Klettersteigsets: Das sollten Sie wissen | BERGSTEIGER Magazin
Wissenswertes rund um's Klettersteigset

Klettersteigsets: Das sollten Sie wissen

Ein Klettersteigset ist unabdingbarer Ausrüstungsgegenstand am Klettersteig. Doch welche Arten von Klettersteigsets gibt es am Markt? Worauf ist beim Kauf zu achten und wie lange kann ein Set in Gebrauch bleiben? Hier finden Sie Antworten.
 
Wissenswertes zum Klettersteigset © Dagmar Steigenberger
Wissenswertes zum Klettersteigset
»Dass Gurt, Klettersteig-Set und ein Helm Voraussetzungen für ein sicheres Klettersteigerlebnis sind, möchte ich nicht groß erwähnen. Was aber viel zu oft vergessen wird: Fragen stellen. Dem Partner und auch sich selbst. Manche Bergsportler sind den Routen, in die sie einsteigen, mental nicht gewachsen. Deshalb sollte man sich schon bei der Tourenplanung genauestens fragen: Bin ich wirklich schwindelfrei? Hat mein Tourenpartner sicher kein Problem damit, über 50 Höhenmeter eine Eisenleiter hochzuklettern? Wenn man all diese Fragen mit »Ja« beantworten kann: Nichts wie los. Aber wenn auf der Tour das kleinste Anzeichen von Unsicherheit auftritt, sollte man die Fragen noch einmal stellen. Zugeben, dass man lieber umkehren will, ist keine Schande. Von einem Helikopter aus einem Klettersteig geholt zu werden, weil die Psyche nicht mehr mitspielt, hingegen schon
- Reiner Taglinger, Jahrgang 69, ist Leiter der Mammut Alpine School, Vorstand Ausbildung des deutschen Bergführerverbandes und Profi bergführer seit mehr als 20 Jahren.

Klettersteigsets - vier Typen, ein Ziel

Das Prinzip der Klettersteig-Sets ist immer das Gleiche: Zwei Seil- oder Bandschlingenarme lassen sich per Karabiner in ein Sicherungsdrahtseil einklinken. Am anderen Ende befindet sich eine Einbindeschlaufe zum Fixieren am Klettergurt, dazwischen liegt ein Fangstoßdämpfer zum Absorbieren der Fallenergie. Unterschiede gibt es allerdings in den Details, die über Sicherheit und Bedienungskomfort entscheiden. Eine Sonderform sind die neuen Modelle mit Rücklaufsperre dank einer Seilklemme an einem zusätzlichen dritten Arm.
Klettersteigset V-Form

Die V-Form

Da nur ein Karabiner eingehängt wird, sollte dieses veraltete System wegen mangelnder Redundanz nicht mehr verwendet werden. Weg damit!

Klettersteigset Y-FormDie Y-Form

Wie bei der V-Form wird die Fallenergie mit Hilfe einer Reibungsbremse reduziert. Da beide Karabiner ins Drahtseil eingehängt werden, sind die Sicherheitsreserven größer. Weiterhin üblich.

Klettersteigset Bandfalldämpfer

 

Bandfalldämpfer

Im Falle eines Sturzes wird der Bremsweg durch Aufreißen eines verwobenen oder vernähten Bandmaterials verlängert. Derzeit vorherrschend.

Klettersteigset Rücklaufsperre

 

Rücklaufsperre

Drahtsteilklemmen reduzieren die Fallhöhe und damit den Sturzfaktor an besonders heiklen Stellen.




 

Kleines Sturzglossar

Sturzfaktor: Seile dehnen sich bei Belastung und nehmen so Energie auf. Je kürzer das Seil, desto geringer sind Dehnung und Energieverbrauch. Als Maß für die Sturzhärte gilt der Sturzfaktor: die Sturzhöhe geteilt durch die Länge des Seilstücks, das den Sturz abfängt. Wenn ein Sportkletterer also nach 20 Metern fünf Meter fällt, beträgt der Sturzfaktor also 0,25 (5/20). Beim Klettersteig-Set steht nur etwa ein Meter Seil zur Verfügung. Der Sturzfaktor beträgt beim gleichen Sturz 5/1 – die Belastung für Karabiner und Körper ist hier also 20 Mal höher als beim Klettern.

Fangstoß: Fangstoß nennt man die maximale Kraft, die beim Sturz auf Körper und Sicherungen wirkt – also den Ruck, den man beim Abbremsen spürt. Je höher der Sturzfaktor, desto höher der Fangstoß. Laut Norm darf er bei Klettersteig-Sets sechs Kilo-Newton betragen – das entspricht noch immer der Kraft eines Gewichtes von 600 Kilogramm, das am Körper ziehen würde. Deshalb gilt: Am besten gar nicht stürzen.

Statische Bremswirkung: Bei einem Sturz in ein fixiertes Seil absorbiert dieses die gesamte Energie durch Dehnung. Am Klettersteig ist dieses Seilstück meist kurz, der Fangstoß damit hoch. Noch härter ist der Fall, wenn man Reepschnur oder Bandmaterial statisch verwendet, da sich diese so gut wie gar nicht dehnen.

Dynamische Bremswirkung: Eine dynamisch wirkende Klettersteigbremse vernichtet die beim Fallen auftretende Energie durch Reibung, indem das Sicherungsseil durch die Bremse gezogen wird. Hier ist es egal, ob man Seil- oder Bandmaterial verwendet. Wenn Bremse und Seilmaterial ideal abgestimmt sind, wird der Sturz weich abgebremst wie durch ein Luftkissen.

Zur Lebensdauer von Klettersteigsets

Im Zuge der Rückrufe korrigierten viele Hersteller ihre Lebensdauerangaben nach unten – jeder für sich. Heraus kam ein wildes Durcheinander an Empfehlungen, in das eindeutig Licht gebracht werden sollte. »Bei häufiger Nutzung auch kürzer« ist jedenfalls keine Angabe, mit der man gerne in ein gegebenenfalls lebenswichtiges Equipment steigt. Bis dahin gilt für Verbraucher folgendes:

Erster Check: Ist mein Set von einem Rückruf betroffen? Hierzu informiert man sich am besten unter www.alpenverein.de/Bergsport/ Sicherheit/Rueckruf-Klettersteigsets/
Zweiter Check: Seit 2007 ist die Angabe des Herstellungsdatums auf dem Set verpfl ichtend. So kann man mit der Lebensdauerangabe des Herstellers (Bedienungsanleitung) überprüfen, ob das Set noch tauglich ist. Ist das Datum überschritten, sollten die Sets ohne Wenn und Aber ausgetauscht werden – nach einem Sturz sowieso. Seit 2010 müssen Sets mit Reibungsbremse eine Markierung haben, die angibt, ob der Sturz »zu weit« ging. Bei Bandfalldämpfern dürfen keine Nähte aufgerissen sein.
Dritter Check: Ist die Abnutzung in Ordnung? Besondere Vorsicht bei Verleihstationen! Alterung, häufiger Gebrauch und Abnutzung, die an Klettersteig-Sets eklatant schneller als an anderer Kletterausrüstung eintreten, sind hier schwer einzuschätzen. Unbedingt die Aufpelzung und Abnutzung der Äste beachten!
Von Moritz Baumstieger
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