettersteig.de allein in Italien, Österreich, Deutschland und der Schweiz. In einer im Juni erscheinenden Dokumentation hat die Naturschutz-Organisation Mountain Wilderness allein für die Jahre 2008 bis 2012 mehr als hundert neue Eisenrouten in den deutschsprachigen Alpenländern gezählt.

»Liftbetreiber und Tourismusverbände bauen Action-Anlagen in Bergbahnnähe, die mit Brücken, Netzen und Seilrutschen ausgestattet sind. Das hat mit Alpinismus nichts mehr zu tun«, meint Vorstandsmitglied Gotlind Blechschmidt. »Wir sind nicht generell gegen Klettersteige, aber genug ist genug.« Denn der Bau-Boom wirkt sich nicht nur negativ auf die Natur aus, auch die Zahl der Notfälle steigt. Laut der DAV-Unfallstatistik vom vergangenen Jahr haben sich die Meldungen seit 2006 verdoppelt, seit 2002 sogar auf rund 50 pro Jahr verdreifacht. Das Problem seien laut DAV weniger die ganz Unerfahrenen, sondern fortgeschrittene Anfänger. Nach 20, 30 Einsteigertouren überschätzen sich viele und landen nicht selten in Situationen, in denen sie weder vor noch zurück wissen: Der Hälfte aller abgesetzten Notrufe liegt nicht etwa eine Verletzung zu Grunde, sondern schlicht psychische Überforderung angesichts schwindelnder Tiefe.

Schock für die Klettersteig-Branche

Hätte sich die Sicherungstechnik nicht rapide weiterentwickelt, lägen die Unfallzahlen wohl noch um einiges höher. Vor ungefähr 20 Jahren nahm die Entwicklung der Klettersteig-Sets mit zwei entscheidenden Neuerungen Fahrt auf. Zum einen wurden spezielle Karabiner entwickelt, die sich nach dem Zuschnappen automatisch verriegeln und bei einem Sturz nicht aufgehen können. Die zweite Innovation waren Reibungsbremsen: Die beiden Arme des Klettersteig-Sets waren anfangs noch aus einem Seilstück gefertigt, das in der Mitte durch ein kleines Metallstück – die Seilbremse – gefädelt wurde. Fiel ein Bergsteiger, der jeweils nur einen Fangarm zur Sicherung benutzte, zog es die andere Seilhälfte durch die Seilbremse. Teile der Fallenergie wurden so in Reibungsenergie umgesetzt und somit die Kräfte, die auf den Körper wirkten, reduziert.

Auch wenn diese V-Form heute als veraltet gilt, so basiert das heute noch gängige Prinzip (Y-Form) auf diesem Modell. Vor einigen Jahren tauchte ein weiteres System in den Regalen auf: sogenannte Bandfalldämpfer mit gefalteten und vernähten Bändern. Sobald die Kraft beim Fall ins Set fünf Kilo-Newton übersteigt, reißen die Nähte Stück für Stück auf und federn so den Sturz ab. Die Systeme erfahren im Gegensatz zur Reibungsbremse auch bei Nässe oder Verschmutzung keinen Funktionsverlust und werden daher von Sicherheitsforschern empfohlen. Seit neuestem gibt es auch Seilklemmen, die ähnlich wie eine Prusikschlinge am Drahtseil mitlaufen und im Falle eines Falles nicht zurückrutschen. Durch geringere Sturzhöhen sind die wirkenden Kräfte automatisch kleiner. Sicherheits-Experten finden die Entwicklung vielversprechend, mahnen aber eine bessere Handhabbarkeit an.

Im Sommer 2012 traf die Branche dann der Schock: Ein unerfahrener 17-Jähriger stürzte im schwierigen Direttissima-Klettersteig am Walchsee, als beide Fangarme seines Leih-Klettersteig-Sets rissen. Untersuchungen ergaben, dass die elastischen Fangarme des Sets durch das häufige Dehnen geschwächt worden und einfach gerissen waren. Mehrere Hersteller riefen daraufhin nicht nur diverse Modelle zurück, sondern führten eigenständige Tests durch. In Zusammenarbeit mit der Sicherheitsforschung des DAV wiesen sie an Systemen mit Reibungsbremsen weitere Mängel nach.

Vereinfacht lässt sich das Problem so darstellen: Mit der Zeit verliert das Material seine Flexibilität, die Reibung in der Bremse und der Fangstoß werden dadurch höher, die Belastung der Fangarme steigt. »Klettersteig-Sets wurden bisher aufgrund der Erfahrungen bewertet, die man im Umgang mit Schlingen und Seilen etwa im Kletterbereich gesammelt hatte«, erklärt Florian Hellberg von der DAV-Sicherheitsforschung. »Die Belastungen sind bei Klettersteigen aber andere, das Problem der Alterung wurde unterschätzt. Von der Industrie, aber teilweise auch von Experten wie uns.«

So folgte im Februar 2013 die zweite Rückrufaktion. Zudem wurde die entsprechende Norm der UIAA verschärft. Verunsicherten Kunden rät Hellberg, drei Punkte zu beachten: »Ist mein Set vom Rückruf betroffen? Wenn nicht: Liegt sein Alter noch innerhalb der vom Hersteller angegebenen Lebensdauer? Und wenn auch das der Fall ist, sollte man checken, dass es nicht zu abgenutzt ist.« Darüber hinaus warnt er davor, auch ein intaktes Klettersteig-Set als Garantie für folgenloses Stürzen zu sehen: »Im Grunde ist ein Klettersteig-Set keine Sicherungsausrüstung, die Unfälle ausschließt, sondern eine Notfallausrüstung.« Vergleichbar vielleicht mit einem Airbag im Auto, »der die Verletzungen reduziert, aber nicht dafür sorgen kann, dass man unversehrt davon kommt«. Was in diesem Fall aber nichts mit Toyota zu tun hat.
Von Moritz Baumstieger
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 06/2013. Jetzt abonnieren!
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