Starke Seilschaft: Klettergurte im Test | BERGSTEIGER Magazin
Kaufberatung Klettergurte

Starke Seilschaft: Klettergurte im Test

Die Anforderungen an einen Klettergurt in den Bergen sind deutlich vielseitiger als beim Sportklettern. Von Klettersteig über Gletschertour bis zur materialintensiven Eis- oder Alpinkletterei muss er alles mitmachen. Wir zeigen Ihnen, worauf Sie achten sollten.
 
Die Bergsteiger-Redaktion hat 12 Klettergurte getestet. © pixabay
Die Bergsteiger-Redaktion hat 12 Klettergurte getestet.
Wer hat sich auf Hochtour nicht schon über seinen Klettergurt geärgert? Erst mal die klobigen Hochtourenstiefel durch die dünnen Beinschlaufen fädeln, und dann stellt man fest, dass diese mit langer Unterhose am Oberschenkel ganz schön eng sind. Ein Glück, dass man die vielzackigen Steigeisen nicht schon vorher angelegt hat.

Solche Situationen stellen besondere Anforderungen an Hüftgurte: Am besten sind sie zu erfüllen mit weitenverstellbaren Beinschlaufen für unterschiedliche Kleidungs-, Oberschenkel- und Schuhgrößen. Häufig sind diese sogar für Steigeisen oder Ski inklusive des Gurts komplett zu öffnen.

Flexibel dank Riemenzug

Auch Gewicht und Volumen spielen bei langen Touren freilich eine Rolle: Dank immer dünnerer Materialien wiegen die vorgestellten Alpingurte in Größe M nur noch zwischen 390 und 440 Gramm, leichte Allrounder liegen sogar darunter (Camp 230 g, Gletschergurt: Singing Rock/Alpingurt: Petzl ca. 260 g). Entsprechend schrumpft auch das Packmaß der kleinsten Modelle auf unter 2,8 Liter (zusätzlich Skylotec, Edelrid), die sich somit besonders gut für Klettersteigtouren mit wenig Gepäck eignen. Bei den üblicherweise vier Größen (teilweise plus Kindergröße) ist der Gurt per Riemenzug optimal an den Umfang von Hüfte und Beinen anzupassen. Bei Beinschlaufen ohne Verstellung wie beim Sportklettergurt passt nur eine dünne Kletterhose drunter.

Für das Hochtouren- und Expeditionssegment sollte ein Gurt dagegen möglichst über zwei Größen verstellbar sein, sodass er an unterschiedliche Bekleidungslagen angepasst werden kann. Hier sind zwei frontale Schnallen für beidseitigen Riemenzug Vorraussetzung, damit der Gurt nicht seitlich verrutscht, sondern immer zentriert liegt und die Materialschlaufen in Reichweite bleiben.

Diese 12 Modelle haben wir getestet

Blockierende Sicherheitsschnalle

Im Idealfall liegt der Gurt auf dem Beckenkamm. Er basiert auf einem tragenden, weitenverstellbaren Band mit einer zweiteiligen Sicherheitsschnalle (Slide Block), die beim Festziehen blockiert. Schnallen, deren Bänder sich leicht aus und einfädeln lassen, machen nur bei komplett zu öffnenden Berggurten Sinn, da sie sich ohne Belastung bei Bewegung lockern können (außer bei Mammut mit Raste). Dies kann zu schlecht angepasstem Sitz des Gurts und einer instabilen Lage nach einem Sturz führen. Die Gurtschnalle sollte leichtgängig zu bedienen sein, wobei unverrückbar schließende Schnallen etwas hakelig zu öffnen sein können (v. a. Skylotec).


Mit zwei Schnallen lässt sich jeder Alpingurt trotz meist nur zwei Größen perfekt zentrieren.

Hier nicht vorgestellte Sitzgurte und einige Sport-Hüftgurte besitzen Glider-Verschlüsse, die sich nur verschieben – nicht öffnen – lassen. Für Touren, bei denen längere Hängepartien anstehen, wie schwere Alpintouren oder schwere Klettersteige, sollte der Gurt am Rücken breiter und komfortabel bis zur Frontschnalle gepolstert sein. Der Komfort kann durch schweißabsorbierendes Meshgewebe verbessert werden oder auch neuerdings durch breite Gewichtsverteilung und luftige Dampfdurchlässe aus durchbrochenem Schaumstoff.

Beinschlaufen sollten aufliegen

Die Beinschlaufen sind fast immer analog zum Hüftgurt konstruiert, einschließlich der Schnallen (Black Diamond mit leichtgängigen Schiebern). Sie sollten sich dem Bein optimal anpassen und gerade so eng sein, dass sie am Oberschenkel aufliegen. Sie sind mit elastischen Gummibändchen hinten am Gurt befestigt, deren Länge sich individuell anpassen lässt. Hierfür ist eine getrennte Befestigung übersichtlicher, hingegen eine gemeinsame Hängung bei einer Einzelfädelung fieseliger. Um beim Anlegen verdrehte Beinschlaufen problemlos auszurichten, sollten sich die Bändchen abhängen lassen. Am einfachsten klappt das mit einer Schnalle. Beinschlaufen mit steifer Aufhängung sind praktisch unverdrehbar.


Beinschlaufen sollten so eng zugezogen werden, dass sich gerade noch eine Hand darunter schieben lässt.

Zwei Wege für das Seil

Der sogenannte Zentralring, in den das Sicherungsgerät gehängt wird, verbindet die Aufhängungen (Stege) von Hüft- und Beinteil so, dass der Hüftgurt in sich beweglich bleibt. Alle drei Schlaufen sind verstärkt. Entweder lässt sich das Seil in den Zentralring einbinden (immer beim Klettersteigset mit Ankerstich und Gletscher-Sackstich mit Schraubkarabiner), was bei häufigem Einbindewechsel in der Halle oder im Klettergarten einfacher ist. Oder man führt das Seil durch die Stege von Beinschlaufen und Hüftgurt. Dies ermöglicht eine unbehinderte Sicherung oder Selbstsicherung am Zentralring und man kann beim Ausbouldern näher an der Zwischensicherung hängen. Hier ist allerdings der Verschleiß an den Beinschlaufen höher (Mammut deshalb mit Plastikschutz). Zeigen sich an einem Teil der Aufhängung deutliche Verschleißspuren, muss der Klettergurt ausgetauscht werden. Salewa hat einen Verschleißindikator an der Beinaufhängung (Mammut an Ring und Gurt). Die ist bei Mammut und Skylotec austauschbar.

Wie hängt man im Gurt?

Beim freien Hängen erreicht man in allen Klettergurten bei bewusst vorgeneigtem Oberkörper eine stabile Hängeposition. Nur bei Mammut und Skylotec hängt man normalerweise bei wenig Anspannung aufrecht (Berggurt Singing Rock immer aufrecht wie beim Sitzgurt), während man ansonsten unter Anspannung schräg hängt (nur kurzzeitig möglich). Wer mit schwerem Rucksack oder bei langen Hakenabständen unterwegs ist, kann im Fall von unkontrollierten Stürzen mit einer Hüft-Brustgurt-Kombination ein Hängen kopfüber vermeiden. Die Hängposition bei der Einbindung im Zentralring ist etwas günstiger als bei Einbindung in die Aufhängungsstege. Gurte, die an den Beinen drücken, sind für dauerhaftes Hängen weniger geeignet (z.B. Petzl), Gurte, die in der Taille oder an der Hüfte drücken, weniger für Schlingenstand (z.B. Edelrid, Black Diamond). Ein Gurt, der unter Belastung ganz in die Taille rutscht, wird dort immer drücken. Muskulöse Kletterer werden generell weniger Druck an den Beinen empfinden.


Alpinklettergurte sollten zur Ordnung des vielseitigen Materials vier Materialschlaufen plus hintere Hängschlaufe sowie zwei Toolclip-Schlaufen als Zusatzoption besitzen.

Gut organisiertes Material

Die Standardausstattung zur Materialverstauung besteht aus vier Karabinerschlaufen (für Klettersteig, Gletscher und Halle reichen zwei) für Expressschlingen, Sicherungsgerät, Sicherungsmittel wie Klemmkeile und Schlingen. Für ergonomisch optimales Ein- und Aushängen der Karabiner sollten die Schlaufen unten über den Gurt hängen. Die vorderen Karabinerschlaufen sollten für besseres Einhängen seitlich steif aufgebogen sein und vorn tiefer hängen, damit die Expressschlingen vorrutschen, um immer griffbereit zu sein. Die Karabiner lassen sich in die vorderen Schlaufen am besten von oben, in die hinteren von unten einhängen. An Alpingurten befinden sich zusätzlich Toolclip-Halterungen für Sicherungsmittel oder Eisgeräte. Eine kleine Heckschlaufe (Salewa hat zwei) dient dem Einhängen von Abstiegsschuhen, Trinkflasche oder Nachziehseil, beim Plaisir-/ Sportklettern dem Chalkbag.

Fazit: Vielseitig wie nie zuvor

Die fehleranfälligen Rückführungsverschlüsse klassischer Klettergurte haben ausgedient. Sie wurden durch den fehlersicheren Slideblock, teils mit möglicher Komplettöffnung, ersetzt. Raffinierte Konstruktionen machen auch die Gebirgsgurte für immer mehr Einsatzbereiche (der neueste ist das Abseilen bei Freeride-Abfahrten mittels in die Hose integriertem Hüftgurt) nicht nur immer leichter, sondern verteilen die Häng- bzw. Sturzlast auch immer besser. Zudem ermöglichen sie meist eine bessere Lüftung. Alpingurte mit Doppelschnallen und optionaler Komplettöffnung sind durch zusätzliche Anhängoptionen (Toolhalter, Hängschlaufe) vielseitig wie nie zuvor.
 
Christian Schneeweiß
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 06/2016. Jetzt abonnieren!
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