Dreilagige Hardshelljacken im Test | BERGSTEIGER Magazin
Bergsteiger-Kaufberatung

Dreilagige Hardshelljacken im Test

Die Dreilagenjacke ist einer der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände in den Bergen. Die aufwändigen Konstruktionen garantieren allzeit Wetterschutz, Robustheit und Klimakomfort. Trotzdem gibt es riesige Unterschiede, wie das Garmischer "Kompetenzzentrum Sport Gesundheit Technologie" beim Bergsteiger-Test herausgefunden hat.
 
Wasserdicht sind alle getesteten Jacken – entscheidend ist der Klimakomfort. © Kompetenzzentrum Sport Gesundheit Technologie
Wasserdicht sind alle getesteten Jacken – entscheidend ist der Klimakomfort.
Der erste Unterschied besteht alleine schon im Preis: Die Spanne reicht von mittleren zweistelligen bis hin zu hohen dreistelligen Beträgen, die man für eine dreilagige Hardshell-Jacke hinblättern muss. Die Hersteller selbst begründen die hohen Preise mit der außergewöhnlichen Funktion, exklusiven Materialien und natürlich der Leistungsfähigkeit der Membranen.

Bei den dreilagigen Jacken ist die empfindliche und nur hauchdünne Membran fest mit der Außenschicht und mit dem Innenfutter verbunden. Sie ist dadurch ideal gegen mechanische und chemische Einwirkungen geschützt. Die Membran hat einen sehr großen Anteil an der Funktionalität der Jacke, denn sie garantiert hundertprozentige Wasserdichte bei gleichzeitig hohem Klimakomfort.

Am Berg statt im Labor

Bei unserem Test wurden für eine möglichst objektive Bewertung zunächst alle Jacken gewogen und vermessen. Die komplexen Faktoren Klimakomfort und Wasserdichte wurden nicht im Labor, sondern von einer ausgesuchten und erfahrenen Testmannschaft in der Praxis bewertet. Denn die im Labor ermittelten Werte, etwa für Dampfdurchlässigkeit, lassen sich nicht automatisch für andere Temperaturen oder eine andere Luftfeuchtigkeit übertragen.


Unverzichtbare Öffnungen, meist unter den Armen, sorgen für optimales Körperklima.

So ist es durchaus möglich, dass eine Jacke, die bei einer Temperatur um den Gefrierpunkt und geringer Luftfeuchtigkeit mit einer herausragenden Dampfdurchlässigkeitkeit überzeugt, bei 25 Grad Celsius und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit nicht mehr funktioniert. In der Praxis hingegen, zum Beispiel während des Auf- und Abstiegs bei unterschiedlichen Bedingungen, lassen sich die Vor- und Nachteile einer Jacke bestens beurteilen.

Diese 12 Modelle haben wir getestet

Tatsächlich gibt es wahrnehmbare, teilweise sogar deutliche Unterschiede beim Klimakomfort. Idealerweise sollte eine Funktionsjacke nicht wie eine Dampfsperre wirken, sondern die Feuchtigkeit möglichst ungehindert nach außen transportieren. Bei den getesteten Jacken waren verschiedene Membranen verarbeitet, überwiegend vom Marktführer Gore Tex, aber auch von Toray (Dermizax) oder von Eigenmarken der Hersteller.

Ob Gore Tex nun generell besser ist als Dermizax oder doch die Eigenmarken von Schöffel oder Marmot am besten funktionieren, lässt sich auch nach dem Test nicht beantworten. Denn die Membran ist zwar ein entscheidender, aber doch nur einer von verschiedenen Faktoren, die den Klimakomfort beeinflussen. Genauso wichtig sind ein funktioneller Schnitt, der alle Bewegungen mitmacht, richtig platzierte Taschen, ein die Funktion der Membran unterstützendes Ober- und Innenmaterial, aber auch Belüftungsöffnungen an den richtigen Stellen.

Alle sind wasserdicht

Im Gegensatz zum Klimakomfort gibt es bei der Wasserdichte keine großen Unterschiede. So sind alle getesteten Jacken zu 100 Prozent wasserdicht. Bei modernen Dreilagenjacken in der Preisklasse zwischen 300 und 600 Euro sollte dies auch kein Thema sein. Dank aufwändiger Konstruktionen mit dauerhaft versiegelten Nähten, funktionellen Kapuzen und abgedichteten Reißverschlüssen bleibt der Träger dauerhaft vor Feuchtigkeit von außen geschützt. Ob dies PFC-freien Hardshelljacken ebenfalls gelingt, lesen Sie in unserer Ausgabe 09/2016.


Die Alpspitz-Ferrata mit ihren unterschiedlichen Anforderungen war idealer Testparcours.

Mit einem weit verbreiteten Irrtum ist allerdings aufzuräumen: Dem Glauben, dass man mit einer Dreilagenjacke immer trocken bleibt. Unter den Trägern des Rucksacks oder am Rücken wird man oft nass. Das liegt aber nicht daran, dass die Jacken dort zu wenig wasserdicht sind, sondern einfach daran, dass man unter den Rucksackträgern oder am Rücken stärker schwitzt und die Feuchtigkeit dort dann nicht nach außen dringen kann. Derselbe Effekt entsteht übrigens auch bei trockenen Verhältnissen mit einem T-Shirt oder einer Soft-Shell Jacke: Da schwitzt man auch besonders da, wo der Rucksack oder die Träger aufliegen.

Für den Praxistest entschied sich das Testteam um Christoph Ebert für eine Besteigung der Alpspitze über die klassische Alpspitz Ferrata. Bei Temperaturen zwischen 10 und 15 Grad zu Beginn der Wandersaison war diese Route der perfekte Parcours für den Jackentest. Der Zustieg von der Bergstation der Alpspitzbahn beginnt mit einer kurzen, fast ebenen Strecke. Hier kann man einen ersten Eindruck von der Jacke gewinnen, etwa von der Passform, der Haptik des Materials und der Anordnung der Taschen.

Die Jacke ist kaum zu spüren

Beim Anlegen der Klettergurte und der Klettersteigsets gibt es dann die ersten größeren Unterschiede. Jacken mit Zweiwege-Reißverschluss sind beim Handling mit Klettergurt und Klettersteigset klar im Vorteil, da die Jacke auch über dem Gurt getragen werden kann und das Klettersteigset trotzdem gut zu bedienen ist. Bei der ersten senkrechten Leiterpassage sind dann die Elastizität des Materials sowie ein ausgeklügelter Schnitt gefragt. Im Idealfall sollte die Jacke beim Klettern nicht nach oben rutschen. Sie sollte wie angegossen sitzen und alle Bewegungen problemlos mitmachen.

Beim weiteren Anstieg wechseln sich in der Folge unterschiedliche Passagen ab. Mal geht es steil im Zickzack über Fels und Geröll, mal warten exponierte Kletterpassagen oder Felsabsätze mit Eisenklammern und Drahtseilen. Dabei ist es erstaunlich, wie wenig man mit den Dreilagenjacken schwitzt, oder genauer gesagt, wie wenig man die Dreilagenjacken spürt. Man könnte genauso gut mit einer leichten Softshell-Jacke unterwegs sein und würde genauso viel oder wenig schwitzen.


Die meisten Jacken fühlen sich in jeder Situation so leicht an wie eine zweite Haut.

In regelmäßigen Abständen legte das Testteam kurze Stopps ein, um die Jacken auf dem standardisierten Fragebogen zu beurteilen und die Jacken zu wechseln. So konnte jeder der fünf Tester mindestens sechs Jacken in vergleichbaren Situationen im Auf- und Abstieg bewerten. Folgendes ist dabei aufgefallen:

Die Qualität

Die Qualität aller getesteten Produkte ist herausragend. Glückwunsch an die Hersteller! Sie verstehen nicht nur das Handwerk, sondern auch die Qualitätssicherung. Bei keiner der getesteten Jacken wurden Defekte oder Mängel festgestellt. Alle Jacken mit all ihren technischen Features funktionierten tadellos.

Die Farbe

Je nach Sonneneinstrahlung hat die Farbe der Jacke einen mehr oder weniger großen Einfluss auf den Klimakomfort. Besonders die schwarze Berghaus-Jacke schien sich bei direkter Sonneneinstrahlung richtiggehend aufzuheizen. Zwar mag man argumentieren, dass eine Dreilagenjacke in der Regel eher bei schlechtem Wetter getragen wird, trotzdem würden wir allen Nicht-Jägern alleine schon aus Sicherheitsgründen durch die Signalwirkung eher zu einer bunten und damit auch besser sichtbaren Farbe raten.

Die Features

Es ist großartig, mit welcher Detailversessenheit manche Hersteller ihre Jacken verarbeiten. Da gibt es automatisch blockierende Schnurzüge mit verdeckten Klemmen, unterschiedliche Kapuzenlösungen mit automatischer Helmanpassung, vorgeformte Ärmel, Merinogefütterte Taschen, unterschiedliche Belüftungssysteme, einen abnehmbaren Schneefang, Fleece-unterlegte Reißverschlüsse, Dehnfugen, usw.

Die Dehnbarkeit

Auffällig elastisch und dehnbar waren die mit der Dermizax Membran des japanischen Herstellers Toray ausgestatteten Jacken von Ortovox und Bergans. Besonders für alpine Unternehmungen scheint uns der große Bewegungsspielraum ein großer Vorteil zu sein.

Die Schnitte

Selbstverständlich muss eine Jacke genau passen und auch gut aussehen. Das ist eigentlich eine Grundvoraussetzung für den Kauf einer teuren Dreilagenjacke. Trotzdem gibt es große Unterschiede beim Schnitt und bei der Passform. Einige Jacken wie die La Sportiva Storm Fighter sitzen körperbetont eng und wie angegossen, allerdings findet darunter kaum mehr eine Daunenweste, ein Fleece oder eine Isolationsjacke Platz. Andere Modelle wie die Bergans Storen Jacke sind generell weiter geschnitten und lassen reichlich Platz auch für mehrere Schichten darunter.

Bei der Auswahl kommt es also vor allem auf den möglichen Verwendungszweck an: Wer die Dreilagenjacke nur auf Sommertouren verwendet, ist mit einer schlanken bestens bedient, wer die Jacke außerdem etwa auch noch bei Skitouren oder Schneeschuhwanderungen trägt, der ist mit einer legerer geschnittenen besser beraten.
 
Text: Christoph Ebert, Christof Schellhammer und Wolfgang Pohl
Artikel aus Bergsteiger Ausgabe 09/2016. Jetzt abonnieren!
Tags: 
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren